„Half-Life: Alyx“ im Test

Die große Hoffnung auf mehr

„Alyx“ gilt als große Hoffnung für das Medium VR.
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„Alyx“ gilt als große Hoffnung für das Medium VR.

„Alyx“ ist das erste offizielle „Half-Life“-Abenteuer seit über einem Jahrzehnt. Womöglich der Wegbereiter für einen dritten Teil der Shooter-Reihe. Und ganz sicher der erste Virtual-Reality-Blockbuster überhaupt. Die Sache hat nur einen Haken.

Früher war es nicht ungewöhnlich, dass der PC-Markt alle paar Jahre ein Spiel hervorbrachte, das gängige Hardware an Grenzen trieb - und Gamer zur Aufrüstung geradezu nötigte. Auf so eine „Killer-Applikation“ warteten die Hersteller von Virtual-Reality-Brillen bislang vergebens. Doch nun gibt es „Half-Life: Alyx“ von Steam-Betreiber Valve. Die neue Episode einer seit über einem Jahrzehnt sträflichst vernachlässigten Kult-Reihe ist der erste vollwertige und obendrein auf Blockbuster-Niveau produzierte VR-Titel überhaupt - aber auch ein Heilsbringer für das gesamte Medium?

Verzweifelt gesucht: Daddy

Erzählt wird die zeitlich zwischen den beiden Vorgänger-Teilen angesiedelte Geschichte von Titeheldin Alyx Vance: Die bereits aus „Half-Life 2“ nebst Zusatz-Episoden bekannte Rebellin will ihren vom Alien-Imperium der Combine entführten Vater retten. Darum begibt sich die resolute Schrauberin mit Schießgewehr und Gravitations-Handschuhen auf eine ebenso Action-geladene wie Rätsel-gespickte Odyssee durch die bekannte „City 17“ - eine im Stil post-sowjetischer Städte gehaltene Sci-Fi-Metropole, die von den Combine und ihren Regime-Handlangern besetzt wird.

Klar, dass man im Angesicht von schwer bewaffneten Truppen und Alien-Parasiten wie den berüchtigten „Kopf-Krabben“ selbst die richtige Ausrüstung braucht: Während das Angebot an optimierbaren Waffen zwar effektiv, aber eher überschaubar bleibt, entpuppen sich Alyx' „Gravity-Gloves“ als echtes Highlight.

Die sind in ihrer Wirkung der aus „Half-Life 2“ bekannten Gravity-Gun nachempfunden. Das heißt: Man kann Objekte zu sich heranziehen und sie dann wieder wegschleudern. Im Gegensatz zu Gordon Freemans wuchtiger Gravitations-Wumme lassen sich mit den Handschuhen zwar nur kleine Gegenstände wie Waffen oder Kisten bewegen, aber auf diese Weise sorgt Entwickler Valve dafür, dass fast jedes Objekt in der Spielwelt irgendwie zur Interaktion einlädt und sich die Umgebung dadurch besonders authentisch anfühlt.

Aber auch ohne den anziehenden Effekt der Gravity-Gloves ist die „Handarbeit“ elementarer Bestandteil der Steuerung - egal, ob man nach einem Magazin greift, dieses zum Nachladen in die Pistole steckt und den Spannhebel betätigt. Oder man sich die Finger vor den Mund hält, um keine giftigen Dämpfe einzuatmen.

Fantastischer VR-Zauber

Trotz gelegentlicher Physik-Spielereien und anderen Puzzles bietet „Alyx“ darüber hinaus überraschend konventionelles Shooter-Gameplay, bei dem die junge Rebellin rastlos durch Korridore, Hallen und herrlich verdreckte Freiflächen hastet. Spieler mit VR-sensiblem Magen schalten alternativ in den Teleporter-Modus, bei dem man in Windeseile von einer Position zur nächsten beamt. Das erfordert jedoch ein bisschen Übung, um nicht direkt vor der Flinte feindlicher Combine-Soldaten zu landen.

„Alyx“ ist neben all seinen cleveren Design-Kunstgriffen vor allem eins: ein Shooter. Und als solcher punktet es in erster Linie deshalb, weil es so fulminant und wunderbar wuchtig daherkommt. Druckvoller Sound, visuelle Details wie im Licht schillernde Staubpartikel oder die dreckverschmierten Finger der Protagonisten - das neue „Half-Life“ ist ein Inszenierungs- und glücklicherweise auch Gameplay-Schwergewicht.

Klarer Fall: Genau das haben sich Besitzer eines PC-Headsets schon lange gewünscht. Das hier ist nicht der übliche kurze, Themenpark-ähnliche VR-Ride, sondern ein ausgewachsenes Action-Ereignis, das von der ersten bis zur letzten Minute für einen wohligen Schauer unter dem Headset sorgt. Zumal Valve überdeutliche Hinweise auf ein mögliches „Half-Life 3“ untergebracht hat - für Serien-Fans vermutlich das Wichtigste an dem ganzen Abenteuer.

Und der Haken? Wer nun eine „Index“ nebst feinfühligen Controllern anschaffen möchte, muss einerseits tief in die Tasche greifen und mindestens 800 Euro für die VR-Technik ausgeben (Kosten für eine moderne Grafikkarte nicht miteinberechnet) und andererseits acht Wochen warten. So lange dauert aktuell die Lieferzeit, laut Valve.

teleschau

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