Start einer sehenswerten Reihe

„Volksvertreter“ im ZDFneo: Politiker stellen sich kritischen Bürgern

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Jo Schück präsentiert das neue Format.

Wie diskutiert man mit Politikern? Die ZDFneo-Reihe „Volksvertreter“ konfrontiert junge Bundestagskandidaten mit kritischen Bürgern beim Essen und Einkaufen. Eine experimentelle Lehrstunde in TV-Demokratie.

Früher lachte man gern über folgenden Witz: „Ein Staubsaugervertreter verkauft Staubsauger. Ein Versicherungsvertreter verkauft Versicherungen. Und was macht ein Volksvertreter ...?“ - So unschuldig zeigt sich die oft gerechtfertigte Kritik an „denen da oben“ seit einiger Zeit nicht mehr: Der autoritäre Mob im Netz und auf der Straße hat dafür gesorgt, dass man den Ausdruck „Volksvertreter“ kaum mehr ohne die Parole „Volksverräter“ denken kann. Was also tun, um kurz vor der Bundestagswahl die eigentlich edle demokratische Bedeutung des Wortes zu rehabilitieren? Was tun als öffentlich-rechtliches Medium, das bei den Hassbotschaften meist mitgemeint ist? ZDFneo zeigt ab heute (29. Juni, dann immer donnerstags, 22.15 Uhr) versteckt in der Nische, wie es geht: Die Diskussions-Reihe „Volksvertreter“ konfrontiert Politiker mit Menschen aus dem Volk, die völlig entgegengesetzter Ansichten sind. Eine leider abseits des Hauptprogramms platzierte TV-Lehrstunde in Demokratie, die man unbedingt gesehen haben sollte.

Lahme Runden aus Journalisten, Politikern und Experten, in denen ohnehin jeder von seinem Standpunkt überzeugt ist, will man beim Junge-Leute-Sender ZDFneo freilich nicht reproduzieren. Und doch, so zeigte das Programm des Zweiten-Nischenkanals auch bislang vorbildhaft, soll die hippe Attitüde mit einem aufklärerischen Anspruch daherkommen. Das brandaktuelle und leider nicht im Hauptprogramm des ZDF gesendete Format „Volksvertreter“ folgt diesem hehren Ideal in einer Weise, wie sie der klassischen Vorstellung von Demokratie besser nicht entsprechen könnte.

In dem siebenteiligen Experiment, das ZDFneo ab 29. Juni immer donnerstags, 22.15 Uhr, ausstrahlt, werden junge Politiker mit ganz normalen Bürgern konfrontiert. Mit einer kleinen Schwierigkeit: Die Vertreter der sieben größten Parteien treffen jeweils auf Menschen, die völlig gegenteilige Positionen einnehmen. Die Volksvertreter, die sich meist erstmalig für den Bundestag zur Wahl stellen, haben 24 Stunden Zeit, die je drei skeptischen Bürger kennenzulernen, sich als Mensch und Politiker zu präsentieren und ihre kritischen Gesprächspartner möglicherweise sogar von einigen Standpunkten zu überzeugen.

Bei der von Jo Schück moderierten Sendung habe man auf „Spitzenkandidaten aus den bekannten Politik-Sendungen verzichtet, da deren Wahlkampfrhetorik hinreichend bekannt ist“. Das Aufeinandertreffen soll sich volksnah im besten Sinne gestalten, so das Konzept - im Café, beim Einkaufen, im Plattenladen, beim Abendessen. Das Ideal des experimentellen Formats, das auf der spanischen Sendung „Sleeping With The Enemy“ basiert, lautet: Man duzt sich, scherzt, erlebt das Gegenüber als Mensch - und beginnt auf dieser Basis einen politischen Diskurs, der sich abseits populistischer Parolen und engstirniger Vorurteile bewegt.

