„Mütter machen Porno“ auf SAT.1

Warum Sexvideos nicht zum Lachen sind: Das ist das mutigste TV-Experiment des Jahres

Fünf für ein Doku-Projekt gecastete Mütter zwischen Mitte 30 und Ende 40 wollen einen eigenen Pornofilm produzieren, der Jugendliche nicht verstören soll. Werden die Novizinnen im Hardcore-Geschäft reüssieren?
+
Fünf für ein Doku-Projekt gecastete Mütter zwischen Mitte 30 und Ende 40 wollen einen eigenen Pornofilm produzieren, der Jugendliche nicht verstören soll. Werden die Novizinnen im Hardcore-Geschäft reüssieren?

Was für ein TV-Konzept: Fünf Mütter - absolute Laien im Geschäft - finden zusammen, um über Pornos zu recherchieren und einen eigenen Film zu drehen. Der soll Jugendliche nicht mit falschen, verstörenden Sexualbildern zurücklassen, wie sie heute „kinderleicht“ im Netz zu finden sind.

„Wie können Jugendliche Erotikfilme als lustvollen Genuss empfinden, ohne verstört zu sein“, fragt TV-Sexualberaterin Paula Lambert. Tatsächlich machen sich viele Eltern keine Vorstellung davon, wie intensiv ihr Nachwuchs im Netz nach Pornografie sucht. Und vor allem, was er dort vorfindet.

Die folgenden Zahlen könnten manche Eltern nachhaltig irritieren: 40 Prozent der Kinder suchen im Internet nach Pornos. Das Durchschnittsalter der Erstkonsumenten liegt bei elf Jahren. Insgesamt konsumieren 14 Millionen Deutsche Pornos im Internet. Damit sind wir Weltmeister und liegen sogar noch vor den USA. Alle genannten Zahlen beruhen auf Recherchen der durchaus anspruchsvollen, zweiteiligen XXL-Reportage „Mütter machen Porno“ auf SAT.1. Die dauert inklusive Werbeunterbrechungen 255 Minuten. Los geht es am Mittwoch, 22. Juli, 20.15 Uhr. Teil zwei ist eine Woche später, am 29. Juli, ebenfalls zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr zu sehen.

Das Ziel der Mütter, die sich vorher nicht kannten und durch einen Casting-Prozess zusammengeführt wurden, lautet, einen eigenen Film zu drehen, der lustvoll und gut werden soll, ohne junge Zuschauer zu verstören. Die Frauen lassen alledings nicht selbst sämtliche Hüllen fallen, sondern werden zu Entwicklerinnen, Produzentinnen, Regisseurinnen. Die Intention des kuriosen TV-Experiments liegt auf der Hand: Das Problem mit der viel zu leicht im Netz zu googelnden Sexualität in Action ist, dass dort viel zu viel Gewalt, Erniedrigung und natürlich viel Frauenfeindliches gezeigt wird. „Unbegleitete“ Jugendliche - und wer wird sich schon beim Pornokonsum von den Eltern begleiten lassen - könnten das gefundene Hardcore-Material als Normalität verstehen, als das, was man selbst gut finden sollte und „zu leisten“ habe.

Kategorien wie „Teens“ oder „Abgefuckte Familie“

„Da wird 'ne richtige Vergewaltigung gezeigt“, ist eine der Mütter im Frühstadium der Netzrecherche entsetzt. Gemeinsam schaut man sich viel Material an. Viele Pornos sind kostenlos und ohne Altersfreigabe zugänglich. „Nur wenn die Mütter verstehen, was in der Porno-Industrie falsch läuft, können sie dieser auch den Kampf ansagen“, weiß der Doku-Sprecher. Suchkategorien innerhalb frei zugänglicher Pornoseiten tragen zweifelhafte Namen wie „Teens“ oder „Abgefuckte Familie“. Die Porno-Action selbst sieht man in der Doku nur gepixelt und im Anschnitt, das wurde im Film gut gelöst. Man muss also keine Angst davor haben, „Mütter machen Porno“ gemeinsam mit dem eigenen jugendlichen Nachwuchs zu schauen. Im Gegenteil, es könnte fruchtbare Diskussionen auslösen.

Eine Gruppe von Jungen penetriert ein zierliches Mädchen. Die Mütter zählen um die zehn Geschlechtspartner - das Mädchen muss sich übergeben vor Ekel. Die Mütter sind angesichts all der Widerwärtigkeiten sichtlich geschockt - was der SAT.1-Beitrag zeigt, jedoch nicht überdramatisiert, wie es bei vergleichbaren Doku-Formaten oft der Fall ist. Um ihren Film vorzubereiten, begeben sich die fünf Frauen zwischen Mitte 30 und Ende 40 auf Recherchereise. Sie besuchen eine Erotikmesse, eine Sexualtherapeutin, eine Domina sowie Wolf Wagner, laut Film einen der erfolgreichsten deutschen Pornoproduzenten. Der sieht so unauffällig aus und redet wie ein Gymnasiallehrer. So jemanden hat man sich früher definitiv anders vorgestellt - das sagen auch die Mütter.

„Pornos reduzieren das sexuelle Repertoire“

Es folgt die Einladung ans Set, wo dann aber viel Althergebrachtes zu sehen ist: übertriebenes, künstliches Gestöhne, der übliche „flotte Dreier“, Probleme mit der „Standhaftigkeit“. Die zuschauenden Mütter sind genervt bis verärgert - obwohl der beredte Herr Wagner ihnen doch davor noch so sympathisch war. Schön, dass der Film die Tristesse eines klassischen Porno-Drehs zu zeigen wagt. „Pornos sind wie viele nicht so gute Paarbeziehungen“, weiß die Hamburger Sexual-Therapeutin Nele Sehrt an einer anderen Stelle des Films. „Man fängt an zu stimulieren und hofft, dass die Erregung noch folgt.“ Und noch ein kluger Satz von der Fachfrau: „Pornos reduzieren das sexuelle Repertoire.“

Ob die Mütter, für die der mutige Trip ins Pornogeschäft auch stets ein Kampf gegen die eigene Spießigkeit, gegen Sorgen und Ängste darstellt, eine gute Alternative zur jenen Filmen finden, die sie nicht haben wollen, beantwortet Teil zwei des gelungenen SAT.1-Formats Dann geht es zunächst noch zur preisgekrönten feministischen Pornoproduzentin Erika Lust nach Barcelona, bevor Drehbuch, Casting und Produktion des eigenen Films anstehen. Natürlich endet „Mütter machen Porno“ mit einer großen Kinopremiere. Wird das Projekt der Mütter gelingen - oder ist das Ergebnis eher zum Fremdschämen?

Dramaturgie und Machart der unterhaltsamen, aber auch mit vielen Erkenntnissen gespickten Mütter-Reise stimmen schon mal. Ob ihr eigener Film das Porno-Genre besser macht, wird sich zeigen. Szenen des finalen Movies „Vanilla X - Der Film“ werden in kommentierter und dem Jugendschutz entsprechender Form im Anschluss an Folge zwei am 29. Juli gezeigt. Eine SAT.1 Sprecherin erklärt: „Auch wenn der von den Müttern produzierte Porno einen pädagogischen Ansatz hat, ist die Ausstrahlung von Pornografie im Free TV grundsätzlich gesetzlich verboten.“

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare