Medizin

Verkannte Gefahr: Blutvergiftung

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Im Blut werden die Erreger bestimmt werden. Patienten müssen aber schon vorher ein Antibiotikum bekommen.

An einer Blutvergiftung erkranken jedes Jahr in Deutschland 320.000 Menschen, 70.000 sterben daran. Die Erkrankung wird oft zu spät erkannt.

Der obere Blutdruckwert geringer als hundert, dafür eine erhöhte Atemfrequenz mit mehr als 22 Zügen pro Minute (als normal gelten zwölf), das Bewusstsein getrübt: Nicht-Mediziner könnten da an schwere Kreislaufprobleme, einen drohenden Kollaps oder eine Dehydrierung denken. Aber an eine Sepsis, eine „Blutvergiftung“? Wohl eher nicht. Dabei sind genau das die drei Leitsymptome, die auf diese lebensbedrohlichen Erkrankung hinweisen.

Der rote Strich auf dem Arm als vermeintlich klassisches Zeichen indes zählt nicht dazu, er zeigt eine Lymphgefäßentzündung an, die von einer infizierten Wunde oder einem Insektenstich ausgehen und in eine Blutvergiftung münden kann. Auch Fieber tritt nicht zwangsläufig bei einer Sepsis auf, sagt Patrick Meybohm, stellvertretender Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Uniklinik Frankfurt.

Welche Symptome auf eine Sepsis (Blutvergiftung) hindeuten

Viele Menschen wissen nicht, was auf eine Sepsis hindeutet – und sogar etliche Ärzte haben diese Diagnose nicht sofort auf dem Schirm, weil die Symptome unspezifisch sind und auch auf andere Erkrankungen zutreffen. Ein Irrtum, der allzu oft tödlich endet. Sepsis, umgangssprachlich als Blutvergiftung bezeichnet, kommt viel häufiger vor, als man annehmen könnte. So wurde 2015 allein in Deutschland bei 320 000 Menschen eine Sepsis diagnostiziert, zahlreiche Studien lassen vermuten, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher liegt. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr erlitten rund 220 000 Bundesbürger einen Herzinfarkt. Weltweit geht die Sepsis-Stiftung von 20 bis 30 Millionen Fällen aus.

Während nach einem Herzinfarkt heute nur noch drei bis vier Prozent der eingelieferten Patienten sterben, erliegen einer Blutvergiftung 23 Prozent, sagt Stephan Fichtlscherer, stellvertretender Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Nephrologie an der Uniklinik Frankfurt. Kommt es zu einem septischen Schock, dann stirbt sogar fast jeder Zweite. Insgesamt kommen in Deutschland jedes Jahr rund 70 000 Menschen durch eine Sepsis zu Tode.

Wenn eine Blutvergiftung nicht rechtzeitig erkannt wird, wird es gefährlich

Die Gefahr ist besonders groß, wenn eine Blutvergiftung nicht frühzeitig erkannt und eingedämmt wird. Durch eine bessere Diagnostik und Notfallbehandlung ließen sich nach Angaben der Sepsis-Stiftung jedes Jahr in Deutschland rund 20 000 Todesfälle vermeiden. Mediziner befürchten jedoch, dass es eher zu einem weiteren Anstieg kommen wird, wenn sich nichts ändert.

Experten wollen diese gefährliche Erkrankung deshalb stärker ins Bewusstsein rücken. Diesem Zweck dient der heutige Welt-Sepsis-Tag, und auch der Welttag der Patientensicherheit am 17. September richtet in Deutschland den Fokus auf die Blutvergiftung. Es gelte vor allem, die Bevölkerung für die Symptome zu sensibilisieren, sagt Fichtlscherer, – so wie die meisten Menschen heute die Warnzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls kennen und den Notruf wählen würden. Nicht zuletzt dank des frühen Handelns sei die Sterblichkeit bei Herzinfarkt in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken, so der Arzt.

Doch nicht nur die Patienten selbst müssen die Symptome als Notfall bewerten. Es sei auch wichtig, dass Hausärzte dabei an eine Sepsis denken und Mediziner in den – oft überfüllten – Notaufnahmen Patienten mit entsprechenden Beschwerden herausfiltern würden, erklärt Andreas Schnitzbauer, stellvertretender Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Uniklinikum Frankfurt, das nach eigenen Angaben zu den Krankenhäusern mit unterdurchschnittlicher Sepsis-Sterblichkeit zählt.

Ursache einer Sepsis ist immer eine Infektion

Viele Menschen dürften schon gehört oder gelesen haben, dass jemand nach einer Operation oder durch mangelnde Hygiene im Krankenhaus an einer Sepsis erkrankt ist. Tatsächlich jedoch bringen die meisten Patienten mit dieser Diagnose die Sepsis von außen mit, rund 70 Prozent, sagt Jörg Bojunga, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik I an der Uniklinik Frankfurt. Die Ursache ist immer eine Infektion, meist durch Bakterien, seltener durch Viren, Pilze und Parasiten.

