„Pokémon Schwert“ und „Schild“ im Test

Schnapp sie Dir (fast) alle: Monsterjagd auf Open-World-Kurs

Das neue „Pokémon“-Abenteuer kommt wieder im Doppelpack: „Schwert“ und „Schild“ haben jeweils einige Exklusiv-Monster im Gepäck, außerdem unterscheiden sich einige Arenen und Gebiete. Ansonsten sind beide Spiele - wie gehabt - identisch.
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Das neue „Pokémon“-Abenteuer kommt wieder im Doppelpack: „Schwert“ und „Schild“ haben jeweils einige Exklusiv-Monster im Gepäck, außerdem unterscheiden sich einige Arenen und Gebiete. Ansonsten sind beide Spiele - wie gehabt - identisch.

Getreu dem Serien-Motto „Schnapp sie Dir alle!“ gehen Pokémon-Trainer wieder auf Monsterjagd: „Pokémon Schwert“ beziehungsweise „Schild“ ist die erste Episode der Reihe, die exklusiv für Nintendos Switch entwickelt wurde - mit einer Open-World-ähnlichen Spiel-Region und natürlich frischen Monstern.

23 Jahre nach dem ersten „Schnapp sie Dir alle!“ sind Nintendos mit dem Ur-Game-Boy eingeführten Hosentaschen-Monster dank „Pokémon Go“ und Kino-Held „Meisterdetektiv Pikachu“ so bekannt wie nie - trotzdem stecken die niedlichen Kreaturen seit einiger Zeit in einer kleinen Identitäts-Krise. Auf der einen Seite lauern mittlerweile erwachsene Fans, die „Pokémon“ von Anfang an begleitet haben und sich von der Serie wünschen, dass sie endlich ihren gestiegenen Spiele-Ansprüchen gerecht wird.

Und auf der anderen Seite? Da stehen Millionen begeisterte „Pokémon Go“-Fans, die mit einem vergleichsweise handlichen Smartphone-App-Erlebnis ins Monstersammeln eingestiegen sind.

Dann ist da natürlich noch Nintendos Bestreben, sich die erklärte Kernzielgruppe seiner Spiele-Serie zu erhalten: Kinder. Für die hat man sich die knuffigen Kreaturen-Designs, die lieblich-rundliche Spielwelt und die harmlosen Wettkampf-Geschichten um clevere bis verschusselte Monster-Trainer ja überhaupt erst ausgedacht.

Und schließlich gibt es noch die Turnier-Spieler: Besonders hartgesottene Hobby-Trainer, die ihre Leidenschaft fast schon professionalisiert haben. Die wiederum wünschen sich ein „Pokémon“-Spiel, das sie zwar vor neue Herausforderungen stellt, bei dem sie aber gleichzeitig ihre über viele Jahre hinweg gepflegten Spiel-Taktiken weiter pflegen können.

Ein Pokémon ohne echte Überraschungen

Dass es „Pokémon Schwert“ und „Schild“ vor diesem Hintergrund unmöglich allen recht machen können, scheint programmiert. Darum verlässt sich Entwickler Game Freak einmal mehr auf die Taktik, mit der man spätestens seit Anbruch der DS-Ära gut fährt: Man macht einfach weiter wie bisher - bei der Gestaltung der neuen Galar-Region scheint „Bloß keine Überraschungen!“ das Entwickler-Motto gewesen zu sein.

So beschert man der Community zwar längst überfällige Features wie die heiß ersehnte Schnellreise-Funktion, aber davon abgesehen wird standardisierte Poké-Kost geboten: Statt der erhofften Open World gibt es detaillierter ausgearbeitete Schauplätze wie die monströse Steam-City, die ihrem Namen mit riesigen, ratternden Zahnrädern und schmauchenden Schornsteinen alle Ehre macht. Nur leider durchquert man die immer noch wie auf geradlinig und abwechslungsarm verlaufenden Schienen. Etwas mehr Bewegungsfreiheit gibt es lediglich in den neu dazu gekommenen „Naturzonen“: Hier darf der Spieler die Kamera-Perspektive ausnahmsweise selber steuern und super-starke Hosentaschen-Monster heraufordern, um sich für das Duell mit dem nächsten Arena-Leiter zu rüsten.

