„Streets of Rage 4“ im Test

Rückkehr der SEGA-Haudraufs

Alte Bekannte und Neuzugänge: die illustre Klopper-Riege aus „Streets of Rage 4“.
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Alte Bekannte und Neuzugänge: die illustre Klopper-Riege aus „Streets of Rage 4“.

Schlappe 26 Jahre nach ihrem letzten Auftritt wagen sich die Schläger aus SEGAS 16-Bit-Serie „Streets of Rage“ endlich wieder in den Ring: Die neue Prügel-Orgie beweist mit 2D-Grafiken und freispielbaren Pixel-Extras viel Respekt vor dem Original, verpasst der Serie aber auch eine eigene Note.

Noch älter als Duell-Kampfspiele à la „Street Fighter“ sind Prügler vom Schlage der „Sidescrolling Beat'em-Ups“: Hier kloppen sich vierschrötige Muskelberge und dralle Hau-Drauf-Amazonen durch seitwärts am Spieler vorbei scrollende Straßenzüge oder Korridore - inzwischen bekommen allerlei gesichtslose Handlanger oder Boss-Gegner eins auf die Kauleiste.

Bekanntester Vertreter dieser „Hau drauf und Schluss!“-Spielegattung ist Capcoms „Final Fight“-Serie, die in der Spielhalle und den verschiedensten Konsolen, aber vor allem auf dem 16-Bit-Super-Nintendo für Watschen-Gewitter sorgte. Darum hat Nebenbuhler SEGA die Handkanten-Offensive der Konkurrenz prompt beantwortet - und zwar mit insgesamt drei „Streets of Rage“-Keilereien für seine 16-Bit-Konsole Mega Drive. 1991 wurde losgeschlagen, 1994 war aber schon wieder Schluss. Fortsetzungen für die Nachfolge-Konsolen Saturn oder Dreamcast? Fehlanzeige!

Erst jetzt darf die Klopper-Crew um Kampfsport-Oldtimer wie Body-Builder Axel und Kickbox-Mistress Blaze die seit 26 Jahren stillstehende Backpfeifen-Maschine wieder in Betrieb nehmen, um Rippen zu brechen, Nieren zu punktieren, Unterkiefer zu zertrümmern und Schienbeine zu zerdeppern: KRACKS! Allerdings haben Fans das Comeback nicht etwa SEGA, sondern den auf Retro-Revivals spezialisierten 2D-Experten von Lizardcube („Wonder Boy: Dragon's Trap“) und Dotemu („Windjammers“) zu verdanken - SEGA selber hat dem Projekt lediglich den offiziellen Lizenz-Segen gegeben.

Wie früher, nur anders

Offenkundig hat sich das Vertrauen in die auf 16-Bit-Gedächtnis-Games eingeschossenen Franzosen gelohnt: Anstatt sich zu sehr bei den gepixelten Mega-Drive-Klassikern anzubiedern, haben die Entwickler einen zwar ebenfalls 2D-geprägten, aber ansonsten eigenständigen Grafikstil gewählt. Detailliert gezeichnete und animierte Trickfilm-Figuren verprügeln sich vor knalligen und mit tollen Effekten angereicherten Hintergründen - darunter stilecht mit zertrümmerbarem Gerümpel voll gestellte Gassen, Kanäle, Schiffe, Gefängnisse oder Polizei-Reviere. Trotz moderner Note passen die bunten und mit gestellten Bildverunreinigungen auf Alt getrimmten Bilder hervorragend zum Klassiker-Erbe der Marke. Retronauten werden hier vielleicht nicht ganz so nostalgisch bedient wie im Quasi-Remake der Ende 2019 veröffentlichten „Ninja Saviors“, kommen aber ebenfalls auf ihre Kosten.

Wie in den Vorgängern darf die eigene Figur auch bei „Streets of Rage 4“ seitlich in den Bildhintergrund joggen - auf diese Weise bekommt die eigentlich geradlinige und zweidimensionale Prügel-Orgie zumindest gefühlte Tiefe. Spielerisch haben sich die Entwickler vor allem beim Fan-Liebling „Streets of Rage 2“ bedient: Die gelungene Mixtur aus Martial-Arts-inspirierter Behändigkeit und schwergewichtiger Bud-Spencer-Klopperei funktioniert so gut wie eh und je. Hinzu gesellt sich ein gelungenes Repertoire aus alten wie neuen Hieben, Kick-Offensiven, Würfen oder Kombinations-Attacken - abgerundet von einem neuen, mit magischer Chi-Energie aufgeladenen Spezial-Manöver, das den Helden allerdings Lebensenergie kostet.

Taktischer kloppen

Letztere lässt sich zwar wieder aufladen, indem die Figur tüchtig austeilt oder in Kisten, Fässern und den Taschen bezwungener Gegner verborgene Leckereien konsumiert, aber gerade beim Gefecht gegen die hartnäckigen Chef-Brutalos kommt es auf jeden Energie-Pixel an. Denn Obacht: Wer alle Leben ausgehaucht hat, der muss den aktuellen Level noch mal von vorne durchleiden - bei so viel geballter Handkante kein Zuckerschlecken. Einziger Ausweg: Unterwegs erspielte Punkte in ein Continue verwandeln. Wann man sich auf diese Weise eine neue Chance erkauft, das will allerdings wohlüberlegt sein, denn „Streets of Rage 4“ wird nicht einfacher: In jedem der insgesamt zwölf Level geht es rauer zu als im vorangegangenen.

Wer den knackigen Schwierigkeitsgrad und die sich nach einiger Zeit einstellende, für Fließband-Kloppereien typische Monotonie nicht scheut, erlebt mit dem vierten „Streets of Rage“ ein erfreulich solides und vor allem liebevoll präsentiertes Comeback. Das kommt obendrein mit neuen Charakteren wie der flinken Cherry oder dem breitschultrigen Cyberpunk Floyd, der mit seinen Stahlfäusten besonders kraftvolle Schläge landet. Wer lässigen Hip-Hop-Schlägern, schmerbäuchigen Raufbolden oder sich hinter Energie-Schilden verbergenden Cops besonders fleißig einschenkt, der spielt außerdem Charaktere und Soundtrack-Stücke aus den 16-Bit-Klassikern frei. Zusätzlich lädt die Prügelei bis zu vier Spieler gleichzeitig vor eine Konsole, online dürfen sich immerhin zwei Spieler gleichzeitig durch die 2D-Pampa kämpfen.

teleschau

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