Aufs Bauchgefühl kommt's an

Willem Dafoe im Interview zu „Der Leuchtturm“

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Das freundliche Lächeln täuscht: Meist spielt Willem Dafoe eher schwierige Charaktere.

„Der Leuchtturm“ könnte Willem Dafoe seinen ersten Oscar einbringen. Im Interview spricht der Schauspieler über seine herausfordernde Rolle. Er verrät, was er an seinem Ko-Star Robert Pattinson schätzt, und offenbart ein neues, ungewöhnliches „Hobby“.

Über 120 Filme hat Willem Dafoe in seiner rund 40-jährigen Karriere gedreht. Der US-Amerikaner, der zusammen mit sieben Geschwistern in Wisconsin aufwuchs, zählt vor allem wegen seiner komplexen und oft exzentrischen Rollen zu den stärksten Charakterdarstellern Hollywoods. Viermal wurde der 64-Jährige für einen Oscar nominiert, bis jetzt ging er aber immer ohne den berühmten Goldjungen nach Hause. Das könnte sich im kommenden Februar ändern: Mit seiner außergewöhnlichen Leistung in „Der Leuchtturm“ (Kinostart: 28. November) wird Dafoe als heißer Kandidat auf eine Auszeichnung bei der nächsten Oscar-Verleihung gehandelt. In dem Film von Robert Eggers („The Witch“), der in Schwarz-Weiß mit antiquarischen Kameralinsen aus den 30er-Jahren und in einem fast quadratischen Format gedreht wurde, spielt Willem Dafoe einen Leuchtturmwärter, der dem Wahnsinn verfällt. Zusammen mit Robert Pattinson stand er in dem kammerspielartigen Zwei-Mann-Film vor der Kamera. Im Interview spricht Dafoe über die ungewöhnlichen Dreharbeiten, seinen Ko-Star Pattinson, und er verrät, warum er für „Der Leuchtturm“ Stricken gelernt hat.

nordbuzz: Mister Dafoe, „Der Leuchtturm“ ist ein extremer Film. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Willem Dafoe: Rob Eggers, der Regisseur, hat mir viel Material gegeben. Interviews mit echten Leuchtturmwärtern, alte Kassetten, Fotos und Videoaufnahmen. Als ich mich durch das Material gearbeitet habe, war eines klar: Ich brauche einen Bart und schlechte Zähne (grinst). Meine Zähne sind nicht unbedingt die besten, aber sie mussten noch schlechter gemacht werden. Also trug ich ein falsches Gebiss. Außerdem habe ich Stricken gelernt (lacht)!

nordbuzz: Wirklich?

Dafoe: Ja! Die Szene war nur 20 Sekunden im Film zu sehen, trotzdem war sie wichtig. Durch meine Recherche habe ich herausgefunden, dass viele Leuchtturmwärter gestrickt haben, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich wusste zwar nicht, wie wichtig diese Sequenz für den Film sein würde, aber Stricken zu lernen, hat mich mit meinem Charakter verbunden.

nordbuzz: Robert Eggers ist mit seinen 36 Jahren ein ziemlich junger Regisseur, „Der Leuchtturm“ ist erst sein zweites großes Projekt. Hatten Sie Bedenken?

Dafoe: Nein, ganz im Gegenteil! Ich war sogar derjenige, der sich mit ihm in Verbindung gesetzt hat, nicht andersherum.

nordbuzz: Wie kam es dazu?

Dafoe: Ich habe zuletzt eine Weile in Europa gelebt, um dort Filme zu drehen. Als ich nach New York zurückkam, sah ich „The Witch“. Ich fand den Film großartig und wollte wissen, wer der Regisseur ist. Für mich war sofort klar, dass ich ihn unbedingt kennenlernen musste. Also vereinbarte mein Agent ein Treffen. Eggers kannte mich von meinen Filmen und meiner Theater-Arbeit. Wir verstanden uns auf Anhieb und wollten zusammen etwas auf die Beine stellen. „Der Leuchtturm“ war unser erstes Projekt, das von einem Studio unterstützt wurde.

nordbuzz: Im Film sind fast ausschließlich Sie und Robert Pattinson zu sehen ...

