Vor 35 Jahren lief die erste Folge

„Wie ein Blick aufs eigene Leben“: Die „Lindenstraße“ darf man vermissen

Gut-bürgerliches West-Deutschland in den späten 80er-Jahren: Benny (Christian Kahrmann, zweiter von links), Kornelia (Nina Vorbrodt), Helga (Marie-Luise Marjan) und Klausi (Moritz A. Sachs). Vor genau 35 Jahren, am 8. Dezember 1985, ging die "Lindenstraße" auf Sendung.
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Gut-bürgerliches West-Deutschland in den späten 80er-Jahren: Benny (Christian Kahrmann, zweiter von links), Kornelia (Nina Vorbrodt), Helga (Marie-Luise Marjan) und Klausi (Moritz A. Sachs). Vor genau 35 Jahren, am 8. Dezember 1985, ging die „Lindenstraße“ auf Sendung.

Vor 35 Jahren, am 8. Dezember 1985, ging die „Lindenstraße“ auf Sendung. Erfinder Hans W. Geißendörfer hatte es schon am Anfang gesagt: „Uns wird man eines Tages vermissen, wenn die Serie zu Ende gehen sollte, denn wir werden so bekannt wie die 'Tagesschau.“ Recht hatte er. Sie fehlt, die „Lindenstraße“.

„Ein kritisches, ausgleichendes und kommentierendes TV-Format, das es so sonst nicht gibt!“ - Genau so hatte der Schauspieler Moritz A. Sachs Anfang dieses Jahres im Interview eigentlich auf die Frage antworten wollen, was die Gesellschaft seiner Ansicht nach mit dem Aus der „Lindenstraße“ verliert. Doch dann kam Corona, und Sachs, der bereits als kleiner Bub in der allerersten Folge der von Hans W. Geißendörfer erfundenen Serie mitmischte, änderte sein Statement kurz vor Ausstrahlung der finalen Folge am 29. März noch einmal: Es sei „der Verlust einer Serie“ zu beklagen, „die vielen Zuschauern ein emotionales Zuhause geboten“ habe.

Nach acht Monaten ohne „Lindenstraße“ und mit Pandemie kann man darüber noch einmal ganz anders nachdenken. Es wird überdeutlich, dass der Mann recht hat und dass die Einstellung der über 43 Jahre ausgestrahlten Dramaserie im Grunde eine Tragödie ist. Die „Lindenstraße“, die vor genau 35 Jahren, am 8. Dezember 1985, erstmals auf Sendung ging, fehlt. Denn zumindest ein Teil der Menschen in diesem Land vermisst nun im Programm einen solchen Hort der Verlässlichkeit - all dem „Mainstreammedien“-Geschrei zum Trotz. Die Refugien, in denen man sich aufgehoben fühlt und ein Stück weit den eigenen Alltag und Werdegang gespiegelt sieht, sind nicht nur, aber gerade auch in Krisenzeiten von gesellschaftlicher Bedeutung.

„Wir sind für viele ja fast Familie“, befand Moritz A. Sachs vor acht Monaten. Dieser Verlust sei „zurzeit, da wir alle wegen der Corona-Ereignisse beunruhigt zu Hause sitzen, besonders bitter“. Denn: „Vertrautes und Struktur können uns momentan sehr helfen.“ Was dann seither passiert ist, welche gesellschaftlichen Verwerfungen die Pandemie mit sich bringen würde, das war seinerzeit natürlich noch gar nicht absehbar. Man darf aber davon ausgehen, dass in der „Lindenstraße“ alle Seiten der Debatte in der typischen Alltagsnähe reflektiert worden wären. Gewiss hätten sich veritable Dramen mit Infizierten und Erkrankten abgespielt, fraglos hätten in der Serie auch die sogenannten „Querdenker“, vom Verschwörungstheoretiker bis zum ganz normalen Kritiker der Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung, stattgefunden. Es wäre von Menschen erzählt worden, die ihren Job, vielleicht ihre Existenz verloren haben. Ganz sicher hätten die Autoren auch den Zoff um die Hygienemaßnahmen an Schulen oder eine vermeintliche Impfpflicht in ihren Plot eingebaut. Wo sonst im fiktionalen Programm findet man so etwas heute?

Das Ende war unwürdig

Als Ende März die letzte Folge ausgestrahlt wurde, war das Echo in Medien und Gesellschaft ziemlich unwürdig. Fakt ist, dass Deutschland in jenen Tagen normalerweise intensiv über das Ende der „Lindenstraße“ debattiert hätte und nicht, wie es dann leider gekommen ist, über mangelndes Klopapier und noch viel, viel Schlimmeres. So ein eher geräuschloses Ende hatten sie nicht verdient, die Beimers und Zenkers dieser Welt. Aber immerhin war der, wenn auch von höheren Mächten erzwungene Perspektivenwechsel hilfreich, um die Dinge etwas klarer zu sehen und zu realisieren, welcher Wert uns mit der Serie abhandenkommt.

