ZDF-Doku „Templin und die Flüchtlinge - Schaffen wir das?“

Zwischen Hoffnung und Frust in Angela Merkels Heimat: Wie gut gelingt die Integration in Templin?

Zwei Autorinnen begleiteten fünf Jahre lang die Kleinstadt Templin in Brandenburg durch die sogenannte "Flüchtlingskrise". Nun legen sie ihren "Abschlussfilm" vor.
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Zwei Autorinnen begleiteten fünf Jahre lang die Kleinstadt Templin in Brandenburg durch die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Nun legen sie ihren „Abschlussfilm“ vor.

Zwei Autorinnen begleiteten fünf Jahre lang eine Kleinstadt durch die Flüchtlingskrise. Nun legen sie ihren „Abschlussfilm“ vor. Templin ist die Heimat der „Wir schaffen das“-Kanzlerin Angela Merkel. Zeigt der Film (Mi., 26.8., 0.40 Uhr, ZDF), wie Integration gelingen kann - und woran sie scheitert?

Fünf Jahre ist die Fl��chtlingskrise 2015 in diesem Sommer und Herbst alt. Zeit für Bilanzen allenthalben, auch wenn Corona die ganz großen Schlagzeilen dominiert. Eine dieser Bilanzen stammt vom ZDF beziehungsweise den Filmemacherinnen Lan-Na Grosse und Aud Krubert-Hall. Für ihre Berichte zur Realität der „großen“ Flüchtlingswelle im „kleinen“ Templin, die immer wieder im ZDF-Morgenmagazin liefen, wurden die beiden Journalistinnen 2017 für den Grimme-Preis nominiert. Nun folgt die 45 Minuten lange Abschlussbetrachtung ihres Templin-Projektes, in der sie festhalten, was aus den Geflüchteten und Helfern geworden ist. Der Film „Templin und die Flüchtlinge - Schaffen wir das?“ ist am späten Mittwochabend (26. August, 0.40 Uhr) im ZDF oder jetzt bereits in der Mediathek des Senders zu sehen.

Schauplatz Uckermark, 80 Kilometer nördlich von Berlin. Templin, 16.000 Einwohner, ist die Heimatstadt der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Ausländeranteil lag hier vor der sogenannten „Flüchtlingskrise“ bei unter einem Prozent. Aktuell leben hier noch knapp 100 Geflüchtete, darunter gerade mal sechs in Wohnheimen. Zu Hochzeiten waren es über 300, darunter viele junge Männer. Henryk Wichmann (CDU), Sozialdezernent im Landkreis Uckermark, und Bürgermeister Detlef Tabbert (Die Linke) ziehen im August 2020 Bilanz. Sie fällt gemischt aus: „Die Flüchtlingspolitik hat Templin verändert“, sagt der engagierte Tabbert. „Sie hat diejenigen motiviert, die hilfsbereit sind. Aber es haben sich auch jene gezeigt, die einen latenten Ausländerhass haben.“

„Abends hatte ich keine Energie mehr für mein Training“

Im Sommer 2015 beginnen Lan-Na Grosse und Aud Krubert-Hall mit ihren Templin-Projekt. 72 Flüchtlinge ziehen damals dorthin. Einen Ort, an dem es seit 70 Jahren keine wirkliche „Bevölkerungswanderungen“ mehr gab. Mit anderen Worten: Hier kannte jeder jeden. Steht man dem Fremden dadurch automatisch skeptischer gegenüber als beispielsweise in der Großstadt? Nicht unbedingt. Antje Maschmann-Fehrensen, Unternehmerin in der holzverarbeitenden Industrie, hoffte 2015 auf eine Win-Win-Situation. Viele Unternehmer suchten wie sie händeringend junge Arbeitskräfte. Bald lernt man in den Filmaufnahmen von damals einige junge Männer aus Afghanistian oder Syrien kennen, die in Templin Jobs beginnen. Oft sind es unbezahlte Praktika, denn die Geflüchteten sind während ihrer Status-Prüfung eigentlich zum Nichtstun verdammt. Ein großes Problem des gesamten Systems, wie der Film zeigt.

Einer von ihnen ist gelernter Friseur. Über ein Praktikum wird er in den Job kommen, momentan bastelt er sogar an seinem Meister. Aber er hatte auch gute Startbedingungen. Seit vier Jahren ist der Mann mit einer Helferin vor Ort liiert, mittlerweile haben die beiden ein Kind. Andere machen sich im Job nicht so gut. Ein junger Afghane will lieber Fußball-Profi werden als dass er schwere, eintönige Arbeit im Holzbetrieb verrichtet. „Abends hatte ich keine Energie mehr für mein Training“, erzählt er ein wenig naiv der Kamera. Unternehmerin Maschmann-Fehrensen zieht im Februar 2016 eine nüchterne Bilanz: „Ich bin im Grunde genommen wirklich enttäuscht. Wir haben zwei Flüchtlingen die Möglichkeit gegeben, ein Praktikum zu machen, beide haben nach kürzester Zeit abgebrochen, weil ihnen die Arbeit zu hart war.“ Tatsächlich liest sich die Brandenburger Integrationsbilanz in Sachen Arbeit bescheiden: Neun von zwölf Praktika mit Geflüchteten wurden in Templin zu dieser Zeit abgebrochen.