Dafoe: Er hat Eggers ebenfalls kontaktiert. Ich glaube, Pattinson kopiert mich (lacht). Er ist bekannt dafür, dass er auf Regisseure zugeht, deren Arbeit ihm gefällt. Das haben wir beide gemeinsam. Wir arbeiten gerne mit neuen und auch unbekannten Regisseuren zusammen, was nicht unbedingt typisch für die meisten Schauspieler ist. Wir tun das bewusst, weil wir dadurch die Chance bekommen, auch abseits von Hollywood und dem kommerziellen Bereich zu arbeiten.

„Die jüngere Generation hat das Kino vernachlässigt“

nordbuzz: Was haben Sie während der Zusammenarbeit über Robert Pattinson gelernt?

Dafoe: Robert arbeitet sehr hart, ist engagiert und neugierig. Diese Dinge sind für einen Schauspieler extrem wichtig. Der Punkt, in dem wir uns unterscheiden, ist, dass er seine Szenen nicht proben will, ich hingegen schon. Ich verstehe, dass er aus der Spontaneität heraus drehen will, doch ich finde, dass Szenen trotz vorherigen Probens noch spontan genug sind. Ansonsten ist mir aufgefallen, dass er einen charmanten Akzent hat und durch sein Lächeln eher nervös und zurückhaltend wirkt.

nordbuzz: Verbrachten Sie auch außerhalb des Sets Zeit miteinander?

Dafoe: Nach den Dreharbeiten haben wir uns nicht zum Abendessen getroffen und die Nacht zusammen durchgefeiert (lacht). Wir wollten nur noch nach Hause, um Energie für den nächsten Tag zu tanken. Immerhin waren wir die einzigen zwei Schauspieler am Set, die Kamera war immer auf uns gerichtet. Eigentlich ist es schade, aber wir hatten nicht wirklich Zeit, uns besser kennenzulernen.

nordbuzz: Wie schaffen Sie es, nach Drehschluss einen so dunklen Charakter wieder abzuschütteln?

Dafoe: Während der Dreharbeiten kaum, denn wir haben nur wenige Stunden, die wir nicht am Set verbringen. In dieser Zeit versuche ich, den Charakter ein bisschen loszuwerden, aber meistens gelingt es mir nicht. Denn bevor ich mich versehe, ist die Nacht vorbei, und die Kamera läuft wieder.

nordbuzz: Sie spielen schon lange an der Spitze Hollywoods mit. In den letzten Jahren wird ihre Arbeit aber auch zunehmend von einer jüngeren Generation geschätzt ...

Dafoe: Da bin ich mir nicht so sicher. Die jüngere Generation hat das klassische Kino vernachlässigt. Sie beschäftigen sich lieber mit ihren Handys und YouTube. Trotzdem habe ich für „Der Leuchtturm“ große Hoffnungen. Dieser Film ist anders und einzigartig, vielleicht könnte ihn gerade deshalb auch die jüngere Generation toll finden. Und die älteren Filmliebhaber werden darin den klassischen Filmstil wiedererkennen - also sehr vielversprechend für uns (grinst).

nordbuzz: Es wird ja schon fleißig über Oscar-Nominierungen spekuliert. Sie selbst wurden bereits viermal nominiert. Hoffen Sie darauf, ihn im nächsten Jahr endlich mit nach Hause nehmen zu dürfen?

Dafoe: Welcher Schauspieler wünscht sich das nicht (lacht). Aber ich suche mir meine Projekte nicht nach der Wahrscheinlichkeit auf einen Oscar aus, sondern nach meinem Bauchgefühl. Ich liebe Filme, die von der Norm abweichen. Genau deshalb glaube ich, dass „Der Leuchtturm“ viele Liebhaber finden wird.

teleschau

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