Interview über ihr Bremen

Im nordbuzz-Verhör: Die Bremer „Tatort“-Kommissare Postel und Mommsen

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Szene aus dem neuesten „Tatort“-Fall „Nachtsicht“: Spuren deuten darauf hin, dass das Opfer gezielt mit dem Auto überfahren worden ist. Die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) nehmen die Ermittlungen auf.

Zweimal im Jahr schaut ganz Deutschland auf Bremen – dann, wenn ein Millionenpublikum gespannt vor dem neuesten Tatort aus der Hansestadt sitzt. Wir haben mit Sabine Postel und Oliver Mommsen alias Inga Lürsen und Nils Stedefreund über das Viertel, Lieblingskneipen, Liebschaften, Twitter, die legendäre grüne Lederjacke und den aktuellen Bremer Fall „Nachtsicht” gesprochen.

Im neuesten Bremer Fall „Nachtsicht“ kommt es zu einer Reihe mysteriöser Todesfälle. Lürsen und Stedefreund haben es mit einem serienmordenden Autofahrer zu tun und können bald einen Tatverdächtigen ermitteln. Doch was hat dessen Familie zu verbergen?

„Nachtsicht“ ist „ein richtiger ‚Bremer‘, sehr düster und außergewöhnlich“

nordbuzz: Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an „Nacht­sicht“, worauf dürfen sich die Zuschauer freuen?

Oliver Mommsen: Das ist auf jeden Fall ein richtiger „Bremer”, sehr düster und außergewöhnlich. Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich diebisch gefreut, war aber auch angewidert. Und ich glaube, in diesem Spektrum bewegt sich dann auch der Zuschauer: zwi­schen Faszination und Schock. Und auch Lürsen und Stedefreund können da nicht Dienst nach Vorschrift machen, denn die Uhr tickt, es kann jederzeit wieder was passieren.

Sabine Postel: Ja, mit dem Freuen ist das so eine Sache. Es ist ein ganz düsterer Krimi und ich bin sehr froh, dass wir jetzt zeitlich ein bisschen Abstand zu diesem entsetzlichen Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt haben. Denn schließlich wird auch hier ein Auto als Mordwaffe benutzt. Und düster ist der Film nicht nur in der Machart, sondern auch, weil er ja letztendlich von der Reali­tät auf grausame Art und Weise eingeholt wurde.

Die Mordwaffe ist in „Nachtsicht“ ein Auto.

„Das schönste Präsidium, das beim ‚Tatort‘ existiert“

nordbuzz: Wo in der Region spielt der Krimi? 

Mommsen: Wir haben in Oberneuland (nordbuzz war zum Drehstart zu Besuch am Set) und im Bre­mer Umland gedreht. Unser Präsidium war wieder im alten Bundeswehrhochhaus. Ich finde, das ist mit das schönste Präsidium, das beim „Tatort“ exis­tiert. Ich kenne kein anderes, das im 16. Stock ist und so einen Ausblick hat. Man kann bei dem Krimi gut miträtseln, wo wir gerade sind. Aber da gilt bei uns auch immer so ein bisschen „Film vor Realität“: Wir sind ja kein Stadtführer mit ein bisschen Blut.

nordbuzz: Würden Sie die Persönlichkeiten Ihrer Rollen gern stärker weiterentwickeln? Immerhin menschelt es seit Kurzem mit der BKA-Kollegin Linda Selb. 

Mommsen: Wir erzählen die Figur Stedefreund über 15 Jahre und können immer noch Neues entdecken, wie jetzt zum Beispiel: Was ist eigentlich, wenn sich Stede­freund verliebt, und eventuell auch verhebt mit der Person, weil die einfach ein zu intensiver, extremer Charakter ist? Wir nennen Frau Selb am Set nicht ohne Grund „Frau Selbsam“. Das sind alles noch Schätze, die zu heben sind. Ich hätte Stede­freunds Pulver wahrscheinlich in den ersten drei Folgen verballert. Beim Dreh gehöre ich zu den Rampensäuen der Berufsfraktion, das heißt: Ich will ins Licht, ich will nach vorne. Eigenwahr­nehmung und Außenwirkung spielen da nicht immer gleich. 

