„Hakenkreuze und Gewaltvideos - Was Kinder posten“

„Warum verschickt jemand solche Bilder?“ - TV-Doku enthüllt, was Kinder posten

Reporterin Dörte Petsch diskutiert mit Schülern über die Sticker auf ihren Handys. Immer öfter schicken sich Kinder und Jugendliche strafbare Inhalte über WhatsApp-Gruppen und Ähnliches. Die ARD-Dokumentation "Hakenkreuze und Gewaltvideos - Was Kinder posten" klärte am Montagabend über das Thema auf, bei dem Eltern und Pädagogen oft nicht so genau hinschauen.
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Reporterin Dörte Petsch diskutiert mit Schülern über die Sticker auf ihren Handys. Immer öfter schicken sich Kinder und Jugendliche strafbare Inhalte über WhatsApp-Gruppen und Ähnliches. Die ARD-Dokumentation „Hakenkreuze und Gewaltvideos - Was Kinder posten“ klärte am Montagabend über das Thema auf, bei dem Eltern und Pädagogen oft nicht so genau hinschauen.

Geht man nach dem, was in WhatsApp-Gruppen von Schülern ab zehn Jahren gepostet wird, müsste Deutschlands Jugend vorwiegend aus Nazis, Tierquälern und Pädophilie-Fans bestehen. Bisher nahm kaum jemand den Trend immer krasserer Postings ernst. Eine ARD-Doku berichtete am Montagabend darüber.

Fast neun Millionen Mal wurde ein Film abgespielt, in dem ein Mann lange und brutal einen Hund tottritt. Viele Schüler einer neunten Klasse an einer Gesamtschule im niedersächsischen Hatten bei Oldenburg kennen den Film. Es ist eine ganz normale Schule - und doch eine besondere, denn Rektorin Silke Müller öffnete gegenüber den Machern der NDR-Dokumentation „Hakenkreuze und Gewaltvideos - Was Kinder posten“ (er lief am Montagabend im Ersten) eine Schatulle, die sonst gerne verschlossen bleibt.

In ihr liegt ein junges, virtuelles Parallel-Universum, das seit einigen Jahren immer krasser werdenden Postings mit rechtsradikalem, rassistischem, kinderpornografischem und frauenfeindlichem Material beherbergt. Meist sind es Filme oder Sticker, die digital geteilt werden. Auf denen steht dann „Adolf Hitler, Best Gamer, 6 Millionen Kills“ oder „Ich gr��ße die WhatsApp-Gruppe“ - mit einem Hitlergruß durch den Führer himself. Pro Tag bekommt er manchmal 200 solcher Nachrichten, erzählt ein 13-Jähriger in dem NDR-Beitrag.

„Warum verschickt jemand solche Bilder?“, fragt Reporterin Dörte Petsch. „Vielleicht, weil er auf Instagram Klicks und Aufmerksamkeit bekommen will“, sagt ein Schüler. „Am Anfang macht das schon was mit dir - aber irgendwann bist du es dann auch schon gewöhnt, und das ist halt schlimm.“ Die Rostocker Anwältin Gesa Stückmann versucht mit ihren Webinaren „Law4School“ seit Jahren, Schüler für die Welt im Netz fit zu machen. In ihren Vorträgen erklärt sie Klassen, was erlaubt ist und was nicht. Aus dem ganzen Bundesgebiet kommen Anfragen. „Ist es überall ein Problem?“ - „Ja“, sagt Stückmann. Von der Schulform, also auch dem Bildungsgrad von Schülern und ihren Eltern, ist es jedenfalls nicht abhängig, ist sich die Juristin sicher.

„Irgendwo in der realen Welt gibt es dieses Kind“

Ab wann ist ein Bild, das vielleicht als Witz gemeint war, strafbar? Darum geht es in Stückmanns aktuellem Seminar, das die Filmemacherinnen Dörte Petsch und Brid Roesner einfangen. „Du bist lustig, dich vergas ich zuletzt“, sagt ein Sticker mit Hitler-Konterfei. Stückmann empfiehlt den Schülern, etwas gegen derlei Zusendungen zu sagen und im Zweifel die Gruppe zu verlassen. Und ja, das Versenden von Hakenkreuzen oder Hitler-Gruß ist strafbar, auch in verfremdeter Comic-Form. Doch nur wer älter als 14 ist, kann belangt werden. Das Schema ist immer das Gleiche: Naziverbrechen werden ins Lächerliche gezogen und verlieren damit ihren Schrecken. Tatsächlich - ein gefährliches Spiel.

Zurück an der Schule in Hatten: Ein kinderpornografisches Bild verbreitet sich rasend schnell. Ein Jugendlicher hat das Bild verschickt. Innerhalb weniger Tage kommt es bei rund 100 von gut 800 Jugendlichen der Schule an. Auf dem Foto wird ein kleines Mädchen von einem Mann schwer missbraucht. „Irgendwo in der realen Welt gibt es dieses Kind“, erinnert der Film. Reporterin und Schulleiterin fragen nach in einer Klasse, in der das Bild zuerst aufgetaucht ist. Warum hat keiner „Stopp“ gesagt? - „Das war egal, nicht relevant, man beschäftigt sich nicht damit“, wehrt ein Schüler ab. „Durch den gewissen Abstand, den man im Internet hat, stumpft man ab“, heißt es. Natürlich geschieht dies auch wegen der Häufigkeit solcher Zusendungen, die sich immer weiter steigert.

