Wildeshauser TV-Star überquert Alpen mit Tretroller

Werden Sie nicht langsam auch mal bequemer, Herr Boning? – „Leider ganz und gar nicht“

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Moderieren im Schlafanzug: So was kriegt nur Wigald Boning hin.

Freundlichkeit, Eifer, Originalität und ein gepflegter Umgangston: Tugenden, die der in Wildeshausen geborene TV-Comedian Wigald Boning (50) nun auch in eine eigentümliche Talksendung im NDR-Dritten einbringen wird.

„Kein größerer Dieb als der Schlaf: Er raubt uns das halbe Leben“, sagt ein Sprichwort. Vielleicht sind es auch solche Gedanken, die bei einigen das Gedankenkarussel zu nachtschlafender Zeit auf Hochtouren bringen, sie im Bett in Quassellaune versetzen - und die zu einer schrägen Fernseh-Idee wie dieser führen: „Gute Nacht! Die Show vorm Einschlafen“ ist der erste TV-Talk, der im Bett stattfindet. Nach einem Testlauf im vergangenen Jahr wird ab 5. August, 23.50 Uhr, im NDR Fernsehen Samstagnacht in prominenter Kuschelrunde im Schlafanzug geplaudert - über dies und das, manchmal heiter, manchmal ernst und meistens ein bisschen schläfrig. Ein vorgegebenes Konzept gäbe es bewusst nicht, verrät Gastgeber Wigald Boning, der erklärtermaßen seit jeher zu Schlafstörungen neigt und sich im Fernsehen schon vielfach als der Mann fürs Originelle hervortat. Im Interview offenbart der in München lebende Moderator und Comedian jedoch auch, wieviel Tiefsinn hinter der flippig-bunten Fassade steckt.

nordbuzz: Sie kommen gerade aus dem Urlaub zurück - auf dem Programm stand eine Alpenüberquerung mit dem Tretroller. Tut's noch weh?

Wigald Boning: (lacht) Nein, überhaupt nicht. Es war herrlich und erfreulich unproblematisch. War'n ja nur 363 Kilometer in fünf Tagesetappen - ich habe mir auch nicht die allerschwierigste Route ausgesucht, und so ein Roller hat ja zwei gute Bremsen! Es war wirklich nicht das extremste Abenteuer ...

nordbuzz: Das sagen Sie. Andere bekommen es bei der Vorstellung, mit dem Roller eine Passstraße runterzubrettern, mit der Angst!

Boning: Ich hatte schon so meine Sorgen - aber es war nicht wesentlich unsicherer, als wenn man mit dem Rad runterfährt. Härter war es bergauf. Man muss viel früher absteigen und schieben als mit dem Mountainbike.

nordbuzz: Dabei wirken Sie total austrainiert.

Boning: Ja, ich mache gerne Sport und würde schon sagen, dass ich gut in Form bin. Aber es strengt einfach ganz anders an mit dem Roller. Insofern war es super, dass mich meine noch völlig Radsport-unerfahrene Freundin Teresa auf dem Mountainike begleitet hat. So hat sich das gut ausgeglichen.

nordbuzz: Ist vor Ihnen schon mal jemand mit dem Tretroller über die Alpen gefahren?

Boning: Ja, da gab es einige. Die Tretrollerszene ist eine kleine, aber sehr aktive Community. Ehrlich gesagt geht es mir auch nicht darum, irgendwo der Erste zu sein. Ich bin zwar Sportler und habe immer wieder verrückte Ideen, aber ich bin überhaupt kein Wettkampftyp. Tempo oder Rekorde sind mir wurscht. Okay, eine Ausnahme war vielleicht damals meine Radtour nach Rom - 1.000 Kilometer mit nur zwei kleinen Schlafpausen. Aber so was muss ich nicht noch mal haben.

nordbuzz: Was reizt Sie dann bei solchen Trips?

Boning: Ich bin gerne draußen an der frischen Luft, bewege mich gerne und habe einen gewissen Hang zur Originalität ... Manchmal mache ich auch nur das, was man als Münchner eben gerne so macht: Mit dem Rad zum Tegernsee runter oder auf die Hausberge steigen - solche langweiligen Sachen, die durch das spektakuläre Landschaftserlebnis zu etwas ganz Besonderem werden. Aber ich brauche die Berge nicht zwingend, ich fahre auch liebend gerne mit dem Rad durch Gewerbegebiete!

nordbuzz: Vor zwei Jahren tingelten Sie fast acht Monate am Stück nur mit Zelt und Schlafsack durch Deutschland. Wollen Sie das noch mal machen?

