ZDFinfo-Doku über den chinesischen Telekommunikations-Riesen

Wie gefährlich ist Huawei?

Die Huawei-Firmenzentrale im südchinesischen Shenzhen: Wird von hier aus für China spioniert?
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Die Huawei-Firmenzentrale im südchinesischen Shenzhen: Wird von hier aus für China spioniert?

Der chinesische Kommunikationsriese Huawei ist dem Rest der Welt in Sachen 5G-Technik etwa zwei Jahre voraus. Wird der Konzern - und damit China - mit der vielleicht wichtigsten Zukunftstechnologie bald die Welt kontrollieren? Eine ZDFinfo-Doku prüft die Sachlage.

Es geht ein Gespenst um in der „freien Welt“ und dessen Name klingt - zumindest auf Deutsch - sogar ein wenig nach Grusel und Spukschloss: Der chinesische Telekommunikations-Riese Huawei verkauft weltweit mehr Geräte als Apple und sorgte damit 2019 für einen Jahresumsatz von rund 111 Milliarden Euro. Wichtiger als diese Erfolgsstory ist jedoch die zukünftige Entwicklung des Unternehmens mit der 5G-Technik, in der das Unternehmen führend ist. 5G, da sind sich alle Experten einig, wird die Welt in den kommenden Jahren stark verändern. Wir werden uns an eine Umgebung voller smarter Automaten und nie dagewesener Übertragungsgeschwindigkeiten gewöhnen: selbstfahrende Autos, smarte Roboter, das sogenannte „Internet der Dinge“. Jede Glühbirne, jede Fensterscheibe wird bald mit dem Netz verknüpft sein - und der, der dieses Netz betreibt, hat die Kontrolle darüber.

Huawei hat die Bedeutung von 5G frühzeitig erkannt und investierte seit 2009 massiv in die Technologie. „Man schätzt Huaweis Vorsprung auf die Konkurrenz auf etwa zwei Jahre“, sagt ein Experte im Film „Weltmacht Huawei“ des französischen Journalisten Romain Besnainou, der am Montag, 17. August, um 20.15 Uhr, bei ZDFinfo oder in der ZDF-Mediathek zu sehen ist. „Der Vergleich zwischen 4G und 5G ist wie der zwischen einer Ente und einem Ferrari“, heißt es an anderer Stelle. Ganze Wirtschaftszweige würden auf diese Technik umsteigen. Während der Westen den Kampf bei 2G, 3G und 4G knapp gegen China gewonnen hatte, zog man nun den Kürzeren - ausgerechnet beim entscheidenden Quantensprung in Sachen mobiler Datenübertragung, über die sich fast alle Dinge des Lebens in Echtzeit bedienen und steuern lassen werden.

Welche Gefahren birgt ein von Huawei kontrolliertes 5G-Netz?

„Es geht heute um die Vorherrschaft in Quantenphysik, Künstlicher Intelligenz und Telekommunikation“, heißt es im Film. „Die gesamte Welt führt diesen Krieg. Wer 5G beherrscht, wird einen Großteil der Wirtschaft von morgen beherrschen.“ 5G arbeitet mit einem „Kernnetzwerk“, über das alle Daten laufen. Über dieses kommt man an Telefonnummern, Adressen und Kundendaten heran. Fast noch gefährlicher scheint, dass bis 2025 - so vermuten Technik-Experten im Film - 50 bis 100 Milliarden über 5G vernetzte Objekte auf der Welt existieren dürften. „Mit der Zahl der Objekte, die an das 5G-Netz angeschlossen sind, steigt auch dessen Angriffspotenzial“, sagt Robert L. Strayer, stellvertretender US-Staatssekretär für Cyber-Kommunikation. „Wer das Netz beherrscht, kann unseren Alltag einfach abschalten. Er muss nur einen Knopf drücken.“ Unterm Strich schafft 5G Milliarden möglicher Angriffsziele: Der Betreiber könnte Telefone abschalten, das Netz drosseln und Autos oder Kraftwerke lahmlegen.

Donald Trump ist ein entschiedener Gegner Huaweis. Sein Kampf gegen das chinesische Unternehmen ist Teil des großen Handelskriegs der USA gegen China. Doch der umstrittene Präsident wird in dieser Angelegenheit von einer Mehrheit des US-Kongresses unterstüzt. Geschäfte mit Huawei sind wegen Sicherheitsbedenken in den USA verboten, und Länder wie Japan, Australien oder Neuseeland zogen nach.

