Einführung in den Serienkosmos

Warum das „Twin Peaks“-Comeback die Menschen elektrisiert

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Die Koautoren David Lynch und Mark Frost entführten die TV-Zuschauer Anfang der 90-er an einen entrückten Ort des Wundersamen. Jetzt kehrt der einstige Straßenfeger „Twin Peaks“ mit 18 neuen Folgen zurück.

Ein Fernsehkult kehrt zurück, und Mystery-Fans weltweit spielen verrückt. Warum eigentlich? Eine Einführung in den magischen Serienkosmos von „Twin Peaks“.

Wer sich nach dem Einfluss der Fernsehserie „Twin Peaks“ erkundigt, kann leicht ehrfürchtig werden. „Akte X“ und der Mystery-Hype der 90-er? Folgenübergreifende Erzählstrukturen, wie sie heute gang und gäbe sind? Skurrile Nebenfiguren wie in „Ally McBeal“? - Alles undenkbar ohne diese wegweisende Produktion, die zwischen April 1990 und Juni 1991 beim US-Sender ABC debütierte und die nun vor dem Comeback steht. Am Sonntag, 21. Mai, sind beim Kabelnetzwerk Showtime die ersten beiden von 18 neuen „Twin Peaks“-Folgen im Programm (Sky zeigt die Episoden den deutschen Pay-TV-Abonnenten wöchentlich ab Donnerstag, 25. Mai, 20.15 Uhr). Alle aus der Feder von Mark Frost und David Lynch, der auch Regie führte. Was über den Inhalt bekannt ist? Praktisch nichts. Ob das die Euphorie schmälert? Ganz im Gegenteil! Die Aussicht auf eine Fortsetzung, 25 Jahre nach den Geschehnissen aus den Staffeln eins und zwei, elektrisiert die Menschen in diesen serienverrückten Tagen ohne Beispiel. Doch warum eigentlich? Woraus speist sich der Mythos „Twin Peaks“?

So einflussreich ihre Arbeit war und ist - es sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Serie vollkommen einzigartig blieb. Die Koautoren David Lynch und Mark Frost entführten an einen entrückten Ort des Wundersamen. Das größte Wunder überhaupt: „Twin Peaks“ wurde zum Straßenfeger. Halb Amerika grübelte Woche für Woche über die immergleiche Frage: Wer tötete Laura Palmer?

Wenn man so will, ist dieses fiktive 51.201-Einwohner-Städtchen Twin Peaks, gelegen nahe der US-Grenze zu Kanada, so etwas wie die Keimzelle im Kosmos des David Lynch. Amerikanischer als zwischen Diner, Tankstelle, High School und Gottes erhabener Natur kann Amerika nicht sein. Und doch wüten im dunklen Herzen dieses blank geputzten Paradieses Korruption, Drogenhandel, Prostitution, Wahnsinn und häusliche Gewalt.

Im Vorspann, unterlegt mit Angelo Badalamentis Gänsehautmusik, sahen die Fernsehzuschauer eingangs jeder Folge einen Vogel auf einem Ast sitzen. Danach ein Sägewerk. Mystische Natur und industrieller Kapitalismus. Im Grunde sagen diese ersten Einstellungen über die schizophrene Disposition des Ortes schon alles.

Wer Lynchs Filme der 80-er kennt, weiß: Wo es glänzt, gibt's auch Schatten. Und die größten Strahlemänner haben die dunkelsten Geheimnisse. Die allseits beliebte High-School-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) wurde ermordet. Am Flussufer wurde ihre Leiche angespült. Eingewickelt in Plastikfolie.

Ein FBI-Agent wird zur Klärung des Mordfalls in die Provinz entsandt: Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan, zuvor schon Hauptdarsteller der Lynch-Filme „Dune“ und „Blue Velvet“) war ein Polizist, wie man ihn noch nicht gesehen hatte. Mehr Schamane als klassischer Ermittler. Halb Autorität, halb staunendes Kind.

Dale Cooper, der an ein Serienverbrechen glaubt, taucht in die für ihn fremde Welt mit Haut und Haaren ein. Er berauscht sich an den mächtigen Douglas-Tannen der Wälder. Er schwärmt mit strahlenden Augen für den fantastischen Kirschkuchen und den hervorragenden Kaffee aus Normas (Peggy Lipton) Diner. Und er hat seine ganz eigenen Ermittlungsmethoden, die nicht nur den örtlichen Sherrif Harry Truman (Michael Ontkean) verblüffen.

Cooper vertraut der empirischen Wissenschaft, verkörpert durch den arroganten Forensiker Albert Rosenfield (Miguel Ferrer, 2017 verstorben), ebenso wie der Zen-buddhistischen Meditation. Er hört auf die wunderliche Margaret (Catherine E. Coulson, 2015 verstorben) mit dem orakelnden Holzscheit. Und er nimmt seine Träume ernst, in denen er von einem hilfsbereiten Riesen, einem rückwärts sprechenden Zwerg und der toten Laura Palmer heimgesucht wird.

Lynch, privat ein glühender Verfechter der transzendentalen Meditation, ist es ernst mit diesen wunderlichen Dingen. Kriminalfall, amerikanische Seifenoper und Geisterstunde sind gleichberechtigte Facetten eines schizophrenen Ganzen. Die Komplexität der Erzählweise fasziniert noch heute. „Twin Peaks“ ist wie ein Wildwuchs. Jede Figur ist ein bisweilen skurriles, immer aber liebevoll ausdekoriertes Unikum. Jeder Nebenstrang ist von Bedeutung. Alles führt zum schauerlichen Kern des Rätsels - und zugleich von ihm weg.

„'Twin Peaks' kam in einer Saison heraus, in der sich alle über das Mittelmaß, die mangelnde Risikobereitschaft und die Gleichförmigkeit der Serien beklagten“, blickte David Lynch später auf den Überraschungserfolg zurück: „Das war unsere Plattform, und wir konnten sagen: Na gut, wenn ihr das nicht mögt, dann schaut euch mal das hier an.“

Eine Weile war „Twin Peaks“ (wenn auch vorrangig in den USA) tatsächlich der wahr gewordene Traum vom aufregenden, innovativen Konsensfernsehen. Umso schmerzlicher sein Zerplatzen: Lynch und Mark Frost wandten sich irgendwann neuen Projekten zu. Andere übernahmen die kreative Federführung. Ab Mitte der zweiten Staffel franste der zuvor stringent entwickelte Serienkosmos aus. Immer mehr Autoren und Regisseure (darunter der Deutsche Uli Edel) tobten sich aus, immer neue Figuren wurden eingeführt. Was vormals Gänsehaut erzeugte, wirkte zum Ende hin oft nur lächerlich.

Die folgenschwerste Fehleinschätzung unterlief indes der Sendeanstalt ABC selbst. Dann nämlich, als man die Macher dazu drängte, dem Publikum endlich einen Mörder zu präsentieren. „Wir haben die Gans geschlachtet, die die goldenen Eier legt“, klagte Lynch einmal rückblickend über diesen Kardinalfehler. Wer tötete Laura Palmer? Besser, wir hätten es nie erfahren.

Vielleicht hat David Lynch nach diesem unrühmlichen Ende etwas geradezurücken, vielleicht war das sein Antrieb, nach 25 Jahren mit Kyle MacLachlan, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Everett McGill und vielen anderen Stars der Original-Serie an diesen besonderen Ort seines Schaffens zurückzukehren.

Künstlerische Kompromisse darf man diesmal wohl ausschließen. Weil der Meister seine Vision unverwässert umsetzen wollte, stand das Projekt zwischenzeitlich vor dem Aus und wurde erst mit einem Jahr Verzögerung fertiggestellt. Als „the pure heroin version of David Lynch“ bezeichnete Showtime-Boss Nevins das Material, das bis zur US-TV-Premiere am 21. Mai strengster Geheimhaltung unterliegt. Nicht auszuschließen, dass es wieder zu einer Süchtigen-Epidemie rund um den Globus kommt.

tsch

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