Postel: Jein. Das ist eine gute Frage. Bei uns ist es so, dass wir diesen hohen Sympathiewert über einen so langen Zeitraum – also bei mir 20 Jahre – nur halten konnte, weil wir eben nicht die ganzen Gebrechen, Macken, Traumata der Kommissare in den Mittelpunkt gerückt haben. Das wird irgendwann langweilig. Bei uns war stets der Fall das Wichtige. Und ich glaube, das hat die Leute über einen so langen Zeitraum immer interessiert, dass wir sehr gute Geschichten erzählen.

Stedefreunds Liebschaft: „Kann schon verraten, dass es im nächsten ‚Tatort‘ noch spannender wird“

nordbuzz: Ist Inga Lürsen eigentlich eifersüchtig? Wird ihr durch Stedefreunds Liebschaft die Show gestohlen?

Mommsen: Wir profitieren alle davon. Was wir mit der Figur Selb auf jeden Fall erreicht haben, ist, dass sie alle herausfordert. Katzmann, unserem Gerichtsmediziner, geht sie beispielsweise wahnsinnig auf die Eier, weil er einerseits mit ihrer Art gar nicht klarkommt und sich andererseits eingestehen muss, dass sie fachlich hochgradig kompetent ist. Lürsen denkt natürlich teilweise: Was ist denn jetzt eigentlich mit Stedefreund los, ist der noch bei klarem Verstand und einsetzbar oder hat der jetzt nur noch Herzchen im Kopf? Ich kann auch schon verraten, dass es im nächsten „Tatort“, den wir auch schon gedreht haben, noch spannender wird. 

Postel: Lürsen ist schon ein bisschen eifersüchtig. Stedefreund ist ja – nachdem ihr letzter Lover erschossen wurde – ihre einzige Bezugs­person. Sie guckt da schon kritisch hin. Auf der anderen Seite ist sie klug genug, zu akzeptieren, dass diese Linda Selb eine Bereicherung ist, weil sie in ihrer etwas autistischen Art ganz anders an die Fälle herangeht. Und sie ist ein absoluter Computerfreak, was ja heute nötig ist, um Spuren zurückzuverfolgen. Insofern ist das eine schöne Reibung, die sich da plötzlich entwickelt zwischen Lürsen, Selb und Stedefreund. Ich finde das gut.

Es knistert auf dem Präsidium: Stedefreund und BKA-Kollegin Linda Selb.

nordbuzz: Inga Lürsen hat eine politische Vergangenheit als Aktivistin. Jetzt leben wir wieder in sehr politi­schen Zeiten. Könnten Sie sich vorstellen, dass solche Charakterzüge auch mal eine Rolle spielen? 

Postel: Das fände ich gut. Das ist eine gute Idee, die Sie da haben. Inga Lür­sen ist ja eine sehr mora­lische Frau, die aus der Alt-68er-Bewegung kommt und trotz der ganzen Umstände an Gerechtigkeit glaubt. Sie war immer politisch, soweit sie das im Rahmen ihrer Position überhaupt ausleben durfte. Dadurch, dass sich die weltwirtschaftliche und politische Situation in der Realität jetzt so verschärft, wäre es natürlich toll, wenn man dieser Figur dafür wieder mehr Raum geben könnte.

„Zumindest in jedem zweiten Krimi auch politische Themen beackern“

nordbuzz: Der Bremer „Tatort“ behandelt traditionell mit Vorliebe gesellschaftliche Themen. Woher kommt das?

