Nach dem „Tatort: One Way Ticket“

Wenn die Rente nicht ausreicht: So viel traurige Realität steckt im Münchner „Tatort“

Alles begann mit einem Unfall: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) glaubten gleich, dass mehr dahintersteckt. Und sie sollen Recht behalten.
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Alles begann mit einem Unfall: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) glaubten gleich, dass mehr dahintersteckt. Und sie sollen Recht behalten.

Afrikanische Schönheiten, internationale Drogenkartelle - und mittendrin ein paar deutsche Rentner: Was bitteschön war das für ein Münchner „Tatort“?! Aber die Kernidee beruht leider, muss man sagen, auf Tatsachen.

Arme deutsche Rentner, internationale Drogenkartelle, geheimnisvolle Schönheiten und die Gespenster der alten DDR: Der Münchner „Tatort“-Krimi „One Way Ticket“ zog eine Story auf, die locker für einen neuen „James Bond 007“-Fall gereicht hätte. Komprimiert auf einen deutschen Fernsehfilm wirkte die zwischen Isarmetropole und einem furchtbar brutalen Knast in Kenia changierende Story mithin zwar absurd überfrachtet, aber die große Geschichte hatte Relevanz - und einen wahren Kern: Es gibt sie wirklich, die Rentner, die sich von mafiösen Verbrechern als Kuriere anwerben lassen ... Glauben Sie nicht?

Worum ging es?

Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) wurden mit einer finsteren Geschichte konfrontiert, die auf ziemlich abenteuerliche Weise triste deutsche Sozialrealitäten mit hochbrisanten internationalen Verstrickungen verrührte: Ein angesehener Entwicklungsexperte einer NGO, die von Bayern aus Hilfsprojekte für Afrika organisiert, wurde mit einem afrikanischen Pflanzengift, wie es einst der Geheimdienst der DDR bevorzugt verwendet hatte, ermordet. Die Ermittlungen führten zu einigen ehemaligen Mitarbeitern der NGO - auf den ersten Blick nur unscheinbare Rentner. Doch dann stellte sich heraus, dass die Seniorengang äußerst umtriebig und für ein globales Kartell in Ostafrika tätig war - als Geld- und Drogenkuriere. Absurderweise saßen die Strippenzieher nicht in Afrika oder irgendwo in Kolumbien, sondern in einer schicken Villa in München: eine Seilschaft ehemaliger Mitarbeiter und Agenten des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, bekannt als HVA (Auslandsgeheimdienst Hauptverwaltung Aufklärung). Die Münchner Rentner? Vor allem von Geldnot getrieben waren sie in etwas hineingeraten, das ein paar Nummern zu groß für sie war ...

Worum ging es wirklich?

Um die oft nicht einfache Lebensrealität alter Menschen in Deutschland. Wir wissen ja spätestens seit Norbert Blüm: Die Rente ist sicher ... für viele zu klein. Gerade in den teuren Großstädten reicht sie vielfach vorne und hinten nicht aus. Das macht manch einen zum willfährigen Handlanger respektive Opfer von Kriminellen. Das darf man verurteilen. Aber, ehrlich, wer mag der Versuchung noch widerstehen, wenn zur Aussicht auf Aufbesserung der klammen Finanzen vielleicht auch noch ein letztes Aufkeimen der Lust nach Freiheit, Abenteuer und großer Liebe dazukommt?! - Als im „Tatort“ kurz über den moralischen Aspekt dieser Gemengelage diskutiert wurde, hatte der Film seinen besten Moment. Richtig stark erzählt war auch das besonders traurige Schicksal eines Mitglieds der Rentnerbande: Martin Endler (Siemen Rühaak) träumte von Geld und Liebe und musste plötzlich in einer gottverlassenen Knasthölle in Nairobi um sein Leben bangen. Er war von einer schönen Kenianerin um den Verstand gebracht worden - das Herz dieses Mannes zu erobern war fraglos eine Fingerübung für die Anwerberin in Diensten der Drogenmafia. Die Moral von der Geschicht' ist nichts Neues: Für deutsche Rentner gibt es eher selten Traumstrände!

Wie realistisch war das Szenario?

