„Ich bin ein Wiener, mir ist alles wurscht“

Wanda im Interview

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„Duschen, ein gut durchgebratenes Steak essen und unglaublich lange Fernsehen schauen, ganz entspannt“: Genau daas, sagt Wanda-Sänger Michael Marco Fitzthum, besser bekannt als Marco Wanda(dritter von links).

„Ich habe kein internetfähiges Handy, ich kenne Tinder nicht“: Dass sie cool sein sollen, das weisen Wanda weiterhin hartnäckig von sich - und natürlich sind sie gerade deswegen: saucool. Ein Interview mit Michael Marco Fitzthum, besser bekannt als Marco Wanda, und Gitarrist Manuel Poppe.

Nicht einmal zwei Jahre nach ihrem letzten Werk „Niente“ kehrt die Band Wanda auf die großen Bühnen der deutschsprachigen Pop-Landschaft zurück. Ihr viertes Album „Ciao!“ knüpft wieder mehr an die Durchburchsalben „Amore“ und „Bussi“ rund um den Megahit „Bologna“ an - ist aber experimentierfreudiger. Trotzdem balanciert das Wiener Quintett auch 2019 zwischen emotionalem Lederjacken-Rock und gelassener Lebemannhaltung. Ein Gespräch mit Frontmann Michael Marco Fitzthum, besser bekannt als Marco Wanda, und Gitarrist Manuel Poppe über Sexroboter, deutschen Rap und das Bizarre der Astrologie.

nordbuzz: Wanda ist ja vor allem eine Live-Band. Was machen Sie als erstes, wenn Sie von einer Tour zurückkommen?

Marco Fitzthum: Duschen, ein gut durchgebratenes Steak essen und unglaublich lange Fernsehen schauen, ganz entspannt. Als 2014 und 2015 noch so ein großer Hype um uns herrschte, war das noch anders. Wir hatten um die 180 Shows im Jahr gespielt. Wenn du dann in diese Zwischenetappen kommst, die man das normale Leben nennt, hat uns das damals emotional noch stärker belastet. Du kommst von der Euphorie zurück in die Realität. Das konnte man schon Blues nennen. Mittlerweile wissen wir aber einfach, was wir da tun.

Manuel Poppe: Wir sind aber erstaunlich lebensfähig mittlerweile, auch zwischen den Tourneen. Wir leiden nicht, weil der Tourzirkus vorbei ist, sondern freuen uns über die vielen schönen Erinnerungen.

nordbuzz: Machen Sie selber Selfies mit Stars?

Marco Fitzthum: Ich treffe so wenig berühmte Leute. Ich bin aber auch nicht so der Typ dafür, mein Handy hat zum Beispiel auch keine Selfiekamera. Mir fällt auch keiner ein, mit dem ich das tun wollen würde. Ich glaube eher an das gesprochene Wort. Aber vielleicht hätte ich mit John Lennon ein Foto gemacht. Aber ich hätte ihn geschminkt, dass man seine Heroin-Augenringe nicht sieht.

nordbuzz: Das Album das vierte seit dem Durchbruch. Wann haben Sie noch Lampenfieber?

Marco Fitzthum: Ich hatte das noch nie. Für mich ist das Setting eines Konzert etwas total Natürliches. Das ist eine Orgie, die man feiert mit fremden Menschen, die sich kennenlernen. Das hat etwas Verbindendes, ein Ritual der Ekstase.

nordbuzz: Ihre Alben waren alles Top-Ten-Erfolge. Welche Erwartungen haben Sie an das neue Album?

Marco Fitzthum: Das ist ein bisschen wie beim Fußball. Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, ist alles wunderbar. Ob wir es ins Champions-League-Finale schaffen, entscheidet sowieso das Publikum. Wenn das alles so weitergehen kann, ist es ein gutes Leben. Das ist das Leben, das wir uns ausgesucht haben, das sich uns aufgedrängt hat. Etwas anderes können wir gar nicht tun.

nordbuzz: Welches Rezept hilft gegen Erfolgsdruck um?

Marco Fitzthum: Ich bin ein Wiener, mir ist alles wurscht. Das ist mir alles egal. Sollte der Tag kommen, an dem uns das Publikum nicht mehr haben will, hören wir halt einfach auf. Wanda hat sich als Band niemals aufgedrängt, das Publikum entscheidet über unsere Geschichte.

Manuel Poppe: Im Studio nehmen wir in jedem Moment das beste Lied aller Zeiten auf. Das ist das Gefühl, das wir während einer Produktion haben. Und wenn wir fertig sind, ist es das beste Album aller Zeiten.

nordbuzz: Ihrer Musik haftete immer eine gewisse Heimeligkeit, ein Eskapismus, an. Was ist Musikmachen für Sie: Flucht oder Konfrontation?

Marco Fitzthum: Ich zucke immer noch zusammen, wenn mich jemand „Musiker“ nennt. Wenn mich jemand „Künstler“nennt, bekomme ich einen Anfall. Das, was wir tun, fühlt sich für mich natürlich an. In meiner Familie hat sich Musik aber immer schon passiv tadiert. Meine Großtanten waren alle Italienerinnen und haben in der Früh die Laute gespielt. Das war etwas ganz Normales. Ich komme beim Musik machen zu mir, aber ich kann auch woanders hin. Eigentlich ist Musik das erste in meinem Leben gewesen, das den Stellenwert einer religösen Erfahrung in sich trägt.

nordbuzz: Die Single „Ciao Baby“ erinnert harmonisch an „Mit Leib und Seele“ von Heinz Rudolf Kunze. Was stellen die 80-er und vor allem die Neue Deutsche Welle für Sie dar?

Marco Fitzthum: Ich habe die Achtziger ja nur in den Neunzigern erlebt. Wien war während unserer Kindheit aber auch noch wie ein Dorf. Da gab es den Milchladen und die Milchfra, und die Schriftzüge in der Öffentlichkeit waren noch in deutscher Sprache. Jetzt ist irgendwie alles Englisch.

Manuel Poppe: Da haben sich Rap und Punk in die Pop-Musik gemischt. Das war in den Siebzigern ja noch nicht so. Ich glaube, je mehr die Jahrzehnte voranschreiten, desto mehr schätzt man die Achtziger. In den 2020-ern findet man dann die Neunziger cool.

Marco Fitzthum: Jedes Jahrzehnt trägt musikalisch etwas bei, es kommt immer neuer Input: gesellschaftspolitisch, philosophisch und musikalisch. Wir sind gerade in einer Zeit, wo es sehr dankbar ist, Musik zu machen. Wir können auf eine unendliche Fläche an Versatzstücken und Traditionen zurückgreifen. Das gesprochene Wort, HipHop und Rap, das erreicht uns ja auch zum Beispiel.

nordbuzz: Wenn Sie sich ein Jahrzehnt aussuchen könnten, welches wäre das?

Marco Fitzthum: Ich bin total zufrieden in der heutigen Zeit zu leben. Uns stehen abgefahrene Gesellschaftsentwicklungen bevor. Es gibt so viele Versprechen aktuell, wo ich mich frage: „Wann und wie lösen die sich ein?“ Das ist für mich der Tenor unserer Zeit. Wird es eine Utopie oder eine Dystopie? Zum Beispiel werden in zehn Jahren junge Männer Beziehungen mit Sex-Robotern führen. Was macht das mit uns? Bald fliegen wir ins Weltall zum Urlaub-machen, das wird normal sein. Das ist wahnsinnig interessant. Wir leben in seiner abgründigen, aber auch spannenden Zeit.

nordbuzz: Stichwort Urlaub. „Können wir bitte bald nach Hause gehen?“ lautet eine andere Zeile auf dem Album. Was bedeutet Zuhause?

Marco Fitzthum: In erster Linie Menschen. Es gibt diese Würfel mit Farbflächen, die du so lange schrauben musst, bis alle Seiten einfarbig sind. Das ist ein Symbol für Zuhause, wenn du deine Seele solange justiert hast, bis alle Farben stimmen. Zuhause ist aber kein Ort für mich zum Beispiel. Das kann auch der Mond sein. Vielleicht kommen wir ja von dort.

nordbuzz: „Ciao“ ist sowohl eine Begrüßung als auch eine Verabschiedung. Was ist angenehmer?

Marco Fitzthum: Mit „Ciao“ meinen wir eher, dass wir an der Schwelle von einem Zeitalter zum nächsten stehen. Wir verabschieden uns vom letzten Jahrtausend und begrüßen gleichzeitig ein neues. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Ich begrüße es aber. Ich glaube nicht, dass diese Welt nach unseren Denkkategorien zu beurteilen ist. Ich glaube, alle wollen das wissen: Leben wir in der besten aller möglichen Welten oder in der schlechtesten?

nordbuzz: Sie werden von Journalisten ja oft als „cool“ beschrieben. Ist das ein Fluch oder ein Segen?

Marco Fitzthum: Ich weiß nicht, was das meint. Als „cool“ stelle ich mir einen Junkie auf dem Times Square in den Achtzigern vor. Cool zu sein, heißt ja auch, dass man verhärtet ist und die Komplexe der Wirklichkeit nicht zu mir vordringen. Ich bin nicht cool, so gesehen, denn mich berühren andere Menschen und die Dinge schon.

„Ich kenne Tinder nicht“

nordbuzz: These: „Swing Shit Slide Show“ ist der vielleicht komplizierteste Text der Wanda-Diskografie. Wäre das eine Beleidigung für Sie?

