Grenzgang - Di. 19.04 - ARD: 22.45 Uhr

Zweite Chance

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Nach der ersten gemeinsamen Nacht: Kerstin (Claudia Michelsen) und Thomas (Lars Eidinger) haben in Liebesdingen zuvor einige Verletzungen erlitten.

Claudia Michelsen und Lars Eidinger spielen in der Grimmepreis-gekürten Romanverfilmung von 2013 ein Paar, das sich spät auf das Wagnis der Liebe einlässt.

Etwas latent Bedrohliches schwebt über dem hessischen Bergenstadt, einer düsteren Kleinstadt mit abweisenden, schiefergeschindelten Häusern und für Außenstehende irritierenden Bräuchen. Alle sieben Jahre knallen hier die Peitschen, das Blech der Bläser schmettert, und die versammelte Kleinstadt macht sich auf zum titelgebenden dreitägigen "Grenzgang", einer Grenzerfahrung zwischen kollektivem Wandertag, Massenbesäufnis und sinnentleertem Traditionsbeharren. Diesmal bringt das Fest - auf zwei "Grenzgängen" - zwei Menschen zusammen, die ohne äußeren Halt ins Schwimmen gerieten. Claudia Michelsen und Lars Eidinger als orientierungslose und ziemlich heimatlose Mittvierziger. 2014 wurde der Film, den nun das Erste wiederholt, mit dem begehrten Grimmepreis bedacht.

Eigentlich wollte Thomas Weidmann (Eidinger) in Berlin eine Uni-Karriere starten. Doch die zerschlug sich schnell. Mehr oder weniger kleinlaut kehrte der zauselige, undurchsichtige Mann in die provinzielle Enge Oberhessens zurück. Jetzt schlägt er sich als Lehrer am örtlichen Gymnasium durch. Warum er das macht, kann er weder seinem eleganten Chef (Hanns Zischler), einem Intellektuellen, der sich über seine Lektüre aus der Provinz herausträumt, vermitteln, noch sich selbst.

Auf dem "Grenzgang" trifft er Kerstin Werner (Michelsen), eine Frau, die wie er selbst nicht mehr ganz jung ist und ihren Platz in der spießbürgerlichen Ordnung des Lebens nicht wirklich gefunden hat. Ihr Mann (Harald Schrott) verlässt sie gerade für eine Jüngere. Zum pubertären Sohn (Sandro Lohmann) findet Kerstin genauso wenig Zugang wie zu ihrer demenzkranken Mutter (Gertrude Rolle), mit der sie die Hausgemeinschaft teilt. Doch auch die Eskapaden im Swinger-Club, zu denen sie sich von ihrer lebenslustigen Nachbarin Claudia (Gesine Cukrowski) überreden lässt, bringen keine Freiheit, sind nur Bestätigung für das Groteske einer solchen Fluchtidee.

Thomas und Kerstin haben schon zu viele ihrer Träume platzen sehen, so dass sie ihrer jähen Zuneigung zunächst nicht trauen. Nur zögerlich lassen sich die beiden verletzlichen Menschen auf eine zweite Chance ein. Bis zu so etwas wie einem späten Glück ist es aber noch ein weiter Weg.

Regisseurin Brigitte Maria Bertele gelang es, der vielschichtigen, mit vielen Vor- und Rückverweisen komplex strukturierten und damit eigentlich fast nicht verfilmbaren Romandebut von Stephan Thome (Drehbuch: Hannah Hollinger) gerecht zu werden. Mehr noch: Sie bietet eine atmosphärisch dichte, zurückhaltend inszenierte Umsetzung an, die sich auch demjenigen erschließt, der den Bestseller nicht kennt.

"Lars Eidinger als Thomas und Claudia Michelsen als Kerstin spielen ein Paar, das keines ist, das zusammenfindet ohne geschäumte Gefühle und dramatische Klippen. Das Leben ist spröde, zerkaut sie, macht sei klein und grau und groß in ihrer stillen Not", dichtete die Grimmepreis-Jury und lobte die "große Kunst" des Films, "seine Behutsamkeit und Zärtlichkeit, mit der er unbeirrt seine Geschichte verfolgt".

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