Leider sehr realistisch. Senioren sind unauffällig - gerade auf vielreisende Pensionäre haben es die Banden daher ganz gezielt abgesehen. Entsprechende Meldungen in den Medien im gesamten deutschsprachigen Raum machten zuletzt immer häufiger die Runde. Immer wieder wird hierzulande über Einzelfälle berichtet. In München sorgte erst im Herbst die Story über einen 82-Jährigen für Kopfschütteln, der Drogen im Wert von mehreren tausend Euro bei sich hatte. Statistisch auffällig wurde das Problem ebenfalls bereits - zum Beispiel auch in der Schweiz, wo der „Sonntagsblick“ vor einigen Jahren die Zahlen aufgriff: Demnach gab es dort 2009 88 Anzeigen gegen über 60-jährige Personen wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, 2015 waren es 320 - rund viermal so viele. Selbstredend hat das Phänomen auch im Film schon Konjunktur. „The Mule“ mit Clint Eastwood in der Hauptrolle machte im vergangenen Jahr Furore. Und sogar der „Tatort“ bediente sich der eigentlich unfassbaren Realität schon einmal: Im Wiener Fall „Paradies“ (2014) war es kein Geringerer als Peter Weck, der in die Rolle eines ältlichen Drogenkuriers schlüpfte. Auch der damalige Autor Uli Brée ließ sich von einem realen Fall inspirieren, wie er erklärte.

Was sagt der Regisseur?

Rupert Henning, der auch das Buch zum neuen Münchner „Tatort“ schrieb, beruft sich ebenfalls auf eine konkrete Vorlage. „Wenn einer eine Reise tut, kann er bekanntlich was erzählen. Manchmal ist allerdings Schweigen angesagt - zum Beispiel dann, wenn sein Koffer einen doppelten Boden besitzt und der Inhalt ihn Kopf und Kragen kosten kann“, erklärt er gegenüber dem BR. „Das war mein Ausgangspunkt für 'One Way Ticket' - die Lektüre eines sehr interessanten und bewegenden Artikels über einen deutschen Rentner, der jahrelang für ein afrikanisches Drogenkartell als Kurier gearbeitet hatte. Er tat dies gemeinsam mit anderen Bürgerinnen und Bürgern, die wie er selbst bis dato völlig unbescholten waren und nach außen hin absolut unauffällig schienen. Nach seiner Verhaftung saß der Mann in Nairobi in einem der härtesten Gefängnisse Afrikas und fürchtete um sein Leben, weil er einfach zu viel über die Leute wusste, die im Hintergrund die Fäden ziehen.“ Henning: „'One Way Ticket' erzählt von Menschen, die - wie wahrscheinlich die meisten von uns - irgendwann den Wunsch verspüren, die vertrauten Verhältnisse zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen, weil das Gras woanders vielleicht grüner ist. Und dann stellt sich raus, dass sie massiv getäuscht wurden.“

Wie wurde der anspruchsvolle Dreh gemeistert?

Dass die Handlung über weite Strecken in Kenia spielt, machte den Dreh besonders kompliziert - ein „Tatort“ hat bei Weitem nicht das Budget eines durchschnittlichen Kinofilms. „Wir wollten Afrika unbedingt glaubwürdig und nicht nur in Innenräumen erzählen“, sagt Produzentin Annie Brunner, schließlich sollte der „Kontrast zwischen dem grauen Münchner November und den warmen Farben der afrikanischen Sonne“ eine große Rolle im erzählerischen Konzept der Regie spielen. „Wir konnten aber nicht mit dem ganzen Team reisen und entschieden daher, mit einem kleinen Team nach Nairobi zu fliegen, um sämtliche Außenaufnahmen der Stadt zu drehen, aber auch intensiv in Gefängnissen und Krankenhäusern zu recherchieren. Das über die Grenzen Nairobis hinaus bekannte Gefängnis 'Kamiti Prison', die Krankenstation dort sowie die Drogenbehörde bauten wir im Anschluss in der alten Papierfabrik in Dachau nach. Nach Abschluss der Dreharbeiten in München nahmen wir - erneut mit kleinem Team - Strandszenen mit einer Darstellerin auf Mauritius auf, da dies organisatorisch und sicherheitstechnisch einfacher war als in Kenia.“

Wer war die geheimnisvolle Schöne?

Cynthia Micas (29) hatte einen sehr kleinen, aber ziemlich entscheidenden Part. In wenigen Szenen musste sie die kopflose Liebe des armen Münchners Rentners nachvollziehbar machen. Wie ihr das gelang, ist aller Ehren wert. Der TV-Zuschauer kennt die Schauspielerin unter anderem aus einer Jugendserie: Von 2004 bis 2005 spielte die Tochter einer Deutschen und eines Mosambikaners die Hauptrolle der Joana Hofmeister in „Schloss Einstein“. 2013 hatte sie einen großen Auftritt in einer „Großstadtrevier“-Folge als titelgebende „Pretty Woman“, es folgten diverse Episodenrollen - unter anderem auch in einem Berliner „Tatort“. In den vergangenen Jahren machte sie sich vor allem an renommierten Bühnen einen Namen. Unter anderem gehörte sie zum Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters, dann zum Ensemble des Residenztheaters in München, und in der Spielzeit 2019/20 wechselt die Absolventin des Studiengangs Schauspiel an der Universität der Künste Berlin zum Berliner Ensemble.

teleschau

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