Nie war sie so wertvoll wie heute, die „Lindenstraße“, könnte man jetzt in Anlehnung an die Worte von Moritz A. Sachs tönen. Aber das wäre geheuchelt und auch bei Weitem nicht korrekt. Denn die „Lindenstraße“ war immer wertvoll - das haben nur nicht mehr so viele Menschen mitbekommen wie einst. Vielleicht war es das große Problem der Serie, dass sie irgendwann, schon vor 15, eher 20 Jahren aus dem Fokus der Medien geriet. In den 80er-Jahren, noch bis weit in die 90-er hinein, sorgte die „Geißendörfer“-Produktion regelmäßig für Schlagzeilen und praktisch permanent für Gesprächsstoff. Die gesellschaftliche Relevanz, sie wurde in der „Bild“ verhandelt, in der „Tagesschau“, bei „Wetten, dass ..?“ - und in der „Lindenstraße“.

Aber dann war auf einmal alles digital, alles musste irgendwie eingeteilt werden in wahlweise cool - oder altbacken und uncool. Auch der Journalismus, gerade der Medienjournalismus, hat sich rasend schnell verändert. Auf einmal war da kein Platz mehr für die Iffis, Klausis und Vasilys dieser Welt. Geschrieben wird über das, was angesagt ist - eine politisch engagierte Serie gehörte zwei Jahrzehnte lang nicht mehr dazu.

„Symbiose zwischen den Figuren und den treuen Fans“

Die Wahrheit ist aber auch: Die „Lindenstraße“ verlor massiv Zuschauer, und während im Privatfernsehen tägliche Formate wie „GZSZ“ oder „Unter uns“ erfolgreich an der jungen Zielgruppe herumbaggerten, wusch auch die ARD selbst das Profil ihres schillernden Premiumserienformats grau, in dem sie es der Konkurrenz ähnlich gelagerter Dailys wie „Marienhof“ aussetzte. Wer sollte so viel Alltagsnähe auf Dauer aushalten? Aber selbst im Überangebot an Realismus-Fiction hat sich die „Lindenstraße“ lange tapfer behauptet und manches Format kommen und gehen sehen. Und dann war es irgendwann eben so: Die „Lindenstraße“ hatte ihre treuen Fans, und vom Rest wurde sie links liegen gelassen. Vergessen.

„Wir hatten bei den ersten Folgen auf Anhieb 13 Millionen Zuschauer“, erinnerte sich Marie-Luise Marjan Anfang dieses Jahres. Wenn es um die „Lindenstraße“ geht, weiß niemand besser Bescheid als „Mutter Beimer“, einst von allen liebevoll als „Mutter der Nation“ bezeichnet: Sich die Serie anzuschauen, befand die mit ihrer Rolle in all den Jahren fest verwachsene Marie-Luise Marjan, sei „wie eine große Zeitung lesen - oder mehr als das: Wie ein Blick aufs eigene Leben“. Die Serie, sagt sie, „ist nicht seicht, sie liefert Diskussionsstoff, Sichtweisen und manchmal auch unbequeme Auseinandersetzung“. Es gab für sie „immer eine Art Symbiose zwischen den Figuren und den treuen Fans“.

Es ging immer um Haltung

Die erste Seifenoper im deutschen TV bildete von der ersten Folge im Advent 1985 an nicht nur auf mithin erschreckend realitätsnahe Art den Familienalltag ab, sie legte auch sofort eine klare Haltung an den Tag, mischte sich ein, war streitbar - und erzielte damit enorme Reichweite. Angesichts des Jahrestages des Serienstarts darf man sich ruhig einmal daran erinnern, dass dieses ARD-Format einst richtungsweisend war. Was im Programm von heute fast trotzig und für manchen Kritiker wie das biedere Relikt aus analogen Zeiten wirkte, war einst ein Ereignis: Regelmäßig mehr als zehn Millionen Zuschauer fieberten in den 80er-Jahren mit. Über die Familien Beimer, Flöter, Sarikakis oder Zenker sprachen die Leute so, als würden sie von Nachbarn, Freunden und Verwandten erzählen. Die Alltagsgeschichten aus der „Lindenstraße“, sie wurden selbst zum Bestandteil westdeutschen Alltags. Und genau das war auch der Plan des Erfinders Hans W. Geißendörfer.