Eine Blutvergiftung kann durch eine offene Wunde entstehen, sagt Bojunga, aber auch die Folge von scheinbar banalen Infekten wie einer Blasenentzündung sein, wenn diese in die Nieren hochwandert und sich ausbreitet. Eine Lungenentzündung ist ebenfalls mit dem Risiko einer Sepsis verbunden. Weitere Auslöser können eine Hirnhautentzündung, Infektionen im Bauchraum oder des Bewegungsapparates sein. Auch eine Virusgrippe, auf die sich eine bakterielle Infektion draufsattelt, kann eine Sepsis hervorrufen.

Wenn Patienten im Krankenhaus eine Sepsis bekommen, sind oft „eigene“ Keime im Spiel, die zum Beispiel von der Haut ins Körperinnere gelangen. Chirurg Andreas Schnitzbauer nennt aus seinem Fachbereich eine mögliche Komplikation: Wenn zum Beispiel nach einem Eingriff Nähte im Darm nicht halten und Bakterien aus dem Verdauungstrakt in die Blutbahn wandern. Doch es muss nicht nur die große Operation sein: Auch Harnblasenkatheter und Venenkatheter sind mit einem Risiko für eine Sepsis verbunden, sagt Fichtlscherer. „Hier sollte man deshalb extrem wachsam sein und einen Katheter nur so kurz wie möglich im Körper belassen.“

Hygiene im Krankenhaus hilft, die Gefahr einer Sepsis gering zu halten

Um die Gefahr einer Sepsis gering zu halten, muss das Klinikpersonal zudem auf peinlichste Hygiene halten, sagt Bojunga – und das umso mehr auf Intensivstationen. An der Frankfurter Uniklinik darf deshalb keine Krawatte aus dem Kittel herauslugen, die Unterarme müssen frei bleiben.

Grundsätzlich sind jene Menschen besonders gefährdet, bei denen das Immunsystem geschwächt ist, etwa durch eine Chemotherapie, eine Knochenmarks- oder Organtransplantation, sowie chronisch Leberkranke und Diabetiker mit schlechter Wundheilung. Aber auch eine vorübergehende Abwehrschwäche kann manchmal ausreichen.

Oft sind die Verursacher weit verbreitete Bakterien, die für Atemwegsinfekte oder Blasenentzündungen sorgen, oder solche, die an anderen Stellen wie im Darm vieltausendfach vorkommen und dort harmlos sind – die aber nicht in die Blutbahn gelangen dürfen. „Multiresistente Keime sind als Auslöser einer Sepsis eher die Ausnahme“, erklärt Bojunga.

Blutvergiftung: Die Sepsis kann sich schnell ausbreiten

Haben die Mikroorganismen die Blutbahn erreicht, kann sich eine Sepsis rasend schnell ausbreiten. Einmal im Blutkreislauf, lösen die von den Bakterien produzierten Gifte eine massive Abwehrreaktion im ganzen Körper aus, die zu einem septischen Schock führen kann. 

Der Kreislauf versagt, der Blutdruck fällt stark ab, Organe und Gehirn werden nicht mehr richtig durchblutet, Gewebe stirbt ab. So heftig können diese Prozesse ausfallen, dass Organe irreparabel geschädigt werden. Der Tod tritt dann durch Multiorganversagen ein. Zwingend ist ein so dramatischer Verlauf gleichwohl nicht, sagt Patrick Meybohm. Es gebe auch Menschen, die keine Sepsis entwickelten, obwohl Keime in ihrem Blut nachweisbar seien.

Schnelles Handeln bei Verdacht auf eine Blutvergiftung

Besteht Verdacht auf eine Sepsis, ist schnelles Handeln angesagt. Die Devise lautet „Hit hard and early“, erklärt Andreas Schnitzbauer. Die Patienten bekommen Blut entnommen, das im Labor auf die enthaltenen Erreger getestet wird. Doch bis die Ergebnisse da sind, kann nicht gewartet werden, deshalb erhalten diese Patienten sofort ein Antibiotikum mit einem breiten Wirkspektrum. Liegt das Ergebnis der Blutuntersuchung dann vor, kann eventuell auf ein anderes, zielgerichteres Mittel umgeschwenkt werden.

Rechtzeitig erkannt und behandelt, lässt sich eine Sepsis oft gut bekämpfen. Wissenschaftler arbeiten daran, die Diagnostik und Therapie weiter zu verbessern, unter anderem im Netzwerk SepNet oder im Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis. An der Uniklinik Frankfurt etwa, die Mitglied in beiden Forschungsverbünden ist, laufen Studien, um Erreger schneller zu identifizieren, wie Patrick Meybohm sagt. Außerdem beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Suche nach Biomarkern zur Diagnostik und Antikörpern zur Therapie – oder auch den Auswirkungen, die bestimmte Vitamine und die Ernährung auf die Genesung haben.

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