Seltenes Bild: AfD-Anhänger diskutiert mit einem Geflüchteten

Zahlen wie diese sind natürlich Wasser auf die Mühlen der Gegner der aktuellen Flüchtlingspolitik. In wiederkehrenden Interviews mit Passanten zeigt sich die Bandbreite der Templiner Meinungen: Einige Menschen engagieren sich, kommen zu gemeinsamen Treffen mit Flüchtlingen, geben Deutschstunden oder helfen anderweitig. Ein erfahrener Helfer von den Johannitern sagt, dass das lange Verweilen in Flüchtlingsunterkünften ein großes Problem sei. Das Warten zermürbe die Menschen, es mache depressiv. Viele Bewohner seien tatsächlich ungeheuer müde. Hinzu mögen aus der Heimat mitgebrachte Traumata kommen, Themen wie Trennung, Verlust und Gewalterfahrung.

Die Kamera trifft auch auf jene, die bekannte rechten Argumente drehen und wenden: Frauen würden sich abends nicht mehr auf die Straße trauen, und die Flüchtlinge strebten doch ohnehin nur nach höherem Lebensstandard „auf unsere Kosten“, heißt es da etwa. Tatsächlich finden in den Jahren 2015 und folgenden zahlreiche rechte Demonstrationen in Templin statt. Meistens kommen die „Aktivisten“ von außerhalb, in Templin indes stören Gegendemonstranten. Wie so oft lehnen auch in Templin Menschen mit rechter Gesinnung den Dialog mit Fremden ab. Man möchte sie nicht kennenlernen, die Leute sollen einfach nur weg, ist zu vernehmen. Nur ein AfD-Anhänger stellt sich der Kamera und einer Diskussion mit einem jungen, intelligenten Mann aus Afghanistan. Die beiden reden - und es fällt einem als Zuschauer auf, dass derlei Gespräche - ohne Geschrei und Parolen - offenbar fast nie stattfinden, aber fraglos hilfreich wären.

300 Flüchtlinge, 41 Arbeitsplätze

Im Frühjahr 2016 sollen dann weitere 150 Flüchtlinge nach Templin kommen, Container werden im Wald aufgebaut, damit keine Turnhallen der Gemeinde in Beschlag genommen werden müssen. Zu diesem Zeitpunkt weiß man noch nicht, dass das ganze Containerdorf zwei Jahre später nicht mehr benötigt und abgebaut wird.

Derweil demonstriert die NPD weiter in Templin. Doch auch Helfer beklagen fehlende Integrationskonzepte der Politik. Im August 2016 beginnt ein VHS-Integrationskurs für Geflüchtete: 24 Menschen nehmen teil, elf Monate haben die Unternehmer der Stadt auf diese Maßnahme gewartet. Mal fehlten Lehrer, mal Gelder, mal Zertifikate. Die Bürokratie sei ein großes Problem, wenn es darum geht, Arbeitswillige auch beschäftigen zu dürfen, sagen die frustrierten Templiner. Die Unternehmer fragten beim Bund, bei Ländern und Gemeinden. Oft kennen die Ämter den Status der Leute nicht. Jobcenter und Ausländerbehörde tappen im Dunkeln. „Ne, der ist hier nicht gemeldet“, sagt eine Unternehmerin, „bekomme man häufig als Antwort.“ Stattdessen erfährt man, dass ein gut integrierter, freundlicher junger Syrer, der eine Arbeit gefunden hat, einen Ablehnungsbescheid in Sachen Asylantrag erhält. „Es ist etwas frustrierend, dass wir als Kommune Integration mit unterstützen können, aber auf die Entscheidungsmöglichkeit keinerlei Einfluss haben“, sagt der Bürgermeister.

Die Abschlussbetrachtung aus dem August 2018 gibt immerhin im Einzelfall Anlass zur Hoffnung: Der abgelehnte Syrer ist immer noch in Arbeit. Er lebt und arbeitet mittlerweile in Mecklenburg. Der Möchtegern-Fußballprofi spricht nun viel besser Deutsch, hat in Büsum einen Job in der Gastronomie gefunden - und scheint dort glücklich und sehr gut integriert.

Etwa 300 Geflüchtete leben heute in Templin, darunter natürlich auch Kinder. 41 von ihnen haben einen Arbeitsplatz gefunden. Der Bürgermeister konstatiert: „Die jungen Leute wollten am Anfang. Aber wenn man sie mit der Brechstange in den Job schieben wollte, ist es damals immer schiefgegangen.“ Eine Unternehmerin pflichtet bei: „Nur mit Druck und Disziplin geht es nicht, das mag auch ein kulturelles Problem sein.“ Geklappt hat es bei jenen mit „hohen Abschlüssen“, darunter einige Informatiker aus Kabul. Sie fanden bereits nach vier Wochen Jobs in Hamburg oder Berlin - und verließen Templin in Windeseile.

„Wir haben es in Teilbereichen geschafft“, bilanziert eine Templinerin, „in anderen noch lange nicht. Das kann noch eine Generation dauern.“ 2015 kamen 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland - diese Info blendet der Film zum Abschluss ein. 653 von ihnen landeten in Templin. Eine Kleinstadt im Osten, die wahrscheinlich sehr ähnlich wie viele andere Gemeinden in Deutschland auf diese Erfahrung reagierte. Ob nun mit oder ohne die Ehrenbürgerin und „Wir schaffen das“-Kanzlerin Angela Merkel.

teleschau

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