Vom Problem, nicht ernst genommen zu werden

Wilson Gonzalez Ochsenknecht

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Im neuen Dresdner „Tatort: Level X“ spielt Wilson Gonzalez Ochsenknecht einen Social Media-Aktivisten.

Ein Name, der Fluch und Segen ist: Wilson Gonzalez Ochsenknecht, ältester Spross einer zeitweise öffentlich lebenden Familie, sucht nach mehr Substanz im Leben.

Wilson Gonzalez Ochsenknecht verbrachte den größten Teil seines bisherigen Lebens in der Öffentlichkeit. Das lag an seinen mittlerweile geschiedenen Eltern, Schauspieler Uwe und Ex-Model Natascha Ochsenknecht. Hinzu kam die Kinderfilm-Reihe „Die Wilden Kerle“, in der Wilson neben Bruder Jimi Blue vor der Kamera stand. In Wahrheit verbirgt sich hinter dem ältesten Ochsenknecht-Sohn jedoch ein Cineast und Musiker mit eher unkommerziellem Rock-Geschmack. Einer, der sich trotz seines freundlichen Wesens nicht verbiegen lassen will. Deshalb dreht der 27-Jährige nun überwiegend im Ausland, wo kaum jemand den Namen Ochsenknecht kennt. Im neuen Dresdner „Tatort: Level X“ (Sonntag, 11. Juni, 20.15 Uhr, ARD) über die Heilsversprechen der Social Media-Kultur gibt er nun einen jungen Netz-Aktivisten.

nordbuzz: Können Sie sich ein Leben „offline“ vorstellen?

Wilson Gonzalez Ochsenknecht: Ja, das kann ich (lacht). Ich hatte mal einen Dreh im Ausland, zwei bis drei Monate lang. Gleich am Anfang ging mein Handy kaputt. Ich hatte nur den Computer, um abends im Hotel E-Emails zu checken und so. Das ging ganz hervorragend.

nordbuzz: Das heißt, Sie sind nicht süchtig nach virtueller Dauerkommunikation?

Ochsenknecht: Nein, das brauche ich nicht. Es gelingt mir sogar, lange neben Leuten zu stehen und das Handy nicht einmal aus der Tasche zu ziehen. Das ist ohnehin eine Unart. Ich finde es tendenziell respektlos. Trotzdem hat das Netz mehr Vor- als Nachteile, finde ich. Ich kann leicht Kontakt halten zu Freunden in anderen Ländern. Es gibt bezahlbare Musik-Flatrates, wo man früher illegal runtergeladen hat. Es wird also nicht alles immer schlechter im Netz.

nordbuzz: Trotzdem - muss man die Kids heute nicht vor dem totalen Internet schützen?

Ochsenknecht: Klar, Elf- oder Zwölfjährige mit einem Smartphone, das ist schon krass. Die haben keinerlei Kontrolle über den eigenen Konsum. Wir spielten damals Gameboy im Gruppenraum der Schule - aber vorher musste man seine Hausaufgaben fertig haben. Und die Spielzeiten waren auch danach begrenzt. Einfache Handys hatten wir auch schon, aber mit denen ging nicht viel (lacht). Ich finde, bis 16 oder 17 Jahre brauchen Kinder feste Regeln, wann sie mit dem Ding rummachen dürfen. Bei meinen eigenen Kindern würde ich es jedenfalls so halten.

nordbuzz: Glauben Sie, dass es heute wegen des Online-Drucks mehr Konflikte zwischen Eltern und Kindern gibt als früher?

Ochsenknecht: Glaube ich nicht. Konflikte mit den Eltern, auch heftige, gehören einfach zum Großwerden dazu. Heute sind es Smartphones und das ewige Online-Sein. Bei mir waren es Gameboy und Tamagotchi. Und mein Vater hatte total Stress mit den Eltern, weil er mit Zirkeln geschmissen hat oder abends mit den Kumpels viel zu lange mit dem Tretroller in der Gegend unterwegs war. Auch das waren Riesenprobleme, an denen Eltern damals schier verzweifelten. Heute lacht man darüber.

nordbuzz: Aber die Reize sind heute stärker geworden, oder?

Ochsenknecht: Klar, es geht mehr ab. Und alles passiert gleichzeitig. Erwachsene sind ja auch nicht vor dem digitalen Geblinke gefeit. Aber die meisten können das natürlich reflektieren, anders als ihre Kinder.

nordbuzz: Sind Sie und Ihre Geschwister eher streng oder lässig erzogen worden?

Ochsenknecht: Eine Mischung aus beidem. Meine Eltern hatten Regel, die ihnen wichtig waren. Unpünktlichkeit wurde streng sanktioniert. Vor allem, wenn man Wiederholungstäter war (lacht). Manieren am Tisch galten auch als hohes Gut. Wir waren noch ziemlich jung und öfter zum Essen irgendwo eingeladen. Insofern verstehe ich meine Eltern heute ziemlich gut.

nordbuzz: Was gab es als Strafe?

Ochsenknecht: Meist waren es Ausgehverbote. Dass man eben nicht beim Freund übernachten durfte. Wenn es schlimmer war, gab es längeren Hausarrest - das hat super funktioniert. Meine Eltern hatten klassische Regeln. Es ging um Manieren und den Respekt Anderen gegenüber. Beides war ihnen wichtig, und das haben sie mit ganz altmodischen Mitteln durchgesetzt. Heute sage ich, die haben das genau richtig gemacht. Ich würde es selbst bei meinen Kindern genauso machen.

nordbuzz: Ihr Bruder und Sie sind durch die Filmreihe „Die wilden Kerle“ früh bekannt geworden. Das Ganze ist aber schon eine Weile her. Was machen Sie heute?

