„Trüberbrook“ im Test

Mit Jan Böhmermann und Nora Tschirner im deutschen „Twin Peaks“

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„Trüberbrook“ ist ein Adventure der Produktionsfirma BildundTonFabrik, die auch für das „Neo Magazin Royale“ verantwortlich zeichnet.

Echter Modellbau als Kulisse für ein digitales Adventure, dazu prominente Sprecher wie Jan Böhmermann und Nora Tschirner sowie die Nominierung für den „Deutschen Computerspielpreis“ noch vor der Veröffentlichung: „Trüberbrook“ ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Idylle trifft hier auf Irrsinn.

Computergames lassen sich vermutlich einfacher produzieren, als das bei „Trüberbrook“ der Fall war. Um ihrem Point&Click-Adventure einen ganz besonderen Look zu verpassen, hat sich die BildundtonFabrik - Produktionsfirma hinter der TV-Show „Neo Magazin Royale“ - jedoch für einen anderen, aufwendigen Weg entschieden: Erst knetete und bastelte das Team in monatelanger Handarbeit zahlreiche Kulissen, dann übertrug man diese mit einer Technik namens Photogrammetrie ins Virtuelle und bearbeitete sie dort nach. Aber hat sich der ganze Aufwand auch gelohnt?

Trüberbrook - das ist ein kleines, beschauliches Provinzkaff in Westdeutschland während der späten 60er-Jahre und Schauplatz eines großen Mysteriums. Mittendrin: ein amerikanischer Quantenphysiker namens Hans Tannhauser, der die Reise dorthin gewonnen hat, ohne sich daran erinnern zu können, je an einem Gewinnspiel teilgenommen zu haben.

In typischer Adventure-Manier durchstreift man mit Dr. Tannhauser eine angespießte Spielwelt mit Fachwerk, gelben Telefonhäuschen und Röhrenfernsehern, führt Gespräche mit den mehr oder weniger skurrilen Einwohnern des Dorfes und löst durch die Kombination aufgelesener Gegenstände zahlreiche Rätsel. Die Bandbreite der Aufgaben ist enorm - angefangen von der Stabilisierung eines wackligen Tisches mit einem Bierdeckel über das Abdichten eines leckgeschlagenen Bootes mit klumpiger Bratensause bis hin zur Rettung der Welt (oder sind es mehrere?) vor einer mächtigen Geheimorganisation.

In der deutschen Provinz sagen sich Idylle und Irrsinn gute Nacht

Dazwischen lustwandeln die Macher auf den Pfaden von Mystery-Serien wie „Twin Peaks“ und „Akte X“, mengen hier und da eine Prise deutschen Heimatfilms bei und bemühen Literaturklassiker. So trifft der gute Tannhauser auf der Suche nach einem Quantendiskriminator irgendwann auf die Paläanthropologiestudentin Gretchen, charmant gesprochen von „Tatort“-Star Nora Tschirner. Auch Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow und TV-Moderator Jan Böhmermann leihen Figuren ihre Stimmen für humorige Dialoge fernab vom Flachwitz: „Wurden Sie schon mal von einem Schmetterling gebissen?“, will ein - natürlich verrückter - Psychiater etwa bei einem Rorschachtest wissen.

„Trüberbrook“, das erfolgreichste deutsche Kickstarter-Projekt 2017, lebt von seinen schrullig-liebenswerten und zugleich geheimnisvollen Charakteren. Fast alle sind gelungene Karikaturen voller Klischees - von der übergewichtigen Wetterfee über den vereinsamten Computer Barbarossa 2000 bis hin zum Verschwörungstheoretiker mit Alu-Hut auf dem Kopf, der auf einem Baum haust. Leider lässt sich die an Interpretationsmöglichkeiten reiche Geschichte viel Zeit, um in Fahrt zu kommen. Vielleicht ein wenig zu viel Zeit. Die beiden alternativen Enden, die kinderleichte Bedienung und die einzigartige Puppenhaus-Optik mit ihren äußerst plastischen Kulissen, subtilen Details und beeindruckender Beleuchtung machen den etwas zähen Einstieg jedoch mehr als wett. „Trüberbrook“ ist ein charmanter Abenteuer-Trip in die deutsche Provinz, wo sich Idylle und Irrsinn gute Nacht sagen.

Das Spiel ist aktuell für PC und Mac erhältlich, Mitte April sollen Umsetzungen für die Konsolen Nintendo Switch, Xbox One und PlayStation4 folgen.

teleschau

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