Die dafür nötige Monsterjagd muss leider ohne das mit „Pokémon: Let's Go, Pikachu!“ und „Evoli“ eingeführte Pokéball-Accessoire oder die Bewegungssteuerung der Switch-Joy-Cons auskommen: Das „Pokémon Go“ entliehene System, bei dem man Monsterlein mit einem „Wurf“ in Richtung Bildschirm dingfest macht, ist futsch - dafür stehen jetzt wieder die aus alten Serien-Teilen bekannten Runden-Gefechte auf dem Programm. Hier wird der Pokéball wie gewohnt Menü-seitig aus dem Helden-Rucksack gefummelt. Wann oder warum der Ball dabei einen Treffer erzielt - das verrät das Spiel leider nicht. Das ist zwar einen Hauch taktischer als bei „Let's Go, Pikachu!“ und „Evoli!“, aber dafür auch deutlich träger.

Etwas transparenter wird es da schon bei Training und Verwaltung der bereits dingfest gemachten Pokémon: Während die sechs mitgeführten Monster in den Rundengefechten brillieren und bei einem Sieg alle aufsteigen sowie neue Angriffsformen ergattern, muss der Rest der stetig wachsenden Rasselbande in der „Box“ schmachten. Positiv: Neuerdings kann man die Box auch unterwegs managen, um die Pokémon darin zum Beispiel gegen die Kerlchen in der aktiven Front-Truppe auszutauschen - früher musste der Trainer dafür erst eine Stadt und das dortige Poké-Center besuchen.

Ein Pokémon für jeden?

Neu ist außerdem das „Dynamaximieren“ der kleinen Kreaturen: Die schwellen dadurch auf Godzilla-ähnliche Ausmaße an und heizen ihren Widersachern dann mit entsprechend multiplizierten Angriffswerten ein. Das Super-Wachstum der eigenen Schützlinge ist allerdings so selten möglich, dass es am Ende eher ein launiges Gimmick als ein echter Gameplay-Gewinn ist.

Ausnahme: Unter den Naturzonen besuchen mutige Trainer besonders gefährliche Untergrund-Arenakämpfe, in denen sie zusammen mit anderen Spielern gegen dynamaximierte Tierchen antreten - ein gefährliches, aber auch ungewohnt anspruchsvolles Vergnügen, das an die „Endgegner-Raids“ erinnert, wie man sie aus „Destiny“ und anderen Multiplayer-Massenauftritten kennt.

Am Ende entscheidet sich also auch dieses „Pokémon“-Spiel dafür, vor allem die bestehende Feature-Liste zu ergänzen: Weder die Serien-typische Geschichte um einen namenlosen Trainer, der auszieht, um zum Champion seiner Spielregion zu werden, noch die Art und Weise, wie ein „Pokémon“-Spiel im Kern funktioniert, hat Entwickler Game Freak angetastet. Das ist in Anbetracht der zusehends zersplitternden Zielgruppe zwar nachvollziehbar und funktioniert dieses eine Mal noch halbwegs - aber auf Dauer ist es wohl kaum der richtige Weg, um die populären Tierchen bei bester Gesundheit zu halten.

Das Quasi-Switch-Debüt der Reihe wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, die festgefahrene Serie zumindest behutsam neu zu erfinden - zum Beispiel, indem man den Spielern eine moderne offene Spielwelt bietet, die sie nach Lust und Laune erforschen und in der sie ihre eigenen, ganz persönlichen Geschichten erleben können. Vielleicht sollten Nintendos Westentaschen-Monster endlich das hohe Gras verlassen und ihren Horizont öffnen, sonst sehen sie sich irgendwann - vor lauter unaufgeregter Gefälligkeit - mit der Gefahr des Aussterbens konfrontiert. Und das wäre jammerschade.

Ebenfalls schade: Aktuell können langjährige Trainer ihre Pokémons nicht aus den anderen Spielen der Hauptreihe auf „Schwert“ beziehungsweise „Schild“ übertragen - das wird erst möglich sein, wenn Nintendo (vermutlich in einigen Monaten) die „Pokémon Home“-App zur Verfügung stellt. Die ermöglicht dann den 3DS-auf-Switch-Transfer. Mit einer Einschränkung allerdings: In „Schwert“ und „Schild“ fehlen aktuell viele Monster aus den anderen Serien-Teilen - die lassen sich demnach auch nicht durch einen Transfer aktivieren. Vorausgesetzt natürlich, Entwickler Game Freak hat die fehlenden Wesen bis dahin nicht durch ein Update nachgereicht.

teleschau

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