Fahrbericht

Gebremster Highway Star: BMW K 1600 Grand America

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Man muss eingefleischter US-Fan sein, um sich ernsthaft für die BMW K 1600 Grand America zu interessieren.

Die Sechszylinder-Baureihe von BMW ist ein wenig in die Jahre gekommen, etwas Auffrischung tut ihr darum gut: Mit der neuen K 1600 Grand America steht nun ein Highway Star parat.

Route 66 oder A96? Vom Konzept her zielt das neue BMW-Dickschiff klar Richtung endloser US-Highways, auf denen man mit den dort erlaubten maximal 75 Meilen pro Stunde (121 km/h) gen Westen zieht, um die Sonne zu polieren. Das verdeutlichen Ausstattung, Charakteristik und vor allem die Tatsache, dass die K 1600 American Edition in ihrer Höchstgeschwindigkeit auf 162 km/h begrenzt ist.

Da wird man theoretisch auf der deutschen Autobahn selbst von einem VW Polo überholt, dessen 65-PS-Basismotorisierung den Kleinwagen 164 km/h schnell fahren lässt. Zum Glück weiß dessen Fahrer davon nichts.

Die Ausstattung der BMW K 1600 Grand America

An das Tempolimit denkt man erst einmal nicht, wenn die Grand America vor einem steht. Beeindruckend. Riesen-Verkleidung, Riesen-Topcase, Riesen-Koffer, Riesen-Cockpit, super Sitz. Der Fahrer thront 74 Zentimeter überm Asphalt und fühlt sich hinter dem üppigen Plastikschild gleich gut geborgen. Der Beifahrer findet ebenfalls einen ausladenden Platz vor, samt eigener Sitzheizung.

Kürzer gewachsene Menschen monierten jedoch, dass ihr Platz zu breit und darum auf Dauer unbequem sei. Vor dem Start gilt es, sich mit all den Knöpfchen, Schaltern und Hebelchen vertraut zu machen, die da in Vielfalt links, rechts und in der Mitte bedient, eingestellt und überwacht werden müssen. Der Respekt vor der kommenden Aufgabe steigt, zumal man ja gleich bei einem 368 Kilogramm schweren Motorrad den Seitenständer einklappt und dann mit den gut sieben Zentnern alleine gelassen ist.

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Der Motor der BMW K 1600 Grand America

Der Start ohne Schlüssel ist in der Kategorie der Luxus-Tourer inzwischen Standard – BMW bietet das natürlich auch an, lässt sich Keyless Ride aber extra und teuer bezahlen, nämlich als Bestandteil des 1.480 Euro teuren Comfort-Paketes, das noch Schaltassistent, Zentralverriegelung, LED-Zusatzscheinwerfer und Diebstahlswarnanlage beinhaltet. Mit heiserem Ton aus den beiden Endrohren meldet dann der Sechszylinder nach der Zündung, dass er startklar ist und bereit für die große Tour. 160 PS stehen als Maximalleistung zur Verfügung, das maximale Drehmoment von 175 Nm ist bereits bei 5.250 U/min erreicht. Das verspricht ordentlichen Dampf für das Dickschiff.

Die Fahrt mit der BMW K 1600 Grand America Mit deutlich vernehmbarem „klong“ signalisiert der erste Gang, dass er eingelegt ist. Es kann losgehen. Und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Mit Macht zieht die BMW unten raus, als würden die vielen Kilos von Mensch und Maschine gar nicht existieren. Ein geiles Gefühl, wie die K 1600 abgeht. Die erlaubte Zuladung beträgt allerdings nur magere 196 Kilogramm, dabei passen in die beiden Koffer und ins Topcase zusammen 123 Liter Gepäck.

Dass die Schaltung recht mechanisch wirkt und die Gänge bisweilen mit unschöner Geräuschuntermalung gewechselt werden, stört ein wenig den Perfektionsanspruch, den man an dieses Motorrad der Oberklasse eigentlich stellt. Egal, lassen wir die großartige Amerikanerin mal um die Kurven fliegen.

Das tut sie überraschend behende und ohne dass man ihr die Pfunde und die Dimensionen anmerkt. Etwas Überwindung ist dazu anfangs vielleicht notwendig, aber bald kurvt man fröhlich durch die Lande, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was für ein Schwergewicht man eigentlich bewegt. Überholvorgänge sind fix abgehakt, man sollte aber die leicht verzögerte Gasannahme stets mit einkalkulieren. Keine Frage, dass die Bremsen der bewegten Masse souverän Einhalt gebieten, sollte dies notwendig sein.

