„The Suicide of Rachel Foster“ im Test

Hotel der Erinnerungen

„The Suicide of Rachel Foster“ gehört zum Genre der „Walking Simulators“. Das heißt, es gibt viel zu erkunden, zu reden und zu erfahren - aber wenig echten Spielgehalt.
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„The Suicide of Rachel Foster“ gehört zum Genre der „Walking Simulators“. Das heißt, es gibt viel zu erkunden, zu reden und zu erfahren - aber wenig echten Spielgehalt.

Das Mystery-Adventure „The Suicide of Rachel Foster“ konfrontiert Spieler mit einem düsteren Familiengeheimnis und verzichtet auf billige Schock-Effekte. Packend ist das Ganze dennoch, aber auch verdammt kurz.

Chaos drinnen und draußen: Während außerhalb der Mauern ein Blizzard wütet, Baumriesen wie Streichhölzer umknicken und gewaltige Schneemassen durch das Gebirge rollen, tobt im Innern des alten Hotels ein Sturm der Gefühle. Nicole - die einzige Überlebende der einstigen Inhaber-Familie - ist nach vielen Jahren in ihr verlassenes Zuhause zurückgekehrt, um den Besitz der verstorbenen Eltern zu veräußern. Eigentlich sollte alles ganz schnell gehen: eine kurze Stippvisite im leerstehenden Elternhaus - gerade lang genug, um die rechtlichen Details zu regeln. Dann schnell zurück ans Steuer, um die unwirtlichen, vom Schimmel befallenen Mauern des einstigen Tourismus-Tempels wieder hinter sich zu lassen - bevor die Dämonen der Vergangenheit ihre hässliche Fratze zeigen.

Aber es kommt anders: Der Sturm zwingt Nicole dazu, zu bleiben und sich den verdrängten Erinnerungen zu stellen. Allein. Zumindest fast: Ihr einziger Begleiter auf dem Ego-Trip durch verlassene Korridore, Büros und Speisesäle ist Irving - ein Mitglied der Katastrophenschutz-Behörde, das Nicole per Mobiltelefon kontaktiert, berät und beruhigt. Doch Obacht: „The Suicide of Rachel Foster“ spielt während der frühen 90-er-Jahre - „Handys“ waren zu dieser Zeit alles andere als handlich. Oder sonderlich zuverlässig.

So ist Nicole über weite Strecken auf sich allein gestellt, während sie das Gebäude erkundet und darum bemüht ist, außer der Orientierung auch ihre eigene Vergangenheit wieder auf die Reihe zu bekommen. Denn die Jugend der E-Bass-spielenden und Eishockey-spielenden Dame war alles andere als behütet: Weil sich Nicoles Vater auf ein Verhältnis mit ihrer 16-jährigen Freundin Rachel einließ und nach deren Selbstmord sein Heil im Okkultismus suchte, zerfiel die Familie schließlich.

Nicht sonderlich interaktiv, aber fesselnd

Mit Bildern aus dieser wenig erklecklichen Vergangenheit sieht sich die junge Frau konfrontiert, während sie versucht, die Heizung des Hotels wieder in Gang zu bringen oder Essensvorräte und einen warmen Schlafplatz zu finden.

Wirklich kompliziert oder herausfordernd wird das Spiel dabei allerdings nie - rätselhaft ist allein die Handlung, die sich mit zunehmender Spielzeit von selber erschließt. Denn: „The Suicide of Rachel Foster“ gehört in die Spiele-Sparte der sogenannten „Walking Simulators“. Und hier ist der Name Programm: Noch mehr als bei prominenten Genre-Vertretern wie „What Remains of Edith Finch“, „Everybody's Gone to the Rapture“ oder „Firewatch“ geht es hier alleine ums Betrachten, Erfahren und - richtig - Rumlatschen.

Zwar darf der Spieler Gegenstände wie alte Audio-Kassetten oder Zigarettenschachteln aufnehmen und betrachten, aber ein Inventar oder Möglichkeiten zur echten Objekt-Interaktion gibt es Genre-typisch nicht. Auch die Orientierung fällt nicht weiter schwer: Obwohl die Karte des riesigen Hotel-Komplexes anfangs einschüchternd wirkt und es keinerlei Marker zur Anzeige von Zielen oder Standort gibt, findet man sich bei der Ego-perspektivischen Tour durch das heruntergekommene Gebäude schnell zurecht.

Zwar gibt sich die Geschichte um das Familiendrama schnell ähnlich un-mysteriös wie das Spiel selber, aber dafür fällt die Erzählung angenehm emotional aus und wird von hervorragenden (leider nur englischen) Sprechern getragen, die Nicoles Vergangenheit auf mitunter gruselige Weise zum Leben erwecken.

Hinzu kommt eine (vor allem über Kopfhörer) überragend räumliche Sound-Kulisse, die das Spielerherz mehr als einmal fast zum Stehen bringt, obwohl „The Suicide of Rachel Foster“ ohne echten Horror und plumpe Schockeffekte auskommt. Stattdessen ist es die fantastische Atmosphäre, die einem immer wieder den Atem stocken lässt und dafür sorgt, dass man bis zum - leider nur etwa drei oder vier Stunden entfernten - Ende am Bildschirm kleben bleibt.

Wer mit dem „Walking Simulator“-typischen Mangel an echter Interaktion leben kann und einfach nur eine packende Geschichte sucht, den wird das Schicksal von Rachel und Nicole fesseln.

teleschau

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