Unter Verdacht: Ein Richter - Sa. 23.04 - ZDF: 20.15 Uhr

Völlig losgelöst

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Der große Manipulator: Richter Koller (Martin Brambach) verbittet sich in scharfem Ton kritische Nachfragen der Kriminalrätin Eva Prohacek (Senta Berger). Doch die Ermittlerin gilt mit Recht als beharrlich.

Wer richtet über unsere Richter? Der komplexe Krimi mit Senta Berger als Kriminalrätin Prohacek illustriert die Frage in aufwühlender Weise auf verschiedenen Ebenen.

Der Mann ist eine fleischgewordene Dampfwalze der Justiz. 300 Verfahren bringt Richter Dr. Rainer Koller (Martin Brambach) im Jahr zum Abschluss. Als Frontkämpfer, der für den Staat "Drecksarbeit" verrichtet, nimmt sich der wortgewaltige Amtsträger selbst wahr. Als "einen meiner effizientesten Leute" in einer "chronisch unterbesetzten" Behörde bezeichnet ihn sein Chef - ganz so, als sei ein Gerichtsverfahren eine kostenoptimierte Fließbandarbeit und kein Organ zur Wahrheitsfindung. Weil die ZDF-Kriminalrätin Eva Prohacek (Senta Berger) zu einer aussterbenden Ermittlergeneration gehört, die noch in moralischen Kategorien denkt, und weil der umstrittene Richter Koller Opfer einer tätlichen Attacke wird, entwickelt sich ein wieder mal vielschichtiger und im allerbesten Sinne sozialkritischer Kriminalfall aus der Ausnahmereihe "Unter Verdacht". Nach der Vorpremiere bei ARTE im vergangenen Jahr zeigt das ZDF den Krimi nun am Samstagabend.

Auf unterschiedlichen Ebenen bietet der Film vom Mike Bäuml (Buch) und Martin Weinhart (Regie) bestechende Gegenwartsbeobachtungen. Es geht, wie immer bei "Unter Verdacht", um politischen Karrierismus und Postengeschacher. Es geht um das Allmachtsgehabe charakterschwacher Männer. Und es geht um die grundsätzliche Frage, ob richterliche Unantastbarkeit auch im Falle offenkundiger Willkürurteile gewahrt werden muss. Der in Bayern anhängige Fall des Gustl Mollath wird sinnfällig zitiert. Auch da standen Verfahrensleitung und Urteilsfindung schwer in der Kritik. Auch da gab es wenig Handhabe. Richter agieren von der Verfassung geschützt eben völlig unabhängig. Oder sollte man besser sagen: völlig losgelöst?

Richter Koller bewegt sich mit seinem XXL-Ego jedenfalls in exklusiven Sphären. Dass der privat vereinsamte Machtmensch womöglich ein psychisches Problem hat, ignoriert sein Vorgesetzter (August Zirner), auch weil er der aggressiven und manipulativen Rhetorik seines "Frontkämpfers" nicht gewachsen ist. Ganz so wie die armen Sünder, die auf des Richters Anklagebank sitzen und erfahren, dass man vor Gericht und auf hoher See unbeherrschbaren Gewalten ausgeliefert ist. Auffällig: Die männlichen Angeklagten dürfen bei Richter Koller mit Gnade rechnen, die weiblichen haut er arglistig in die Pfanne. Bis eines seiner Willküropfer in der Kantine mit der Glasflasche auf ihn losgeht ...

Die Stadtbedienstete Doris Kern (Anneke Kim Sarnau), so will es die zugespitzte Geschichte, dürstet nach Rache, weil ihr Ex-Mann Theo (Georg Friedrich), der sie einst mit Säure verätzte, ungeschoren davonkam. So wütet der schreckliche Theo noch immer - jetzt gegen seine neue Lebenspartnerin, es handelt sich ausgerechnet um Doris' Schwester Carola (Alexandra Finder). Als Carola vor Kollers Kanzel gerufen wird, weil sie sich mit dem Küchenmesser gegen Theos Übergriff wehrte, dreht die große Schwester verständlicherweise durch. Opfer werden Täter, und Täter zu Opfern. Man kann es Dialektik nennen oder ein schreckliches Chaos.

Die höheren Instanzen blicken auf den tosenden Irrsinn erst machtlos, dann mit taktischem Kalkül. Nachdem die Prohacek und ihr Kollege Langner (Rudolf Krause) bei ihren Ermittlungen erst zurückgepfiffen werden, gibt es plötzlich und unerwartet grünes Licht. Die Landesregierung will im Sinne der angestrebten Justizreform "ein kleines abschreckendes Beispiel" am gnadenlosen Richter statuieren. Man müsse sich im Leben eben entscheiden, was man sein wolle, lehrt eine Karriereschnepfe das Einmaleins der politischen Intrige: "Strick oder Genick". Die "Unter Verdacht"-Reihe aber ist das moralische Rückgrat der deutschen Krimi-Landschaft. Möge es noch lange allem Unbill trotzen!

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