Die Gefahr: Kinder stumpfen ab, und selbst jene, die schockiert sind, schweigen. „Kein einziges Kind von 803 Schülern“, so die Direktorin, „ist gekommen, um zu sagen: Das geht doch nicht.“ Dies war für Silke Müller der eigentliche Skandal. Wenn jemand persönlich beschimpft im Netz wird, kommen die Schüler immer sofort, sagt sie. In solchen Fällen nicht. Im Zuge des so oft geteilten kinderpornografischen Bildes gab es Suspendierungen von Schülern für ein bis zwei Wochen. Die Klassen reagierten „traurig, entsetzt, depressiv“, sagt eine Schülerin. Frau Müller vermutet: „Die Schüler verhalten sich okay miteinander, aber in der digitalen Welt gelten offenbar andere Gesetze. Doch für mich ist es schlimm, dass es sich so allmählich vermischt.“

„Es sind keine Pädophilen, die das teilen“

In Frankfurt ist die „Zentralstelle für die Bekämpfung der Internet-Kriminalität“ ansässig. Auch die befasst sich immer häufiger mit Schüler-Handys. Das BKA registrierte 2019 knapp 4.900 Jugendliche unter 21 Jahren, die kinderpornografische Schriften verbreitet, besessen oder hergestellt haben. 2018 waren es nur 1.700, also eine Verdreifachung der Fälle. Julia Bussweiler, Generalstaatsanwältin in Frankfurt, ist die Spezialistin: „Es ist ein Phänomen, das wir seit zwei, drei Jahren vermehrt beobachten“, sagt sie. „Was uns Sorgen macht, weil wir uns natürlich die Frage stellen, warum ist es ein Trend geworden unter jungen Menschen, solche Videos zu verbreiten.“

Das BKA reagierte auf diesen Trend und ging im Oktober 2019 gezielt gegen die Verbreitung von Kinderpornografie auf Schülerhandys vor. „Es sind keine Pädophilen“, sagt eine Ermittlerin, „die das teilen“. Die meisten Verfahren sind inzwischen eingestellt. Einige Jugendliche müssen zur Strafe erzieherische Dienste ableisten. Eigentlich will die Staatsanwaltschaft aber die wirklichen Täter finden, die solche Bilder produzieren und in Umlauf bringen. Doch die sind schwer ausfindig zu machen. Oft führt die Spur doch nur zu einem weiteren Schülerhandy, heißt es im Film.

Der Polizeibeamte eines Präventionsteams in Verden/Osterholz zieht einen Vergleich zum Straßenverkehr. in diesem Bereich wäre es allen Eltern klar, dass die Kinder gut ausgebildet sein müssen, bevor man sie losschickt. Digitale Welten, die andere, aber keineswegs geringere Gefahren aufweisen, dürfen hingegen frei betreten werden. Eltern denken kaum über solche Dinge nach, wenn sie ihren Kindern ein Handy schenken.

Das Schweigen über die junge Parallelwelt im Netz

Und was macht WhatsApp, um Hass- und Gewalt-Postings zu verhindern? Auf Nachfrage erklärt das Unternehmen, „das Versenden verfassungsfeindlicher und kinderpornografischer Inhalte“ sei inakzeptabel. Jeden Monat würde daher rund 250.000 Nutzerkunden gesperrt. Man ermutige seine Nutzer, „problematische Inhalte umgehend zu melden“. Doch das ist zunächst mal nur ein Statement, auf dessen Wahrheitsgehalt der „Exklusiv im Ersten“-Film leider nicht weiter eingeht.

Als die Schulleiterin in Hatten alle Eltern zu einem Infoabend einlädt, kommen nur 100 von 800. Auch dort werden Sticker und Filme und Sticker gezeigt, die Schüler teilten. In einem wird ein Hund in einen Kessel mit kochendem Wasser geworfen. Den Film, der die Erwachsenen so schockiert, dass viele wegschauen müssen, kennen die Jugendlichen ab Klasse neun fast alle.

Der größte Teil der ARD-Doku, die auf ein wichtiges Tabu hinweist, wurde vor dem Corona-Lockdown gedreht. Doch was passierte danach? Während der Pandemie wurde das Handy für Kinder und Jugendliche noch wichtiger - Begegnungen und Austausch fanden fast nur noch im Netz statt. In der Schule bekam nun niemand mehr mit, was sich die Schüler schicken. Immerhin kommt „Hakenkreuze und Gewaltvideos - Was Kinder posten“ zu einem versöhnlichen Abschluss. Die Filmemacher haben die Hattener Direktorin und einige Schüler noch mal zu einer Videokonferenz zusammengerufen. Dank der engagierten Frau Müller wissen die Schüler jetzt besser Bescheid, was man nicht machen sollte. Zwei oder drei zeigen sich im Videochat einsichtig, ja fast freudig, dass das Schweigen über die junge Parallelwelt im Netz nun gebrochen ist.

teleschau

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