ZDF stützt Marietta Slomka

ZDF-Chefredakteur Peter Frey über Alice Weidel: „Wer austeilt, muss auch einstecken könnnen“

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Eklat vor Live-Kameras: AfD-Politikerin Alice Weidel verließ am Dienstagabend aus Protest das ZDF-Fernsehstudio.

AfD-Politikerin Alice Weidel sorgte am Dienstagabend für einen Eklat. Viel mehr blieb von einer eigentlich sehenswerten Sendung leider nicht hängen.

Immerhin: Wer nach dem TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten noch mutmaßte, dass dieser Bundestagswahlkampf kaum mehr richtig Fahrt aufnehmen würde, wurde nun doch eines Besseren belehrt. Die wichtigste Erkenntnis nach den im Vergleich zum, wie manche Kritiker schrieben, „Duett“ vom Sonntagabend aufschlussreicheren Kandidatenrunden vom Montag und Dienstag: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat Gott sei Dank noch nicht vergessen, wie Wahl-Talk geht. Gerade am Dienstagabend, als die ZDF-Moderatoren Marietta Slomka und Marcus Niehaves unter der Leitlinie „Wie geht's, Deutschland?, einem Land, in dem der Ton rauer geworden ist“ zur Debatte baten, kamen Hintergründe, Fakten und Meinungen auf spannende und unterhaltsame Weise zur Sprache. Nur schade, dass genau diese Substanz in der Nachbetrachtung keine Rolle mehr spielt, denn die komplette öffentliche Wahrnehmung fokussiert sich auf den Eklat um AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel, die das Studio noch während der laufenden Sendung aufgebracht verließ.

Angesichts eines nur wenige Minuten nach Weidels Ausstieg verbreiteten AfD-Statements wurde die Frage aufgeworfen, ob der Skandal inszeniert worden war. „Spontane Entrüstung - oder eine genau getimte PR-Aktion für ihre Anhänger?“, fragte etwa ein Kommentator des Bayerischen Rundfunks. Keine Frage ist jedenfalls, wem die ganze Aufregung zupasskommt. Am Mittwoch war kaum ein Wort über die Inhalte der Sendung zu lesen, Alice Weidel und die AfD waren hingegen omnipräsent.

„Wer austeilt, muss auch einstecken könnnen“: Mit diesen Worten beginnt ZDF-Chefredakteur Peter Frey seine Stellungnahme zur Causa Weidel. Oder ist es doch eher einer „Causa Slomka“, wie es die unzähligen AfD-nahen Kommentatoren in den Sozialen Medien wohl ausdrücken würden? - Frey jedenfalls stellte sich vor die nach dem Vorfall vielfach angefeindete Moderatorin seiner Sendung und verteidigte auch die Schärfe der Debatte: „Das gehört zur Diskussionskultur in Talksendungen.“ Eine Livesendung zu verlassen„, so der ZDF-Chefredakteur, bringe zwar Aufmerksamkeit, verhindere aber “eine politische Auseinandersetzung in der Sache„. Frey: “Die Kritik von Frau Weidel an der Moderatorin weise ich mit Nachdruck zurück. Marietta Slomka hat die Runde mit sieben Politikern und sechs Bürgern fair und gelassen moderiert. Ich hoffe, dass bei künftigen Wahlformaten nicht Inszenierungen, sondern der politische Streit im Mittelpunkt steht."

War am Sonntagabend noch von „Kuschelstunde“ die Rede, bestätigte sich nun, dass der Ton in der politischen Debatte „rauer geworden ist“- so wie es im Untertitel der Talkrunde bereits suggeriert wurde. Vor laufenden Live-Kameras verließ die AfD-Politikerin Alice Weidel offenbar aus Protest die Diskussionsrunde. Vorausgegangen waren emotionale Streitgespräche mit ihren politischen Gegnern und der Gastgeberin.