Ochsenknecht: Ich habe eine Band, Black Rainbow. Vor allem sehe ich mich aber als Schauspieler. Ich drehe zwei bis drei Filme pro Jahr, meistens Arthouse. Sachen, die auf Festivals laufen. Das kriegt man hier leider oft nicht mit. „Der Nachtmahr“ ist ein gutes Beispiel. Das ist ein toller Film, den hier aber keiner zeigen wollte. Dann aber lief er im Ausland super, und nun sind alle stolz darauf, dass so ein ungewöhnlicher Gruselfilm aus Deutschland kommt. Ich drehe mittlerweile öfter im Ausland.

nordbuzz: Und das ist eine bewusste Entscheidung?

Ochsenknecht: Nein, es hat sich so ergeben. Vielleicht durch die Art Filme, die ich mag. Ich habe jetzt gerade in Norwegen und Budapest einen englischsprachigen Film über die Black-Metal-Szene der 90-er gedreht. Das ging gleich nach dem „Tatort“ los. Ich war die letzten drei Monate im Ausland und habe an diesem Film gearbeitet.

nordbuzz: Wäre es besser für die eigene Karriere, in Deutschland Mainstream-Filme zu drehen?

Ochsenknecht: Das würde mich nicht so interessieren. Als Schauspieler ist es niemals einfach. Kaum einer weiß, ob er wirklich gefragt ist. Und wenn doch, ob es im nächsten Jahr noch so ist. Der Beruf ist derart unsicher, dass man auch gleich das machen kann, was einen am meisten interessiert.

nordbuzz: Stresst Sie das?

Ochsenknecht: Nein, eigentlich nicht. Ich bin einfach Film-Nerd. Wenn ich frei habe, schaue ich drei oder vier Filme pro Tag. Viel Filmgeschichte, also Klassiker. „Metropolis“ oder immer wieder alles von Hitchcock. Ich will lernen, alles über Film wissen. Eine Schauspielkarriere lässt sich nicht planen. Manchmal drehe ich drei oder vier Filme am Stück, aber die kommen alle erst mal nicht raus. Manche Filme kommen erst nach drei Jahren, andere gar nicht. Da hast du hart gearbeitet, warst mittendrin in deinem Beruf, aber die Leute denken, man würde nichts machen. So läuft das Geschäft, ich kann damit leben. In den Pausen reise ich viel und mache Musik. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Leben.

nordbuzz: Können Sie sich vorstellen, selbst Filme zu drehen?

Ochsenknecht: Ja, das habe ich auch auf der Schule in Los Angeles ein bisschen gelernt. Ich könnte mir vorstellen, vielleicht in 20 Jahren mal als Regisseur zu arbeiten. Das Schreiben ist allerdings nicht so mein Ding.

nordbuzz: Haben Sie schauspielerische Vorbilder?

Ochsenknecht: Nicht wirklich. Ich finde Leute wie Gary Oldman toll, die total wandelbar sind. Er ist einer meiner lebenden Favoriten. Weil er bis in seine Sprache hinein jede Figur völlig anders anlegt. Philip Seymour Hoffman war auch einer meiner Lieblingsschauspieler.

nordbuzz: Fühlen Sie sich im Ausland als Schauspieler vielleicht sogar wohler? In Deutschland war die Familie Ochsenknecht über Jahre sehr präsent in der Klatschpresse.

Ochsenknecht: Ja, natürlich. Das ist eine zweischneidige Geschichte. Einerseits kennen mich dadurch viele Menschen, das hilft manchmal auch ein bisschen. Andererseits wird man natürlich mit diesem eher schlichten Klatschpressen-Image identifiziert.

nordbuzz: Und dann haben Sie und Ihre Geschwister noch diese lustigen Namen ...

Ochsenknecht: Ja, wir tragen total ausgefallene Namen (lacht). Natürlich dauert es seine Zeit, bis man als Erwachsener anders wahrgenommen wird. Vor allem, wenn man eben in diesem Beruf bleiben will, den man - von Schlagzeilen begleitet - sehr jung angefangen hat. Wir haben es schwerer als die meisten anderen, irgendwann auch mal wieder ernst genommen zu werden.

nordbuzz: Sehen Sie es tatsächlich so - dass Sie Probleme damit haben, ernst genommen zu werden?

Ochsenknecht: Ich habe persönlich kein Problem damit, aber ich muss schon darum kämpfen. Das war mir allerdings auch immer bewusst. Ich weiß, wo ich herkomme. Andererseits liebe ich diesen Beruf so sehr, dass ich den Kampf gerne aufnehme. Selbst dann, wenn er vielleicht viele Jahre dauert.

nordbuzz: Wie eng ist das Verhältnis zu Ihrem Vater? Reden Sie oft miteinander über Filme?

Ochsenknecht: Wir haben ein gutes Verhältnis und sprechen tatsächlich viel über Filme. Oder wir tauschen uns über neue Serien aus. Vom Set schicken wir uns gegenseitig immer viele Bilder. Er interessiert sich sehr dafür, was ich gerade arbeite. Zwischendurch kommt natürlich immer wieder der Vater durch. Für diesen Black-Metal-Film - „ Lords of Chaos“, der von Ridley Scott produziert wird - musste ich zwei Jahre die Haare wachsen lassen, durfte nicht in die Sonne und ich habe fünf Kilo angenommen. Ziel war es, halb tot auszusehen (lacht). Da hat sich mein Vater natürlich Sorgen gemacht. Ich meine, er ist doch selbst Schauspieler und weiß, dass man sich auf Rollen vorbereitet. Aber da konnte er den väterlichen Blick und die Sorge wohl doch nicht so gut kontrollieren (lacht).

tsch

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