„Tatort“-Check

Weihnachts-„Tatort“: Können sich Geiseln wirklich in ihre Entführer verlieben?

Selbst der Besucherraum in der JVA war festlich geschmückt: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ermittelte im Weihnachts-„Tatort“ vor festlicher Kulisse.
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Selbst der Besucherraum in der JVA war festlich geschmückt: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ermittelte im Weihnachts-„Tatort“ vor festlicher Kulisse.

Kurz vor Weihnachten bescherten Thiel und Boerne im Münster-„Tatort: Väterchen Frost“ den Zuschauern einen begrenzt besinnlichen Entführungskrimi. Ein Weihnachts-„Tatort“ zwischen Albtraumgrusel und Feiertagsalbernheiten, der manche Frage aufwarf: Wie war das nochmal mit dem Stockholm-Syndrom?

Was wäre das ausgehende Jahr ohne einen beinahe schon traditionellen Weihnachts-„Tatort“? Der kam diesmal kurz vor den Feiertagen aus Münster und entpuppte sich - wie zu erwarten - als wenig besinnlicher Krimi mit einem eher unromantischen Blick auf das Fest der Liebe. Schließlich waren die Singles Thiel und Boerne, deren charakterliche Verschrobenheiten von Axel Prahl und Jan Josef Liefers angesichts der allgemeinen Fröhlichkeiten besonders hervorgekehrt wurden, alles andere als große Freunde familiärer Festtagsfreude. Glücklicherweise hinterließ der „Tatort: Väterchen Frost“ den Kommissaren zahlreiche Ablenkungen vom Weihnachtsschlamassel - und dem Zuschauer viele Fragen.

Worum ging es?

Zunächst nicht um einen neuen Fall, sondern um einen Gerichtsprozess, der für die beiden Ermittler eigentlich das Jahr beschließen sollte. Es ging um den Mord an einem jungen Mann, die Indizien waren eindeutig. Doch das Urteil wurde vertagt - ausgerechnet aufgrund einer weihnachtlichen Erkältungswelle, die Münster heimsuchte. Alles hustete, nieste und schnupfte, auch Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), die deshalb ihr Schlussplädoyer nicht halten konnte. Man sah: Selbst zum Jahresende machte der Münsteraner Slapstick keine Pause.

Erholung gab es auch für Thiel und Boerne nicht, die eigentlich die Feiertage mit Familie und Freunden begehen wollten. Die sagten ab, und so kam es beiden nur gelegen, dass der geklärt geglaubte Fall noch einmal aufgerollt wurde: Thiel erhielt einen Anruf von einem angeblichen „Weihnachtsmann“, der die aufstrebende Kommissars-Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) entführt hatte. Kidnapper Artjom (Sascha Alexander Ger?ak) verlangte eine Neuuntersuchung des anfangs verhandelten Mordfalls. Der Beschuldigte Kirill Gromow (Oleg Tikhomirov) soll seinen Lover ermordet haben, womöglich aus Eifersucht, konnte sich aber an nichts erinnern. Der Entführer hingegen gab sich sicher, dass sein Kumpel unschuldig war.

Worum ging es wirklich?

Um eine ganze Menge. „Väterchen Frost“ vollführte einen etwas chaotischen Ritt durch ein wahlweise bedrohlich oder nervend inszeniertes weihnachtliches Münster. So erfuhren die Ermittler vom Verdächtigen etwa, „was das heißt: Schwulsein in Russland. Du hast keine Freunde und Familie mehr. Alle behandeln dich wie eine Krankheit“. Irgendwann kam auch die russische Mafia ins Spiel, wobei Boerne seine latente Russophobie ausspielte (Thiel: „Boerne, es langt!“), zugleich aber an seiner eigenen gerichtsmedizinischen Untersuchung zweifeln musste („Ein Boerne irrt sich nie“) und auch nicht davor zurückschreckte, Gräber wieder auszuheben.

Überhaupt spielte der Münsteraner „Tatort“ mit hübschen Horrormotiven: Gerade Thiele erwachte immer wieder aus grausigen Albträumen, in denen er von Väterchen Frost lebendig begraben oder nackt im Schnee sitzend von einem Bären bedroht wurde, während Blut spritzte und abgeschnittene Körperteile herumflogen. Ja, und dann war da noch der Juwelierladen der offensichtlich als zwielichtig ins Drehbuch geschriebenen Elisabeth Lange (Heike Trinker). Klar, dass dahinter des Weihnachtspudels winterlicher Mandelkern stecken musste - oder so. Und tatsächlich: Der Schmuckladen, in dem die Schwester des Opfers angestellt - oder besser: ausgebeutet - war, mischte groß im mafiösen Diamantenhandel mit.

