Am Donnerstag, 25. Februar, live im Ersten: "Eurovision Song Contest 2016 - Unser Lied für Stockholm"

Zehn Häppchen für Schweden

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Kein Mäuschen: Jamie-Lee Kriewitz zieht selbstbewusst ins Rennen, gewann sie doch zuletzt den "The Voice"-Wettbewerb.

Wer darf (oder muss) Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016 im Mai in Schweden vertreten? Am 25.2. entscheidet sich, wie "Unser Lied für Stockholm" klingt. Und wer es vortragen wird.

Am Ende fanden sich dann doch wieder zehn Kandidaten, die - im Rudel oder als Solisten - um die Ehre singen wollen, Deutschland am 14. Mai beim 61. Eurovision Song Contest vor Millionenpublikum zu vertreten. Am Ende der Live-Sendung des Ersten am Donnerstag, 25. Februar, aus Köln wird sich weisen, wer "Unser Lied für Stockholm" singt. Nach den jüngsten deutschen Tiefpunkten beim ESC-Finale an sich, vor allem aber auch bei den deutschen Vorentscheiden, darf die Ehre a) als zweifelhaft angesehen werden, und b) verwundert es, dass es sogar 150 Kandidaten für die nationale Vorauswahl gegeben haben soll. Das wiederum spricht c) für das dicke Fell derjenigen. Das haben auch die Macher, allen voran NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber, bewiesen. Der zieht das Ding jetzt durch, nachdem er es beinahe im Alleingang in den skandalösen Sand gesetzt hätte.

Im letzten Jahr wurde Deutschland beim ESC in Wien Letzter. Punktlos. Und hatte doch Pech im Unglück. Hätte man eine niedrigere Startnummer gehabt wie das ebenfalls punktlose Gastgeberland Österreich, hätte man sich Vorletzter schimpfen dürfen! Genug der Blamage, könnte sich NDR-Mann Schreiber gedacht haben, verkürzen wir das Elend und setzen einfach einen Kandidaten ein, statt lange drumrumvorzuentscheiden. Schont ja auch die Finanzen, ist also ganz im Sinne des Gebührenzahlers. Also benannte er Xavier Naidoo zum Vertreter - und hüpfte damit mit Anlauf ins Fettnäpfchen. Der Naidoo ist zwar erwiesenermaßen ein erfolgreicher Sänger, ist aber nicht unumstritten, wie der Shitstorm nicht nur in den sozialen Netzwerken zeigte. Zwei Tage nach dem On war Naidoo wieder off.

Es war nicht die erste peinliche Verwerfung vor beziehungsweise bei einer Vorentscheidung. Zuletzt wurde 2009 ohne öffentliches Tamtam, sondern von einer "Fachjury" entschieden: Das Projekt "Alex Swings Oscar Sings!" wurde zum ESC durchgewunken und holte dort immerhin 35 Punkte, die für Rang 20 reichten. 2013 durfte Cascada wegen der Entscheidung der "Fachjury" in Malmö antreten, obwohl sich die Radiofans bundesweit deutlich für La BrassBanda entschieden hatten. Cascada, die mit "Glorious" mehr oder weniger das Siegerlied des Vorjahres ("Euphoria" von, na, wie hieß sie noch, richtig: Loreen) kopierte, bekam in Schweden mit 18 Punkten nur ein paar Krümelchen vom Smörrebröd - Platz 21. Und 2015 schließlich siegte Andreas Kümmert im Vorentscheid, zeigte dann aber allen die lange Nase und stieg aus. An seiner statt durfte dann die nationale Zweite, Ann Sophie, als eine Art Lena Meyer-Landrut für Arme, anreisen und abgeschlagene Letzte werden.

Aber gut, the show must go on. Und so wollen also zehn Kandidaten in die Fußstapfen jener Lena treten, die 2010 die einmalig im acht Sendungen umfassenden Casting-Format ausgetragene Vorentscheidung gewann und dann, in Oslo, den zweiten ESC-Sieg für Deutschland holte.

Die potenziellen Lena-Erben versprechen eine optisch wie akustisch abwechslungsreiche Show. Thomas Schreiber freut sich über die bunte Vielfalt, die ihm das Wahlgremium, bestehend aus zehn Kennern aus der Branche (Radioleute, Vertreter der drei verbliebenen großen Plattenlabels, ein Independent-Urgestein und zwei Vertreter der Produktionsgesellschaft Brainpool TV), bescherte. Damit dankt sich Schreiber auch selbst, denn er gehörte dem Ausschuss ebenfalls an. Kriterien waren "vor allem das jeweilige Lied, dessen Erfolgschance in dem internationalen Wettbewerb und die Genrevielfalt". Also: alles möglich in Köln. Wie ja auch beim stets schillernd bunten Grande Finale des ESC. Ein gutes Training also.