„Hier dampft und schwitzt die Auseinandersetzung aus allen Poren“, heißt es in der Ankündigung des ZDF. In der ersten „Volksvertreter“-Folge ist davon zunächst nichts zu sehen: CDU-Jungpolitiker Paul Ziemiak, 31 und Unternehmenskommunikations-Student, trifft in einem Neuköllner Loft (man ist ja bei neo) einen Malermeister, einen Medizinstudenten und eine Geschäftsführerin eines Kulturzentrums. Anfangs stellt Ziemiak klar, dass er mal durchs Jura-Examen gefallen ist - „man spricht da ja nicht so gerne drüber“. „Das macht dich menschlich“, entgegnet der Maler. Es menschelt, man ist sich sympathisch.

Doch nicht nur auf Gruppendiskussionen im schicken Ambiente setzt „Volksvertreter“. Bei „Einzeldates“ lernt man sich näher kennen, jeder Bürger führt den Politiker an einen Lieblingsort, um ausführlich und persönlich zu diskutieren: Der Mediziner mit zwei lesbischen Müttern lädt in den Blumenladen und sucht mit Ziemiak einen Strauß aus. Der Maler, der Angela Merkel zu links findet, spielt Dart in der Eckkneipe. Es fühlt sich ein wenig an, als hätte man den „Bachelor“ mit der Bundespolitik gekreuzt. Und nebenbei wird über homosexuelle Ehen und die Flüchtlingspolitik der CDU geredet. Es ist nett.

Auch die alleinerziehende Kulturfrau findet „Paul einen netten Menschen“, glaubt aber man müsse für Parteipolitik „ein bisschen intrigant sein“ und strategisch denken. „Hast du da Bock drauf?“, fragt sie den CDU-Mann beim Einkaufen. „Meine Aufgabe ist es Mehrheiten zu beschaffen“, antwortet der. Schon gibt es Pizza-Essen im Loft. Längere Diskussionen entstehen noch nicht; dafür eine Art „Das perfekte Dinner“ mit Politik. Und Moderator Schück? Der scheint für biografische Fragen und lustige Kommentare zuständig: „Vielleicht solltet ihr es mit der Politik lassen, wenn es schon mit der Pizza nicht klappt“.

Am Tisch wird es dann doch noch aufgeregt: Der Maler will wissen, wen Paul in der CDU nicht leiden kann. „Das bringt ihn in eine saudoofe Situation“, gibt sich die Kulturfrau verteidigend. „Dafür sind wir doch hier“, entgegnet der Maler, der anschließend in Kommentaren zur „Kölner Silvesternacht“ und von Flüchtlingen „gefluteten“ Ländern den (leicht) besorgten Bürger gibt. Gegengeschnitten wird die davon genervte Alleinerziehende, die über Rassismus und Alltagssexismus redet. Mehr als die Konfrontation mit den „Volksvertretern“, so scheint es, werden in dem Diskussions-Format die Gräben zwischen den Bevölkerungsschichten offenbar. Am Ende wird trotzdem angestoßen, der große Streit bleibt aus.

Wie die persönliche Begegnung, die gegenseitige Sympathie einen politischen Diskurs öffnen oder weichzeichnen kann, zeigt auch die zweite Folge, in der CSU-Kandidatin Silke Launert mit einem jungen Gemüseanbauer, einer älteren Domina-Therapeutin und einem Architekten über Ernährungspolitik, Mieten und - natürlich - Zuwanderung diskutiert. Politikerinnen und Politiker, das zu zeigen, ist ein Verdienst der „Volksvertreter“-Reihe, sind weder „Verräter“ noch Feinde - sondern normale Menschen mit Alltag und Idealen - zumindest bevor sie von Apparaten und Macht überrollt werden.

Überraschenderweise gewährt das Format aber nicht nur Einblick hinter Politiker-Fassaden, sondern auch in die diversen Psychen und Milieus der Bundesrepublik in einer polarisierenden Zeit. Und das ist - trotz aller zahmen Sympathiebekundungen - für eine Gesprächssendung allerhand.

tsch

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