Game-Boy-Jubiläum

Erfolgsmodell für die Hosentasche: der Game Boy wird 30

+
Schon lange bevor andere Hersteller ihren Spiel-Konsolen visuelle Makeovers verpassten, vermarktete Nintendo seinen Game Boy in verschiedenen Farb- und Form-Varianten. Bis man im 1998 mit dem voll kompatiblen Game Boy Color auch ein Performance- und Display-seitiges Update verpasste.

Er war die erste Hosentaschen-Hardware mit austauschbaren Spielmodulen, hatte „Tetris“ im Schlepptau und machte Video-Games endgültig zum Massen-Phänomen: der Game Boy. Am 21. April wird die Spiel-Konsole, die den Unterwegs-Zock der Smartphones vorwegnahm, 30 Jahre alt.

Ende der 80er-Jahre sind Zock-Maschinen noch immer eine ziemlich sperrige und vor allem wenig elegante Sache: Klobige Heimcomputer und für den Anschluss an den Röhren-Fernseher gedachte Geräteschaften wie Segas 8-Bit-Master- oder Nintendos Entertainment-System wetteifern mit bunter Pixel-Optik, klangvollen Chiptunes und stetig wachsenden Spielwelten erfolgreich um die Gunst der wachsenden Zocker-Zielgruppe. Aber Spiele-Hardware für unterwegs ist zu dieser Zeit noch undenkbar. Einzige Ausnahme sind LCD-Geräte wie die Minispiele aus Nintendos „Game & Watch“-Reihe oder Miniatur-Zocks auf teuren Digital-Uhren.

Als Nintendo diese Lücke 1989 mit dem Game Boy schließt, ist das Konzept ähnlich revolutionär wie etwa zwölf Jahre zuvor Ataris 2.600-Konsole: Deren Errungenschaft war es, anstelle von fest in der Hardware installierten Tele-Spielen Hardware und Software voneinander zu trennen - und zwar mithilfe von Spiele-Cartridges, die sich im Modulschacht des Gerätes versinken lassen. Nach dem berüchtigten Videospiel-Crash Anfang der 80-er ist es Nintendo, die mithilfe ihres 8Bit-„NES“ den angeschlagenen Videospiel-Markt wieder auf Vordermann bringen und mit ihrem „Seal of Quality“-Sticker verlorenes Vertrauen in das Konzept wiederherstellten.

Für den Game Boy transformiert man das Erfolgsrezept der austauschbaren Spiel-Module ins Hosentaschenformat - oder genauer: für den Schulranzen und vielleicht die Innentasche einer Jacke, denn in die viel zitierte „HOSENtasche“ passt die Kombination aus LCD-Spiel und Cartridge-Mini-Konsole nicht so recht. Noch wuchtiger ist allerdings das „Lynx“ des schon zu dieser Zeit angeschlagenen Computer- und Videospiel-Herstellers Atari, der sich schon lange nicht mehr unter Leitung von Firmengründer Nolan Bushnell oder Warner befindet, sondern stattdessen vom ehemaligen Commodore- und Heimcomputer-Patriarchen Jack Tramiel geleitet wird: Der will das Konsolen-Konzept ebenfalls mobil machen und tritt mit einer vergleichsweise wuchtigen Unterwegs-Konsole gegen den Game Boy an. Statt auf Handlichkeit setzt das Lynx auf ein vergleichsweise scharfes Farb-Display, während Nintendos Widersacher nur einen verwaschenen, grünen Monochrom-Schirm vorzuweisen hat.

Monochrom schlägt Farbe

Doch der hohe Preis des Lynx sowie sein fast schon legendärer Batterie-Hunger besiegeln sein Schicksal schnell. Hinzu kommt, dass Atari zwar eine stattliche Palette von prominenten Arcade-Marken und das geniale Knobelspiel „Chip's Challenge“ in petto hat - aber gegen „Mario“-Tennis, „Mario“-Jump'n'Runs und „Tetris“ haben die Spielhallen-Helden keine Chance. Vor allem die Klotz-Schubserei aus Russland ist es, die den mobilen Daddel-Jungen in Rekordzeit zum Verkaufsschlager macht: „Tetris“ ist Gameplay pur, leicht verständlich und leidet nicht unter den mageren Darstellungs-Qualitäten des portablen Systems. Zum vielleicht ersten Mal in der Geschichte des Videospiels sind es nicht nur junge Nerds, die sich den Gaming-Virus einfangen - stattdessen konfiszieren Väter und Mütter den Game Boy des Nachwuchses für gleich mehrere Stunden „Toiletten-Tetris“. Bis sich viele Familien - im Interesse des lieben Friedens - gleich mehrere Game Boys zulegen. Natürlich möglichst im zum jeweiligen Charakter passenden Look - denn der Game Boy wird in verschiedenen Farb-Ausführungen vermarktet. Auch das ist ein Novum. Performance-Zuwächse gibt es dabei keine - nur die Chassis unterscheidet sich.