Nachdem Alice Weidel bereits mit Justizminister Heiko Maas (SPD) und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) aneinandergeraten war, brachte ein Dissens mit CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer das Fass zum Überlaufen. Als Scheuer zum Themenkomplex Flüchtlinge und Integration sprach, unterbrach ihn Weidel mit den Worten: „Also soll illegale Einwanderung legalisiert werden!“ Daraufhin wies der CSU-Mann die Rechtspopulistin in die Schranken: „Machen Sie erst mal den Zuschauern klar, dass Sie sich von Herrn Gauland und von Herrn Höcke distanzieren. Herr Gauland hat Herrn Höcke als die Seele der AfD bezeichnet, für mich ist er einfach ein Rechtsradikaler.“

Alice Weidel, die zusammen mit Alexander Gauland als AfD-Spitzenkandidatin in die Bundestagswahl geht, kramte daraufhin ihre Notizzettel zusammen und verließ wortlos das Studio. Moderatorin Marietta Slomka fragte zunächst verdutzt: „Frau Weidel, gehen Sie jetzt?“ Dann kommentierte sie den Eklat so: „Das ist dann auch eine eigenartige Diskussionskultur. Könnte auch daran liegen, dass das nächste Thema, das wir besprechen wollen, soziale Gerechtigkeit ist, wo sich Frau Weidel vielleicht nicht so gerne engagieren will.“

Alice Weidel hat in der Folge eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie der Moderatorin Unprofessionalität und „freche Intoleranz“ unterstellte. Slomkas Verhalten sei „eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht würdig“ und ein weiterer Anlass, „die Zahlung des Rundfunkbeitrages zu verweigern“. Am Mittwoch legte sie mit einem auf Facebook geposteten Videobeitrag nach. Weidels Kritik setzte auch hier insbesondere bei der Moderatorin Slomka an, „die mich nicht einen Satz hat zu Ende sprechen lassen“, während sie anderen Gästen „Honig ums Maul“ geschmiert habe. „So geht kein Journalismus!“

Womöglich kann sie diese Aussagen ja bereits am Donnerstag, 7. September, abermals im ZDF erklären und vertiefen: Sie steht neben Manuela Schwesig (SPD) und Karl-Josef Laumann (CDU) auf der Gästeliste von Maybrit Illners Sendung „illner intensiv“: Ab 22.45 Uhr wird über die Frage „Angst vor Armut und Krankheit - wer schützt uns im Alter?“ diskutiert. Wie das ZDF am Mittwochnachmittag auf Nachfrage erklärte, hat Alice Weidel ihre Teilnahme an dem Gespräch mitnichten abgesagt. Bereits um 21 Uhr wird Weidel auch in der Sendung „Phoenix-Wahlcheck 2017“ auf Phoenix mitmischen. Brisant: Neben Nicola Beer (FDP), Hubertus Heil (SPD), Matthias Höhn (DIE LINKE), Michael Kellner (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN), Peter Tauber (CDU) gehört auch CSU-Mann Andreas Scheuer (CSU) zu den ihr gegenüberstehenden Politikern ... Allerdings ist diese aufgezeichnete Sendung kein klassischer Talk, sondern eher als Reportage zu verstehen: Gemeinsam mit den Experten Claudia Kade und Lothar Probst nimmt Moderatorin Sara Bildau Antworten der Politiker zu den wichtigsten Fragen vor der Wahl genau unter die Lupe und analysiert, was die Parteien nach der Bundestagswahl vorhaben.

Heiko Maas, der am Dienstag in der Slomka-Runde direkt neben Weidel stand, äußerte sich wie viele andere Politiker am Mittwoch ebenfalls sehr deutlich. „Wir sollten uns hüten, auf diese geplante, peinliche Inszenierung hereinzufallen“, schrieb er auf Facebook. „Es ist ein billiger Trick von Rechtspopulisten, sich als Opfer darzustellen. In Wirklichkeit sind es geistige Brandstifter. Demokraten debattieren, aber daran hat die AfD keinerlei Interesse. Sie spaltet, hetzt, radikalisiert und duldet Neonazis in den eigenen Reihen. Nicht alle Wähler der AfD sind Rechtsradikale, aber die Partei versucht offensichtlich, das Erbe der NPD anzutreten.“

teleschau

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