„Es gab mehrere Motive“, antwortete der Produzent, der die Leitung längst an seine Tochter Hana weitergereicht hatte, einst auf die Frage, warum er damals gegen gar nicht so wenige Widerstände die Seifenoper des deutschen Nullachtfuffzehn-Alltags bei der ARD durchboxte: „Ich wollte viele, viele Menschen erreichen, weil ich mir einbildete, dass ich etwas zu sagen hätte, das etwas radikal Humanistisches und Politisches in sich trägt. So kam es, dass die 'Lindenstraße' vom ersten Moment an eine Haltung hatte.“ In der Tat hat die deutsche Kultserie viele heiße Eisen angepackt: Drogenmissbrauch, Integration oder Rechtsradikalismus wurden verhandelt, später geisterten Themen wie Flüchtlingskrise oder Terrorgefahr durch die Plots.

Pionierarbeit leistete der Dauerbrenner beim Thema Homosexualität. „Der politische Kommentar war von der allerersten Minute an unsere volle Absicht“, erklärt der Produzent, der gleich in der allerersten Folge schlägernde Neonazis auf den Plan treten ließ und 1990 den ersten schwulen Fernsehserien-Kuss und 1997 die erste Hochzeit eines schwulen Paares im deutschen TV inszenierte. „Wir haben klargemacht, dass Schwule auch liebenswerte Menschen sind und dass sie nicht ausgegrenzt gehören. Wir bauten eine Brücke, mit der wir hartgesottene Konservative dazu brachten, ihre Haltung zu überdenken“, erinnert sich der Filmemacher, der sich nicht nur einmal mit der Politik anlegte.

Mitte der 80er-Jahre regierte Helmut Kohl ein Volk, das sich noch über die lustigen Anfänge des Privatfernsehens wunderte, von einem Medienoverkill nichts ahnte und von der Wiedervereinigung nur träumen konnte. Die Menschen in der BRD richteten ihren Fokus auf den Arbeitsplatz-Erhalt und die Familie, und sie waren politisch interessiert - auf Demos zu gehen, war, so wie heute ja auch wieder, nichts Exotisches. Es war der perfekte gesellschaftliche Nährboden, um ein Soapformat mit realen Bezügen gedeihen zu lassen. Die „Lindenstraße“ war die Lieblingsserie einer Nation, die noch mit einer gewissen Ehrfurcht aufs TV-Gerät blickte und „Wetten, dass ..?“ zur größten Show aller Zeiten machte. Damals passte das alles zusammen.

Doch das Rad der Zeit dreht sich immer schneller. Hierzulande war zuletzt eher kein Streben nach gemeinsamer Identität zu verzeichnen. Man hätte vermuten oder auch hoffen können, dass sich das im Zuge der aktuellen Krise wieder neu justiert. Dass alle wieder etwas mehr nach dem suchen, was verbindet, anstatt auf jene zu hören, die trennen wollen. Doch davon kann angesichts der gesellschaftlichen Spannungen derzeit kaum die Rede sein. Vielleicht hat auch Schauspielerin Cosima Viola recht, die als „Jack“ die Serie aufmischte, und in ihrem Statement zum Aus der Serie befand, „dass die 'Lindenstraße' mehr als Bildungsauftrag hätte gesehen werden müssen und weniger als reines Unterhaltungsprogramm“.

Die „Lindenstraße“ hätte nicht eingestellt werden dürfen

Doch der Zug ist wohl abgefahren. Die Faktenlage war zuletzt auch eindeutig: Die Serie hatte einen Zuschauerschnitt von unter drei Millionen und erreichte kaum mehr zweistellige Marktanteile. Die TV-Landschaft hat sich massiv verändert, „Wetten, dass ..?“, ein anderes Relikt aus glorreichen TV-Lagerfeuerzeiten, wurde auch längst eingestellt. Und nun, im März dieses „Corona-Jahres“, erwischte es eben auch die „Lindenstraße“.

Wer weiß, vielleicht mag jemand darauf wetten, dass wir aus guten Gründen schon in zwei oder drei Jahren über große TV-Comebacks reden werden. Das Comeback des TV-Lagerfeuers wäre im Sinne eines etwas gedeihlicheren Miteinanders gewiss nicht das Schlechteste. Es zeugt jedenfalls nach wie vor nicht gerade von Weitblick, dass ein Fernsehformat wie dieses beendet wurde. Einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wie dem WDR, der die Serie in Köln produzieren ließ, hätte man den Mut und das nötige Feingefühl für die gesellschaftlichen Gegebenheiten gewünscht, mit dieser Institution trotz mauer Quoten anders umzugehen.

Die „Lindenstraße“ hätte nicht eingestellt werden dürfen. Dieses Stück identitätsstiftendes Fernsehen hätte man stattdessen neu ansetzen und größer machen müssen: andere Sende-Frequenz, andere Sendezeit, neue Formatlänge bis hin zur Spielfilmreihe mit vielleicht zwei, drei 90-Minütern im Jahr - alles denkbar und besser, als auf dieses kleine aber feine Stück gesellschaftliche Relevanz im Programm zu verzichten.

teleschau

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