Woher kannte man den mysteriösen Typen im Juwelierladen?

Die geheimnisvoll und natürlich irgendwie böse wirkende Figur Jörn Weig pflegte beste Kontakte zum Juwelierladen und hing dort auch die meiste Zeit herum. Vielleicht hätte man den „Tatort“-Autoren Jan Hinter und Stephan Cantz vorher sagen sollen, dass ein derart zwielichtiger Charakter den Zuschauer ein wenig zu schnell auf die richtige Spur bringen könnte. Vielleicht war das aber auch ganz egal: Weig bekam von Schauspieler David Bennent die nötige Eigenartigkeit verliehen. Und so mancher Zuschauer fragte sich wohl: Woher kenne ich den noch mal? Klare Antwort: Entweder von früher, aus Volker Schlöndorffs Verfilmung von Günter Grass' „Die Blechtrommel“, in der Bennent 1979 als Kinderstar den Oskar Matzerath verkörperte. Oder aus seiner „zweiten“ Filmkarriere der Nuller- und Zehnerjahre, in denen der Schweizer in Hits wie „Dogs of Berlin“ und „Schuld“ mitspielte.

Sein Charakter im „Tatort“ lief dann überraschend dem irgendwie ganz netten Entführer den Rang des mysteriösen Typen ab - was auch daran liegen mochte, dass sich in „Väterchen Frost“ dann doch noch eine weihnachtliche Liebesgeschichte direkt aus Stockholm zutrug - nämlich zwischen Kidnapper und entführter Kommissarin.

Können sich Geiseln wirklich in ihre Entführer verlieben?

Eigenartigerweise kommt eine positive psychologische Beziehung zwischen Entführer und Opfer gar nicht so selten vor. „Besonders schwerer Fall von Stockholm-Syndrom“, kommentierte Boerne am Ende des „Tatorts“ das Geschehen zusammenfassend. Er umriss damit, was zwischen entführter Kommissarin und ihrem Kidnapper passierte: Besagtes Syndrom beschreibt das Phänomen, wenn Opfer von Entführungen oder Geiselnahmen ein besonderes emotionales Verhältnis zu ihren Entführern entwickeln. In der Folge können sie sich mit den Tätern identifizieren, mit ihnen sympathisieren, kooperieren - oder sich sogar in sie verlieben.

Seinen Namen erhielt das Stockholm-Syndrom nach einer Geiselnahme in der schwedischen Hauptstadt im Jahr 1973. Damals wurde die Schwedische Kreditbank überfallen und vier der Angestellten fünf Tage lang als Geiseln genommen. Die große mediale Überraschung: Die Opfer schienen mehr Angst vor der Polizei als vor ihren Entführern zu haben - und verteidigten die Täter auch nach der Geiselbefreiung noch.

Und wie weihnachtlich war der Weihnachts-„Tatort“ nun?

Nun ja. Einerseits sehr. Überall funkelte und glitzerte es, Weihnachtsmänner (in denen die Ermittler immer wieder den Täter vermuteten) fluteten den Bildschirm en masse und märchenhafte Sequenzen im Schnee verliehen dem ganzen eine durchaus festliche Stimmung. Allein: Besinnlich war dieser „Tatort“ nicht. Staatsanwältin Klemm zwang Boerne und Thiel zum Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt („Wenn ich Sie schon einlade, können Sie wenigstens so tun, als ob es Ihnen schmeckt“ - „Ein bisschen viel verlangt“). Thiele erwachte immer wieder aus grausigen Albträumen, in denen er von Väterchen Frost lebendig begraben wird, und Vadder Thiele übte sich als bekennender Buddhist in weihnachtlicher Konsumkritik: „In der Stadt sollte man Terroralarm ausrufen - Konsumterroralarm!“

Trotz allem: Der morbide Charme, der melancholische Blick der Ermittler auf die Welt und die allfälligen Albernheiten taugten durchaus zu einem gehörigen (Anti-)Weihnachtsdrama. Vor allem, weil Thiel und Boerne, im Stich gelassen vom Sohn aus Neuseeland (Thiel) und den Freunden für den geplanten Ski-Urlaub (Boerne), am Ende allein dastanden und am Heiligabend trotz aller Differenzen zueinander fanden. Unter einer Bedingung: „Weihnachtsmusik kommt mir nicht ins Haus“.

teleschau

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