Die Jüngste reist mit den größten Vorschusslorbeeren zum Entscheid nach Köln: Jamie-Lee Kriewitz (17) hat im Herbst "The Voice Of Germany" gewonnen, als erste Minderjährige. Den Siegertitel "Ghost" brachte das "Manga-Mädchen" bis auf Platz elf der Charts - damit würde sie gerne auch in Stockholm antreten.

Gregorian ist eine deutsche Idee, wird auf der Bühne heutzutage aber von englischen Chorsängern repräsentiert, die gregorianische Gesänge mit Unterhaltungsmusik mischen. Weltweit hat die in Hamburg produzierte Formation zehn Millionen Tonträger verkauft. Die Männer in den Mönchskutten wollen sich mit "Masters Of Chant" als solche beweisen.

Avantasia spielen normalerweise eher bei Festivals wie dem Wacken Open Air. Beim Soloprojekt des deutschen Power-Metal-Sängers Tobias Sammet ist Bombastrock angesagt. Mit "Mystery Of A Blood Red Rose" möchte er das Ticket in die Stockholmer Ericsson Globe Arena lösen.

Axel Diehl wurde nach den Terroranschlägen vom 13.11. so etwas wie die "deutsche Stimme nach Paris". Er komponierte spontan "Nur ein Lied", stellte sein Video ins Netz - und landete Millionen von Klicks. Aufruf zum weltweiten Frieden? Damit sang sich schon Nicole ("Ein bisschen Frieden") 1982 zum ESC-Sieg. Wird Diehl auch zur deutschen Stimme von Stockholm?

Joco sind die beiden Schwestern Josepha und Cosima aus Hamburg, die sich mit ihrem Debütalbum "Horizon" 2015 einen Namen machten, das sie in den legendäraen Abbey Road Studios in London einspielten. Ihr Beitrag heißt "Full Moon".

Hinter Keoma stehen mit Kat Frankie und Chris Klopfer zwei erfahrene Musiker. Sie, Kat, stammt aus Sydney und hat bereits mehrere Alben mit Folk-Chansons aufgenommen. Er, Chris, ist Kölner Rockmusiker, der unter anderem in der Band NIL aktiv war. Ihr erstes gemeinsames Album veröffentlichten sie gerade im Januar. Sie wollen mit "Protected" siegen.

Keine Unbekannten sind auch Luxuslärm. Das seit 2006 bestehende Pop-Rock-Quintett aus Iserlohn platzierte bereits zwei Alben in den deutschen Top Ten, wurde für den Echo nominiert und belegte 2012 bei der ESC-Konkurrenzveranstaltung von Stefan Raab, dem "Bundesvision Song Contest", Platz vier. Diesmal wollen sie es zum Original schaffen. "Solange Liebe in mir wohnt" aus ihrem demnächst erscheinenden fünften Album soll den Weg nach Schweden ebnen.

Auch Laura Pinski ist Freunden der gepflegten Castingshow keine Unbekannte: 2012 stand sie im Finale von "Das Supertalent". Für ihren musikalischen Schwedenhappen bekam die 19-Jährige die Unterstützung eines ESC-Urgesteins: Komponistenlegende Ralph Siegel (70) nahm bisher mit 24 seiner Werke am ESC teil. "Under The Sun We Are One", sein ESC-Jubiläumstitel Nr. 25, soll auch ihm Glück bringen. So wie damals, 1982, bei seiner siebten Teilnahme: Aus Siegels Feder stammte auch Nicoles Siegerlied "Ein bisschen Frieden".

Ella Endlich hat schon eine Goldene Schallplatte zu Hause, für ihre Single "Küss mich, halt mich, lieb mich", ihrer Adaption eines Stücks aus dem Weihnachtsklassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Die 31-Jährige aus Weimar hat Bühnenerfahrung ohne Ende, trat in gut einem Dutzend Musicals auf. Dennoch wird sie in Köln voller "Adrenalin" stecken, denn das besingt sie in ihrem Beitrag.

Woods Of Bernam schließlich bestehen aus Schauspieler (und hier Sänger) Christian Friedel ("Das weiße Band") und Musikern des One-Hit-Wonders Polarkreis 18 ("Allein Allein"). Sie kennen die großen Bühnen und das große Kino - ihr "I'll Call Thee Hamlet" war der (gigantische) Titelsong des Till-Schweiger-Blockbusters "Honig im Kopf". Können die Jungs über den Umweg Köln auch Stockholm rocken?

Es ist angerichtet, die Mischung stimmt. Vielleicht wird ja doch alles gut.

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