Marco Fitzthum: Nein, das keine Beleidigung. Ich habe selbst überhaupt keine Ahnung, was das Lied genau meint. Es ist zu einer totalen Projektionsfläche ausgeartet, in die jeder etwas hineindeuten kann. Wir überfordern den Hörer auch lieber, als dass wir ihn mit McDonald's' „I'm lovin it“ abspeisen. Es gab eh viele Ideen, das Album zu sabotieren mit Störgeräuschen und Filtern. Bei „Domian“ wollten wir an einer Stelle die Illusion erzeugen, dass die Platte hängt. Die Musik war letztlich doch zu schön, um es zu zerstören.

nordbuzz: Das klingt wie ein Scratch, eine DJ-Technik aus dem HipHop. Marco Fitzthum „Wanda“ Fitzthum, Sie haben mal gesagt, dass Sie Haiyti gut finden. Was gefällt Ihnen?

Marco Fitzthum: Viele ihrer Textzeilen, wie etwa: „Ich trinke wieder mehr als ich kann“ aus ihrem Lied „Angst“. Aber mir gefällt zum Beispiel auch Yung Hurn, der rappt: „Es ist Donnerstag, ich kaufe mir nichts.“ Das sind literarische Splitter, die irrsinnig schnell und präzise unsere Lebensrealität berühren. Das fasziniert mich an Rap. Früher war Hiphop noch sehr ambitioniert und wollte die gesellschaftliche Realität kritisch erfassen mit vielen Analysen und Behauptungen. Mittlerweile hat sich vor allem der deutsche Rap total verkürzt und verknappt, das ist fast wie bei Hemingway. Ich arbeite auch so. Lieber schreibe ich vier kurze Zeilen, als hunderte Aphorismen.

nordbuzz: Der letzte Song heißt „Alma“, ein Instrumental-Stück. Woran arbeiten Sie eigentlich länger: Text der Musik?

Marco Fitzthum: Im Idealfall kommt beides gleichzeitig. Ich fantasiere die Lieder aber auch eher. Ich höre die in meinem Kopf und schreibe sie dann sozusagen nach. Ich benutze auch keinen Stift und Zettel oder so. Wenn ich sterbe, werde ich also leider keine Schriftstücke hinterlassen. Ich denke einfach, wenn man sich etwas nicht merken kann, sondern aufschreiben muss, ist es nicht gut genug. Wenn dich aber die Melodie noch am nächsten Tag nicht loslässt, ist es ein gutes Lied.

nordbuzz: „Ein komischer Traum“ verhandelt eine flüchtige Affäre. Wie gehen Sie mit Phänomen wie der Datingapp Tinder um?

Marco Fitzthum: Ich habe kein internetfähiges Handy, ich kenne Tinder nicht. Im Endeffekt ist es auch egal, wie öffentlich das Liebesleben wird, für mich bleibt es Privatsache. Ich maße mir auch nicht an, das bei anderen zu beurteilen. Wenn jemand Tinder nutzt, soll diese Person das tun, egal ob da eine Partnerschaft entsteht oder man sich über eine Lebensphase gegenseitig hinweg hilft.

nordbuzz: Was sehen Sie in Gerda Rogers?

Marco Fitzthum: Gerda Roger ist eine TV-Astrologin, vergleichbar mit Erika Berger. Ich finde es interessant, einer anderer Person in einem bestimmten Aspekt des eigenes Lebens die Führung zu übergeben. Das ist so ein bizarrer Moment der Unterwerfung.

nordbuzz: Die Spex hat über Wanda geschrieben „Das Schmierige im Abgelutschten, darin liegt die Faszination dieser Band.“ Wie gehen Sie mit der journalistischen Rezeption mittlerweile?

Marco Fitzthum: Mir ist alles wurscht. Halt mir einen Revolver an die Stirn, ich würde vermutlich noch lachen. Wir müssen unsere Musik gut finden, sonst können wir es anderen gar nicht zeigen und damit auftreten. Wenn mir die Band sagt, dass ein Lied schlecht ist, würde ich weinen. Das kam aber noch nie vor. Was aber andere Menschen darüber denken, ist nicht wichtig. Ich nehme das nicht so ernst. Selbst meine Mutter findet die Hälfte unserer Songs total langweilig.

nordbuzz: Erkundet sich noch jemand nach Tante Ceccarelli aus „Bologna“?

Marco Fitzthum: Nicht mehr so oft. Jetzt glauben alle, zu wissen, wer das ist, sie fahren jetzt alle nach Bologna vor diesen Metzgerladen, wo Ceccarelli drübersteht. Der hat durch unser Lied ein Umsatzplus erfahren, weil viele deutsche und österreichische Touristen da vorbeischauen. Da hängt sogar ein Zeitungsartikel an der Wand. Wir haben die mal kennengelernt, sehr nette Menschen. Sie haben uns eine Olivenöl zum halben Preis verkauft.

teleschau

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