Als man schließlich mit dem Game Boy Pocket eine handlichere, leichtere und günstigere Variante mit schärferem Display veröffentlicht, erlebt die kleine Konsole schon so etwas wie ihren zweiten Frühling: 1996 hat das System längst erfolgreiche Inkarnationen von bekannten Marken wie „Final Fantasy“, „Zelda“, „Metroid“, „Mega Man“ oder „Harvest Moon“ erfahren und erfolgreich bewiesen, dass es trotz des Monochrom-Handicaps auch fein gezeichnete Grafiken kann. Segas performanteren Nebenbuhler „Game Gear“ hat man - trotz Farb-Display - wie schon zuvor Ataris Lynx auf die hinteren Plätze verwiesen und den Markt für mobiles Gaming scheinbar abgegrast. Mit einem noch größeren Durchbruch des inzwischen betagten Geräts rechnet keiner, als man 1996 einen waschechten Überraschungserfolg landet: Zusammen mit der kleinen Firma Game Freak entwickelt und veröffentlicht Nintendo das Sammelspiel „Pokémon“ - doch schon allein aufgrund des fortgeschrittenen Game-Boy-Alters hält man die pixelige Monsterjagd anfangs für eine Totgeburt.

Neuer Erfolg dank Sammel-Monsterwut

Eine kolossale Fehleinschätzung: Nach einer vergleichsweise bescheidenen Startauflage von nur 200.000 Exemplaren wird die Jagd nach den Hosentaschen-Monsterlein zum Millionen-Erfolg, der die Welt der Videogames nicht nur erfolgreich um den Faktor Merchandise bereichert, sondern vor allem dem totgeglaubten Game Boy neues Leben einhaucht. Ein integraler Bestandteil der „Pokémon“-Reihe ist die Unterteilung in je zwei verschiedene Produkt-Editionen, zwischen denen die Gamer mithilfe eines speziellen Netzwerk-Kabels ihre gefangenen Monster von Game Boy zu Game Boy übertragen und tauschen können. Ein cleveres Feature, das nicht nur die Spiel-, sondern auch die Geräte-Verkäufe beflügelt und in Game-Boy-Neuauflagen wie der Pocket-Edition und schließlich sogar dem Game Boy Color resultiert: Der beschert der portablen Hardware endlich das längst überfällige „in Bunt und Farbe“-Bildschirmchen nebst kleinem Performance-Vorsprung gegenüber dem normalen Game Boy. Die Spiele-Bibliothek der beiden Systeme bleibt dabei weitgehend kompatibel - ein Manöver, mit dem Nintendo spätere Hardware-Neuauflagen wie den „New DS“ oder „New 3DS“ vorwegnimmt.

Erst etwa drei Jahre später veröffentlicht man mit dem „Game Boy Advance“ endlich den offiziellen Nachfolger zur bahnbrechenden Pocket-Konsole. Auch hier bleibt man zu den Vorgänger-Modellen kompatibel und wirft damit eine gigantische Menge von Spiele-Hits in die Waagschale. Obwohl dieser weiterentwickelte und mit einer 32Bit-Architektur ausgestattete Game Boy neue Geräte-Iterationen bekommt wie etwa dem aufklappbaren „Advance SP“, ist ihm aber leider kein langes Leben beschieden: Kaum drei Jahre nach seiner Einführung rückt mit dem ersten „Nintendo DS“ die Ablöse-Generation an. Abgesehen von dem halbherzig im Herbst 2005 nachgeschobenen und zu futzelig geratenen „Game Boy Micro“ ist die Ära des Game Boy endgültig vorbei. Aber sein Erbe lebt bis heute fort - in Gelegenheitsspielen jeder Art, in Smartphones, in Tablet-Computern, im Nintendo 3DS und natürlich auch in der Switch, für die Hersteller Nintendo das Game-Boy-Gen direkt in den stationären Konsolen-Kosmos injiziert hat. Sogar zum Kosmonauten hat es der Spiele-Junge geschafft - an der Seite des russischen Kosmonauten Aleksandr Serebrov, der 1993 auch im Weltraum nicht auf seinen täglichen „Tetris“-Zock verzichten will.

Deutlich tragischer als die Geschichte des Game Boy endet allerdings die ihres Erfinders: Neben dem Game Boy entwickelte Gunpei Yokoi das heute noch immer auf Controllern zu findende Digital-Steuerkreuz, außerdem gilt er als Architekt von Nintendos erfolgreicher „Game & Watch“-Reihe - den Vorläufern des Game Boy. Nach dem kolossalen Flop der stereoskopischen „Virtual Boy“-Konsole wechselte Yokoi von Nintendo zu Bandai, für die er den recht erfolgreichen Game-Boy-Konkurrenten Wonderswan entwickelt. Dessen Veröffentlichung (1999) erlebt er allerdings nicht mehr: 1997 kommt Yokoi bei einem Autounfall ums Leben.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare