Fortsetzung hakt

Warum es den Münchner „Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben“ nicht gebraucht hätte

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Szenen einer beruflichen Krise: Ein Gefangenentransport ist schiefgelaufen. Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) irren durch die Pampa.

Der unbekannte Messerstecher aus der großartigen Münchner Folge „Die Wahrheit“ (2016) wurde doch noch überführt. Der „Tatort“-Filmkunst ist damit aber nur bedingt gedient.

„Die Wahrheit“ hieß vergangenes Jahr ein Münchner Ausnahme-„Tatort“, lose angelehnt an den authentischen und nach wie vor nicht aufgeklärten „Isar-Mord“ vom Mai 2013. Ein verstörend guter Krimi, weil entgegen der „Tatort“-Tradition einmal darauf verzichtet wurde, Recht und Ordnung zur Beruhigung des Publikums wiederherzustellen. Das wurde nun geradegerückt in der Fortsetzung „Der Tod ist unser ganzes Leben“. Abermals ein abgründiger, spannender Film. Und doch hätten die Macher der Versuchung zur Fortsetzung vielleicht besser widerstanden ...

Was zuvor geschah ...

In der verstörend guten Episode „Die Wahrheit“, gesendet im Oktober 2016, konnten die Münchner Kommissare den Mörder eines Zufallsopfers nicht ermitteln. Über Monate hatten sich Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) durch fruchtlose Ermittlungen gequält. Am Ende wären sie fast dem Wahnsinn und dem Alkohol anheimgefallen. Und den Täter hatten sie beim Abspann immer noch nicht. Wer hat den Familienvater Ben Schröder am helllichten Tag vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes offenbar aus purer Mordlust erstochen? Das wurde nun endlich geklärt. Allerdings zu einem hohen Preis.

Wie ging die Story weiter?

So lange war der Killer ein Phantom, doch nun war er da. „Einfach so“, wie Batic ungläubig aus dem Off bemerkte. Der Messerstecher von damals hatte wieder zugeschlagen, wieder an einem belebten Platz mitten am Tage, wieder gab es ein Zufallsopfer. Doch diesmal wurde die Wahnsinnstat von einer Überwachungskamera aufgezeichnet. Als Batic und Leitmayr den Gefangenentransport des Museumswärters Thomas Barthold (Gerhard Liebmann) nach Stadelheim begleiteten, ging jedoch einiges fürchterlich schief, wie in Rückblenden erzählt wurde. Am Ende waren zwei Justizbeamte und Thomas Barthold tot, die Kommissare verwundet und viele Fragen offen.

Wie spannend ging es zu?

Äußerst spannend, man kann es nicht anders sagen. Speziell die Szenen des Gefangenentransports entwickelten einen beachtlichen Suspense. Der 34-jährige Regisseur Philip Koch, bekannt geworden mit dem Jugendknastdrama „Picco“ (2010), ließ hier im Sinne eines existenzialistisch angehauchten Cop-Thrillers die Muskeln spielen. Die Filmmusik dröhnte unheilvoll. Und doch beraubte sich der Film der Autoren Holger Joos und Erol Yesilkaya einer produktiven Leerstelle: der des Täters.

Ergab die Story Sinn?

Das leider weniger. Gerhard Liebmann war als Psychokiller ein maliziöses Abziehbild ohne Tiefenschärfe. Noch dazu ein biederer Museumswärter mit Halbglatze und Zahlentick, der verblüffenderweise gestandene bayrische Kriminalbeamte überwältigen kann. So entlud sich die mit Händen greifbare Melancholie, die den Vorgängerfilm ausgezeichnet hatte, in wilder Action, handlungslogischen Schwächen und etwas aufgesetzt artikulierter Seelenpein.

Der beste Dialog?

„Jemand hat mal gesagt, unser Beruf ist ein einziger großer Fehler. Und das warst du!“, knurrte ein aschfahler Ivo Batic aus dem Krankenbett. „Wir waren beide besoffen“, wandt sich der zitierte Franz Leitmayr. Aber keine Chance! Der abtrünnige Kollege Carlo, vor einiger Zeit nach Thailand ausgewandert, wie man weiß, habe seine Frau und sein Leben, stöhnte Batic. „Und wir? Keine Frau und kein Leben. Nur Leichen. Der Tod ist unser ganzes Leben.“ Klangvolle Sätze. Wenn Kriminalpolizisten ins Philosophieren geraten, wird es eben selten erbaulich.

Sind Fortsetzungen beim „Tatort“ eine gute Idee?

Tendenziell nein. Die reflexhafte Masche, Erfolgsfilme bis zum Erbrechen fortzusetzen, legt dieser Tage das Hollywoodkino zu beträchtlichen Teilen künstlerisch lahm. Beim „Tatort“, der seit jeher die Kraft aus dem Einzelstück zieht, sollten die Macher der Versuchung vielleicht besser widerstehen.

Wie geht es mit den Kommissaren weiter?

Der interne Untersuchungsausschuss und seine Falschaussage waren am Ende gar nicht mal Ivo Batics größtes Problem. Nach seiner schweren Schussverletzung war bis zum Filmabspann nicht klar, ob der Kommissar je wieder würde laufen können. Leitmayr bot schon an, ihn zur Not im Rollstuhl an den nächsten Tatort zu fahren, doch das ist wohl nicht nötig: In „Die Liebe, ein seltsames Spiel“ ermitteln die beiden ganz aufrecht in ihrem nächsten Fall im Ersten. Gesendet wird der Krimi von Regisseur Rainer Kaufmann am Sonntag, 21. Mai.

Wie gut war der „Tatort“?

Die Spannungsschraube stand auf Anschlag, doch in Sachen Plausibilität haben die Macher den Bogen überspannt. Ein „Tatort“, der letztlich zu hoch hinaus wollte und damit auch den makellosen Vorgängerfilm ein wenig beschädigt. Es gibt wegen vieler packender Szenen von uns dennoch eine Drei.

tsch

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