ZDFinfo-Doku „Gedopte Gesellschaft - Streitfall Ritalin und Co.“

Zwischen Zaubertrank und Suchtmittel: Die zwei Seiten einer Wunder-Droge

Eine wahre Wunderpille: Das Medikament Ritalin wird für ADHS-Patienten zum Lebensretter. Für Gesunde allerdings wird das Aufputschmittel zur gefährlichen Droge.
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Eine wahre Wunderpille: Das Medikament Ritalin wird für ADHS-Patienten zum Lebensretter. Für Gesunde allerdings wird das Aufputschmittel zur gefährlichen Droge.

Medikamente wie Ritalin verhelfen ADHS-Patienten dabei, ein normales Leben führen zu können. Auf der anderen Seite nutzen auch immer mehr gesunde Menschen die Wunder-Drogen, um sich zu puschen. Macht das Sinn? Ist es sogar gefährlich? - Eine TV-Dokumentation zeigt eine erschreckende Entwicklung auf.

Für Thomas Dereser war Ritalin die Rettung in der Not. Die kleinsten Alltagssituationen führten bei dem ADHS-Patienten zu unkontrollierten Wutausbrüchen. „Das kommt von jetzt auf gleich“, beschreibt es Dereser heute. Er habe dann Wurst und Käse, aber auch Messer und Teller um sich geworfen. „Ist eine teure Angelegenheit auf Dauer“, schmunzelt er. Als er kurz davor war, gewalttätig gegenüber seiner Frau zu werden, ließ er sich Ritalin verschreiben - und das rettete seine Ehe. Es ist nur eine Geschichte von vielen, die Filmemacher Christian Stracke in der Dokumentation „Gedopte Gesellschaft - Streitfall Ritalin und Co.“, die am Sonntag, 16. Februar, 20.15 Uhr, auf ZDFinfo ausgestrahlt wird, erzählen lässt. Der Beitrag zeigt: Für ADHS-Patienten ist Ritalin sehr hilfreich, Kinder können sich zum Beispiel besser auf die Schule konzentrieren. Doch für Gesunde ist Ritalin durchaus gefährlich. Betroffene schildern, wie Medikamente wie Ritalin ihr Leben verändert haben - auf eine erschreckende Art und Weise.

Hans-Jürgen Maurer zum Beispiel machte kurz nach der Geburt seines Kindes eine lernintensive Fortbildung, hielt dem Druck nicht mehr stand und dopte sich. „Es war für mich so, dass ich mich fühlte wie Asterix, nachdem er den Zaubertrank eingenommen hatte“, so der ehemalige Polizeihauptkommissar heute. „Wenn man vorher 50 oder 80 Liegestütze gemacht hat, hat man jetzt glatt das Doppelte ganz locker gemacht.“ Aber schon bald plagten ihn die Nebenwirkungen, die er versuchte, mit Alkohol zu bekämpfen. Als er die Tabletten absetzte, litt er unter Depressionen. Er widerstand dem Zwang, neue Tabletten zu nehmen - und kämpfte sich durch die Entzugserscheinungen.

Eine „chemische Keule“

Medikamente wie Ritalin haben ADHS-Betroffene die Rückkehr in ein normales Leben ermöglicht. Gesunde allerdings sehen in den Pillen eine ganz andere Motivation: Durch sie können sie leistungsfähiger sein. Wie Hans-Jürgen Maurer nehmen heute immer mehr Menschen Medikamente ein, um sich zu puschen und konzentriert zu bleiben. Vor allem Schüler und Studenten in einer Prüfungsphase, aber auch Erwerbstätige, die in der Arbeit Stress ausgesetzt sind, greifen immer öfter zu den rezeptpflichtigen Aufputschpillen. Methylphenidat heißt der Arzneistoff, der eine stimulierende Wirkung hat und in Präparaten wie Ritalin oder Medikinet enthalten ist.

Allerdings haben diese Medikamente auch starke Nebenwirkungen: von Kopfschmerzen oder Schlafstörungen bis hin zu Wachstumsverzögerungen, Halluzinationen oder Depressionen. ADHS-Patient Johannes Kröger erzählt von seiner Erfahrung mit Ritalin: „Ich würde sagen, das war die chemische Keule, sie hat mich komplett umgehauen, sie hat mich in all meinen Persönlichkeitsstrukturen erfasst.“ Eltern berichten in der Dokumentation, wie ihre Kinder ihre Fröhlichkeit verloren haben und zu einem anderen Menschen wurden. „Ich glaube, weil es tatsächlich ein Medikament ist, das der Arzt verschreibt, der immer noch den Deckmantel des Guten hat, werden diese Konsequenzen oft ausgeblendet“, vermutet Polizistin Aline Akel.

Ritalin zum Dopen, Alkohol zum ruhig werden

Untermauert mit Grafiken, Zahlen, Fakten und Expertenmeinungen zeigt Stracke auf, welcher Fluch und welcher Segen Mittel wie Ritalin sein können. Am Ende stellt sich die Frage, warum ein für ADHS-Patienten so lebenswichtiges Medikament zunehmend missbraucht wird. Auch darauf gibt der Filmemacher eine Antwort. Und die ist sonnenklar wie auch schockierend. Denn sie hat mit uns allen, der Gesellschaft an sich zu tun.

Permanente Verfügbarkeit ist ein Gebot dieser Zeit: Jeder muss ständig erreichbar, das Handy immer am Mann sein. Schlaf wird zum Zeitfresser erkoren, die sozialen Medien fordern eine rund-um-die-Uhr-Aufmerksamkeit, werden für nicht weniger selbst zur Sucht. Die Ansprüche an Konzentrations- und Leistungsfähigkeit steigen immer weiter. Manche Menschen müssen auf Hirndoping zurückgreifen, um mithalten zu können. Der Teufelskreis wird zum Problem: Viele Erwerbstätige, die sich dopen, wollen abends wieder zur Ruhe kommen. Sie nehmen dann beruhigende Mittel wie Cannabis, Alkohol oder sogar Kokain zu sich - ein gefährliches und süchtig machendes Gemisch entsteht.

Und ein Schritt zurück, weniger Hektik, weniger Arbeit, wird häufig nicht akzeptiert, der Druck nimmt eher zu als ab. „Es steht an, dass wir die Frage der Leistungsbereitschaft, der Leistungsforderung noch einmal überdenken“, so der Suchttherapeut Wolfgang Bensel. „Wo können wir zurückjustieren, und wo können wir auf ein Maß kommen, dass wieder ein gesundes Leben ermöglicht, ohne permanent den Einsatz von leistungssteigernden Substanzen zu brauchen?“ Die Digitalisierung mit all ihren Auswüchsen fordert nun ihren Tribut.

teleschau

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