Crime+Investigation wirft mit der Doku „The Invisible Line“ brisante Fragen auf

„Wir sind alle verführbar“: Die wahre Geschichte hinter dem Faschismus-Experiment „Die Welle“

Ron Jones kehrt in der Dokumentation an seine alte Schule zurück, wo er 1967 einen Feldversuch in perfider Manipuliation durchgeführt hatte.
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Ron Jones kehrt in der Dokumentation an seine alte Schule zurück, wo er 1967 einen Feldversuch in perfider Manipuliation durchgeführt hatte.

In einer gleichermaßen bewegenden wie beklemmend aktuellen Dokumentation zeichnet der Pay-Sender Crime+Investigation die Entstehungsgeschichte des berühmt-berüchtigten „The Third Wave“-Experiments nach, das der Lehrer Ron Jones 1967 an einer US-Highschool veranstaltete.

Es ist die Frage aller Fragen, die bei der Beschäftigung mit den Massenmorden und Kriegsverbrechen der Nazis immer wieder schier unerklärbar im Raum steht: Wie konnte all das passieren? Ron Jones, ein an der Cubberly High School im kalifornischen Palo Alto einst bei seinen Schülern beliebter und auch heute noch extrem charismatischer Geschichts- und Basketball-Lehrer, griff 1967 die Schülerfrage aus seiner Geschichtsklasse auf - und nahm sie radikal wörtlich. Ohne seinen Schülern viel mehr zu sagen, als dass sie gemeinsam eine Art „Sozialexperiment“ durchführen würden, trat er mit der von ihm organisierten, hoch manipulativen „The Third Wave“-Aktion eine Bewegung los. Sie stellte die zuvor eher verschlafene Schule komplett auf den Kopf und erschütterte in ihrer Kurz- wie Langzeitwirkung das Leben vieler seiner Schutzbefohlenen dramatisch. „Die Welle“ - das ist längst ein Mythos, der einen weltbekannten Roman, diverse Filme und sogar eine deutsche Netflixserie („Wir sind die Welle“) inspirierte.

„Es war ein Erlebnis, das ich gegen nichts in der Welt eintauschen würde“, sagt über 50 Jahre nach dem Experiment, das den Stoff für Morton Rhues weltberühmten „Die Welle“-Roman und seine fiktionalen Verfilmungen lieferte, die ehemalige Schülerin Debbie Berry. Sie war nun extra zur Weltpremiere der neuen Dokumentation „The Invisible Line - Die Geschichte der Welle“ nach München gereist, wo Regisseur und Drehbuchautor Emanuel Rotstein, Senior Director Programming beim Pay-TV-Sender Crime+Investigation, seinen Film überaus bemerkenswerten Film vorstellte.

„Lebensrettend für die Menschheit“,

Berry war einst eine der Schülerinnen, die anfänglich dem Experiment von Ron Jones mit Enthusiasmus folgten, dann aber schwere Gewissenskämpfe auszustehen hatte. Sie bewegt die Wiederbegnung mit dem Stoff stark. Im Film ist sie weinend zu sehen. Die Lehre des Experiments, das zeigen sollte, wie leicht Menschen verführbar sind und wie schnell autoritäre Massenbewegungen entstehen können, hält sie noch immer hoch. „Dieser Film und diese Projekte sind lebensrettend für die Menschheit“, sagte sie auf der „Invisble Line“-Premiere in München.

Ron Jones selbst kommt in Rotsteins Film ausführlich zu Wort. Er analysiert mit dem Filmemacher bei der gemeinsamen Vor-Ort-Wiederbegehung der alten Klassenzimmer, Gänge und Versammlungsräume an der Cubberley Highschool die brisanten Bruchstellen, an dem sein Experiment kippte, äußerst selbstkritisch. Jones gesteht offen ein, wie rasch ihm sein nur auf wenige Tage angelegter, pädagogisch hochgradig fragwürdiger Faschismus-Feldversuch entglitt - und wie stark ihn das heute noch verstört. „Ich würd's nie wieder machen“, sagt er im Film. Wichtig war aber eben doch, dass er weitreichende Diskussionen lostrat, die auch heute noch politisch wache Menschen bewegen.

„Das Thema hat an Aktualität nichts verloren“, sagt Emanuel Rotstein - und bedauert das natürlich. Dabei stimmten ihm bei der Premiere in München nicht nur ein aufgewühltes, begeistertes Publikum bei, sondern auch Film-Kollegen wie der Regisseur Dennis Gansel, der mit „Die Welle“ (2008) einen deutschen Spielfilm zur Romanvorlage von Morton Rhues gedreht hatte. Bei der aktuellen Netflix-Serie „Wir sind die Welle“ (2019), die sich vom Aufbruchsgeist einer radikalen Jugendbewegung inspirieren ließ, fungierte Gansel als Produzent. „Es ist wahnsinnig spannend“, sagte Dennis Gansel nun in München über den „Welle“-Stoff, dessen US-Highschool-Originalgeschehen er gerne noch einmal verfilmen würde. „Es lässt mich nicht los.“

Ron Jones' Versuch, die perfide Faszination für faschistische Gleichmacherei und Machtanmaßung zu erklären, hat in Zeiten von Hate Speech, Fake News und ausländerfeindlichen Umtrieben in vielen westlichen Gesellschaften eben nichts an akuter Brisanz verloren - bedauerlicherweise. „Manipulation funktioniert immer“, bilanziert Emanuel Rotstein seine Beschäftigung mit der ungebremsten Wuchte der Welle: „Wir sind alle verführbar.“

Die neue Dokumentation „The Invisible Line - Die Geschichte der Welle“ ist erstmalig am Donnerstag, 19. Dezember, um 20.45 Uhr, auf dem Pay-TV-Sender Crime+Investigation zu sehen.

teleschau

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