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Der wahre Zweck der Grand America soll jedoch das sanfte Dahingleiten auf der Autobahn sein, das entspannte Kilometerfressen, an dessen Ende man so manche Meile absolviert hat und dennoch fit und frisch wie Turnschuh ist. Ein Soundsystem, das auch ein Wohnzimmer adäquat beschallen könnte, die elektrisch verstellbare Windschutzscheibe, Navi (815 Euro extra), Tempomat, Trittbretter sowie Griff- und Sitzheizung sorgen für entspanntes Fahren und körperliches Wohlbefinden. Je nach Witterungsbedingungen beziehungsweise Lust und Laune kann man unter den Fahrmodi Rain, Road und Dynamic wählen, wobei sich das Intergral-ABS und die Traktionskontrolle automatisch anpassen.

Bleibt man dabei im Bereich der 65 bis 75 Meilen, die das Maximum auf nahezu allen US-Highways darstellen, gleitet man also mit 105 bis 121 km/h dahin, ist alles gut. Gibt man allerdings ein bisschen mehr Gas und bewegt sich im Bereich bis zur Höchstgeschwindigkeit, kann es ungemütlich werden. Sobald der Straßenbelag nicht mehr optimal ist, beginnt dann die Grand America jenseits der Autobahnrichtgeschwindigkeit unruhig zu werden, zu spüren ist ein leichtes Pendeln vor allem um die Längsachse.

Das ist kein entspanntes Gleiten mehr, sondern eine nervöse Fahrerei, die keinen Spaß mehr macht und die gefährlich enden kann, reduziert man nicht schnellstens das Tempo. Weniger geübte Fahrer kann diese Eigenschaft leicht in die Bredouille bringen. Das sollte mit einem Motorrad dieses Anspruchs nicht passieren.

Die Extras der BMW K 1600 Grand America

Den Sieben-Zentner-Koloss zu rangieren erfordert Kraft und Geschick, den serienmäßigen Motorschutzbügel will natürlich niemand in Anspruch nehmen. Große Erleichterung verschafft dazu die serienmäßige Rückfahrhilfe, die zwar etwas umständlich aktiviert werden muss, dafür aber narrensicher funktioniert und keine Fehlbedienung zulässt. Der an eine elektrische Kettensäge erinnernde Sound warnt zugleich die Umgebung: Achtung, diese BMW fährt rückwärts!

Als erster Hersteller bieten die Bayern nach eigenen Angaben einen sogenannten intelligenten Notruf an, der notfalls aktiv eine Rettungskette in Gang setzt, sollte die Zentrale eine automatische Unfallerkennung erhalten. Das BMW-Callcenter setzt sich mit dem Fahrer in Verbindung, und falls dieser nicht antwortet, wird die Rettungskette in Gang gesetzt. Die 305 Euro Aufpreis sind sicher gut investiert.

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Die Kosten für die BMW K 1600 Grand America

Rechnet man aber die ganzen sinnvollen und wünschenswerten Extras zusammen, schießt der Grundpreis von 25.070 Euro für die BMW K 1600 Grand America schnell in die Höhe. Unser Testexemplar summierte sich auf stattliche 31.200 Euro – weil es beispielsweise auch in der Lackierung Austin Yellow metallic daherkam, die samt Chrom-Applikationen am Vorderradkotflügel mit 1.000 Euro zu Buche schlägt. Darauf kommt es letztlich auch nicht mehr an, denkt mancher beim Bestellen. Der von uns ermittelte Verbrauch von 5,8 Litern auf 100 Kilometer mag da vielleicht ein kleiner Trost für den Geldbeutel sein.

Das Fazit

Man muss eingefleischter US-Fan sein, um sich ernsthaft für die BMW K 1600 Grand America zu interessieren. Wer dann noch ein sehr gut gefülltes Konto hat und bereit ist, auf deutschen Autobahnen eher gemächlich unterwegs zu sein, wird möglicherweise einen Blick drauf werfen.

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Volker Pfau

Technische Daten

Motor

flüssigkeitsgekühlter

Sechszylinder-Reihenmotor mit

1.649 ccm Hubraum

Leistung

160 PS (118 kW) bei 7.750 U/min

Drehmoment

175 Nm bei 5.250 U/min

Höchstgeschwindigkeit

162 km/h

Radstand

1.618 mm

Sitzhöhe

7.405 mm

Gewicht (vollgetankt)

368 kg

Tankinhalt

26,5 Liter

Testverbrauch

5,8 Liter

Preis

25.070 Euro, Testmotorrad 31.200 Euro

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