Der Effekt: Huawei verkaufte binnen weniger Monate 40 Prozent weniger Smartphones. Trotzdem sind es immer noch etwa drei Milliarden Menschen, die Huawei-Produkte benutzen. Eine scharfe Waffe im Handelskrieg der USA gegen Huawei ist die Sperrung der amerikanischen „Big Five“ auf dem chinesischen Smartphone. Produkte von Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft laufen darauf nicht - damit gibt es auch keine YouTube-Videos zu sehen, auch kein Google Maps, das man nach dem Weg fragen kann. „In China hat dies keine großen Auswirkungen“, sagt der Technologie-Journalist Scott Tong in der Doku. „Da sind Dienste wie Google sowieso gesperrt. Huawai verkauft jedoch die Hälfte seiner Handys ins Ausland, vor allem nach Europa.“ Insofern muss das Unternehmen hier tatsächlich empfindliche Rückschläge hinnehmen.

Woher kommt der Konzern - und wer kontrolliert ihn?

Das Unternehmen wurde 1987 mit einem Investitionsvolumen von 2.500 Euro in Shenzhen gegründet, einem südchinesischen Fischerdorf bei Hongkong. Heute zählt es 13 Millionen Einwohner. Die Region gilt als das Silicon Valley Chinas, 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes werden hier erwirtschaftet. Huawei beschäftigt 200.000 Mitarbeiter. 2018 führte man mit 5.400 die Liste weltweiter Patentanmeldungen an - übrigens vor Mitsubishi (2800) und Intel (2500). Huawei-Gründer Ren Zhengfei, geboren 1944, war früher Ingenieur einer IT-Einheit der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Auch deshalb sagt man dem Unternehmen eine Nähe zu den Ideen der Staatsführung nach, selbst wenn der Gründer heute nur noch etwa ein Prozent der Aktien hält. Der Rest befindet sich im Besitz der Mitarbeiter.

Einfluss des Staates gäbe es bei ihnen keinen, sagt auch Weiliang Shi, Huawei-Geschäftsführer in Frankreich. Doch das ist natürlich relativ, denn anders als im Westen kann eine Firma nicht einfach „nein“ sagen, wenn der Staat sie zu etwas auffordert. Das chinesische Geheimdienstgesetz von 2017 besagt, dass kein Unternehmen die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst verweigern darf. Wenn es sein muss, müssen also alle Daten herausgegeben werden. Zwar gibt es mit dem „Patriot Act“ auch etwas Vergleichbares in den USA - aber hier steht immer noch eine unabhängige Gerichtsbarkeit zwischen Staat und Privatwirtschaft. In China ist dies nicht der Fall.

Gibt es Beweise für chinesische Spionage durch Huawei?

Die US-Regierung liefert keine konkreten Beweise, aber sie bleibt bei ihrer Position und warnt vor Spionage und Cyber-Attacken aus China. Dennoch existiert ein Präzedenzfall, der zeigt, wie eine solche Spionage aussehen könnte. Der Hauptsitz der Afrikanischen Union im äthiopischen Addis Abeba ist ein Geschenk der chinesischen Regierung. Die gesamte Telekommunikation des Gebäudekomplexes übernahm Huawei. Irgendwann stellte man fest, dass jede Nacht riesige Datenmengen nach China übertragen wurden. „Man weiß nicht, ob der chinesische Geheimdienst heimlich Spy-Software in die Systeme einsetzte oder ob es Huawei im Auftrag der Regierung getan hat“, sagt ein CIA-Mitarbeiter.

Ein weiterer kritischer Geschäftszweig Huaweis ist das Videoüberwachungssystem Skynet: Etwa 500 Millionen Kameras wurden in chinesischen Städten und auf dem Land installiert. Sie dienen der Gesichtserkennung und Überwachung des Volkes. Huawei gilt als Helfer dieser Überwachungsidee im Auftrag der chinesischen Staatspartei. Offiziell geht es um „Safe Cities“, Kriminelle sollen per Gesichtserkennung erfasst und überführt werden. „China ist besessen von sozialer Kontrolle“, sagt ein französischer Journalist in der Dokumentation. Das System „Safe Cities“ wird heute bereits in 160 Städten eingesetzt, auch außerhalb Chinas. Städte wie Belgrad oder Gelsenkirchen sind Kunden. Fazit des Films: Auch wenn sich Huawei mit Spitzentechnologie zu günstigen Preisen bemüht, das Image eines weltoffenen, politisch unabhängigem Unternehmen in die Welt zu senden, sollte man die staatliche Kontrolle in einem von Kontrolle besessenen Staat nicht unterschätzen.

teleschau

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