Boning: Sehr gerne. Das war spannend. Allerdings ist es nicht so einfach: Man braucht eine gewisse Zeit, um sich auf diese besonderen Bedingungen der Zelterei einzustellen - vor allem, was den Schlaf angeht. Bei mir dauerte es drei Monate, bis ich mich so daran gewöhnt hatte, dass ich zu einer vernünftigen Nachtruhe fand. Es ist diese Übergangsphase, vor der es mir ein wenig grauen würde.

nordbuzz: Sie wurden im Januar 50 Jahre - für Sie kein Alter, oder?

Boning: Ich will nicht kokettieren, es ist schon so, dass ich heute ein bisschen mehr Probleme habe, aus der Waagrechten hochzukommen, als früher. Aber mir fehlt absolut nichts - jedenfalls nichts, was ich aufs Alter schieben könnte.

nordbuzz: Werden Sie ruhiger?

Boning: Im Sinne von bequemer? Leider ganz und gar nicht (lacht). Vielleicht hat der sportliche Ehrgeiz etwas nachgelassen, aber mein Bewegungsdrang sicher nicht. Stillstand kenne ich nicht - das war in meinen Zwanzigern noch anders: Damals hatte ich mal einen ganzen Sommer nur mit Tischtennis verbracht ... Eigentlich nur, weil mir nichts Besseres einfiel. Heute habe ich's gerne sinnvoller.

nordbuzz: Immerhin stammt von Ihnen das schöne Zitat: „Der Stuhl ist keine Erfindung, die den Menschen wirklich weitergebracht hat.“

Boning: Stimmt! Das bezog ich auf eine Story des „Stern“, die ich klasse fand: „Sitzen ist das neue Rauchen“. Der Sinn des Sitzens will sich mir einfach nicht erschließen - da komme ich mir so abgeknickt vor. Das ertrage ich höchstens auf dem Fahrrad. Am wohlsten fühle ich mich aber beim Gehen oder im Liegen ...

nordbuzz: Im Liegen? Dabei haben Sie bekanntermaßen große Schlafprobleme?

Boning: Nein, die habe ich nicht. Ich schlafe nach wie vor recht wenig, ich wache öfters auf, bin jeden Tag spätestens um 7 Uhr auf den Beinen, und manchmal will es gar nicht mit dem Einschlafen klappen, alles richtig. Aber Probleme wären das nur, wenn es mir schlecht gehen und mich das irgendwie beeinträchtigen würde. Da dies nicht der Fall ist: alles gut. Zur passgenauen Vorbereitung auf meine Talksendung „Gute Nacht, die Show vorm Einschlafen“ war ich jetzt sogar mal im Schlaflabor.

nordbuzz: Was kam dabei heraus?

Boning: Nichts Absonderliches - wenn man mal davon absieht, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die in der Seitenlage schnarchen. Außerdem hat man mir eine Vorstufe des Restless-Legs-Syndroms attestiert ...

nordbuzz: Also doch was Schlimmes!

Boning: Eben nicht. Das mag wohl eine Krankeit sein, aber auch der Arzt sagte mir: „Krank ist man nur, wenn man sich krank fühlt. Wenn Sie kein Problem damit haben, sind Sie für mich kein Patient.“

nordbuzz: Täuscht der Eindruck, oder ist es wirklich so, dass der Schlaf ein tragfähiges Thema geworden ist und man unter Erwachsenen gefühlt permanent Gespräche darüber führt?

Boning: Nein, das ist auch meine Wahrnehmung. Natürlich gibt es die morgendliche Grußformel: „Hast du gut geschlafen?“ wahrscheinlich schon seit tausend Jahren. Nur heute ist es viel bedeutungsschwangerer als noch vor 20 Jahren. Zum Teil aus guten Gründen - wir verbringen ein Drittel unseres Lebens schlafend. Und Stichwort: Smartphones. Wir leiden unter der totalen Verfügbarkeit - auch ich gehöre mithin zu den Verrückten, die ihr Handy neben dem Bett liegen haben, und nachts um drei plötzlich anfangen, im Internet zu surfen oder Mails zu lesen. Schlimm! Zum guten Teil hat es aber bestimmt auch mit dieser typischen Wohlstands-Hysterie zu tun, die uns heutzutage alle möglichen Befindlichkeiten pathologisieren lässt, nach dem Motto: Wir haben gerade keine anderen Probleme, also schaffen wir uns welche. Und schon ist so ein bisschen Lebensmittelunverträglichkeit eine ernsthafte Krankheit, und im Restaurant wird nach gluten- oder laktosefreien Speisen gefragt ...

nordbuzz: Alles in allem passt Ihr nächtlicher Schlaf-Talk, bei dem Sie die Gäste im Bett und im Schlafgewand empfangen und eben auch viel übers Schlafen reden, gut in die Zeit, oder?

Boning: Erstaunlicherweise ja. Natürlich ist die Angst der Programmverantwortlichen, dass ein solches Format einschläfernd wirken könnte, groß (lacht). Ursprünglich sollte die Sendung heißen: Gute Nacht, die Show zum Einschlafen„ ... - Das haben Sie uns aber nicht durchgehen lassen, darum heißt sie jetzt “Gute Nacht - Die Show vorm Einschlafen". Das Schöne ist, dass ich hier auch eine lang gehegte Showidee von mir mit einbringen kann: Menschen erzählen sich gegenseitig ihre Träume. Mein Traum sozusagen.

nordbuzz: Dabei ist es erstaunlich genug, dass es so etwas „Gute Nacht, die Show vorm Einschlafen“ ins öffentlich-rechtliche-Programm geschafft hat ...

Boning: Ja, manchmal wird man ziemlich überrascht - beim NDR waren die Verantwortlichen absolut nicht schlafmützig, sondern die waren auf Anhieb angetan von dem Konzept ...

nordbuzz: Welches im Grunde darin besteht, dass es eigentlich gar kein vorgegebenes Konzept gibt!

Boning: Genau. Wir - der Autor Christian Busemann und ich - haben nachgedacht, ob wir mehr vorgeben sollen. Doch so ein nächtliches Gespräch in Schummerlicht und Schlafanzug lebt am besten von der Assoziativität. Das ist die Idee: Es geht im Döse-Modus mal hierhin, mal dorthin, wir switchen schnell mal von belanglos oder heiter zu todernst. Vielleicht ist es ein bisschen so, wie früher, als wir Kinder waren und uns unter der Bettdecke die kühnsten Geschichten erzählten, oder wie im Schullandheim - kurz nachdem der Lehrer das Licht ausgemacht hat.

nordbuzz: Gibt es einen Gast, den Sie besonders gerne zum Kuschel-Talk begrüßen würden?

Boning: Ja, Grace Jones, weil ich mich vor ihr schon immer ein bisschen fürchte und das endlich überwinden muss, - und Papst Franziskus. Ein wahnsinnig guter Mann, der mit Kleinwagen und Blechkreuz genau die richtigen Statements setzt. Ich bin ein Fan von ihm und seinem Bekenntnis zum einfachen Leben.

nordbuzz: Sie selbst plädierten unlängst in Ihrem Blog für Freundlichkeit und Verzicht. Sind Sie ein Weltverbesserer?

Boning: Oh, schwieriges Terrain ... - Ich möchte nicht besserwisserisch daherreden und mich keinesfalls als Moralist aufspielen, sondern einfach durch meine kleinen Taten, mein bloßes Dasein dem Turbokapitalismus die Stirn bieten. Mir macht es eine diebische Freude, auf all die sogenannten Must-Haves, die einem ständig offeriert werden, zu verzichten und freundlich lächelnd durch den Tag zu gehen. Oder zu radeln.

nordbuzz: Wobei man meinen möchte, dass die Freundlichkeit eigentlich ein gesellschaftlicher Minimalkonsens ist ... Haben wir den verloren?

Boning: Schauen Sie sich Staatenlenker wie Erdogan oder Trump an, die den rauen Ton mit großem Erfolg zu ihrem Markenzeichen machen! Lesen Sie sich durch die Kommentarspalten auf Facebook, wo die ungehobelte Sprache salonfähig ist ... - Das beantwortet die Frage. Ja, so ein bisschen Freundlichkeit an den Tag zu legen, das ist heute fast ein Statement gegen den Mainstream. Freundlichkeit kostet nichts, und irgendwie passt sie so gesehen gut zu mir altem Punk (lacht).

nordbuzz: Haben Sie eine Idee, wo und wann uns die Freundlichkeit abhandengekommen ist?

Boning: Ach, ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob sie je wirklich gesellschaftsübergreifend verbreitet war.

nordbuzz: Sind die Unflätigen nur mutiger geworden?

Boning: Wohl nicht. Meine Theorie ist: Medien wie Facebook empfinden die Leute als Teil ihrer Privatsphäre. Sie wähnen sich daheim und geben sich in den Kommentarspalten genau so, wie sie sich früher eben nur zu Hause auf der Couch gaben - vor dem Fernseher kommt manchem, wie man ahnt, so eine „blöde Sau“ schnell mal über die Lippen. Dieser Ton wird nun einfach auf Facebook transferiert, was sehr interessant ist, ethnologisch gesehen, aber auch sehr beängstigend.

nordbuzz: Also erleben wir kein neues Phänomen?

Boning: Fakt ist für mich: Der Ton wird nicht rauer, der war schon immer rau. Man hörte das Geplärre und Gezeter nur nicht durch die dicken Wände der Häuser. Nicht umsonst ist Deutschland das Land, in dem besonders solide gedämmt wird und sich Vorhänge, Jalousien und Gardinen besser verkaufen als sonstwo auf der Welt.

teleschau

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