Postel: Das kommt aus verschiedenen Richtungen. Radio Bremen ist immer ein sehr liberaler und engagierter Sender gewesen, was ich sehr sympathisch finde. Außerdem denkt unsere Redakteurin sehr in diese Richtung – und ich auch. Da kommen drei Komponenten zusammen, die sich sehr verstehen. Wir haben uns darauf geeinigt, uns das auf die Fahne zu schreiben, zumindest in jeden zweiten Krimi auch politische Themen zu beackern – auch, um uns von anderen „Tatorten“ abzugrenzen.

nordbuzz: Haben Sie eigentlich ein Lieblingsteam unter den Tatort-Kollegen?

Postel: Nö. Ich bin passionierte Tatort-Guckerin, schaue immer gerne und bin auch sehr Neid frei. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Kollegen, die ungefähr zeitgleich mit mir angefangen haben, besonders gerne gucke – also die Kölner und die Münchener.

Seit 15 Jahren gemeinsam für Bremen im Einsatz: Sabine Postel und Oliver Mommsen.

nordbuzz: Was würden Sie von einer Kooperation und einem gemeinsamen Fall mit den benachbarten Kollegen halten, vielleicht mit dem Hamburger Nick Tschiller, gespielt von Til Schweiger?

Postel: Ich weiß nicht. So etwas ist immer mal angedacht worden, scheiterte aber daran, dass man bei einem Fall schon den zwei Kommissaren und dem Umfeld Raum für die Geschichte geben muss. Wenn wir das jetzt in einem 90-Minüter verdoppeln, dann ist für die Ermittler vom Kuchen noch weniger übrig. Dann müssen vier Kommissare plus Umfeld erzählt werden - was will man da noch für eine Fall-Geschichte entwickeln? Das ist ein bisschen mühsam. Man hat das am Bodensee versucht und auch mal die Leipziger mit den Kölnern gekoppelt. Aber diese Versuche waren nicht unbedingt so, dass sie einen weiter nach vorne gebracht hätten, glaube ich.

„Dass die grüne Lederjacke so gut ankommt, kannst Du nicht vorhersagen“

nordbuzz: Stichwort grüne Lederjacke: Die genießt unter den Fans Kultstatus und hat sogar einen eigenen Twitter-Account. War das ein genialer Schachzug oder wie kam es dazu? 

Mommsen: Ich weiß noch genau, wie Astrid Karras, unsere Maskenbildnerin, spitz aufschrie und vollkommen begeistert war, als wir in Hamburg diese Jacke gefunden haben. Dass sie so gut ankommt, kannst Du nicht vorhersagen. Und dass sie zu so einem Erkennungsmerkmal wurde, haben wir erst im Nachhinein mitbekommen. Plötzlich nahm das seinen eigenen Lauf und dann hast Du mit so einem Kostüm auf einmal etwas losgetreten. Das wünscht man sich, aber planen kann man das nicht. Irgendwann sagte mal einer: Wenn ich so eine Jacke trage, gucken die Hemden immer so lang raus. Bei Stedefreund kürzen wir die. Also wir geben uns da richtig Mühe, dass das lecker aussieht.

nordbuzz: Gucken Sie denn selbst auch bei Twitter rein? 

Mommsen: Wir begleiten den „Tatort“ oft mit Sondersendungen und twittern vom Studio aus. Da ist von „Wow, wie raffiniert und schnell sie uns auf die Schliche gekommen sind“ bis hin zu „Meinst Du nicht, es wäre besser, den Film erstmal zu Ende zu gucken und nicht so viel zu quatschen?“ alles dabei. Ich bin aber niemand, der zum Filmerlebnis privat auch noch in den sozialen Medien unterwegs sein muss. Vor allem, wenn ich weiß, wie viel Mühe wir uns gegeben und wie viele Menschen dafür geackert haben. Da würde ich erst einmal den Film gucken und dann herauszufinden versuchen, ob Leute meine Meinung teilen. Es erstaunt mich, wie schnell, wann und worüber dann direkt geredet wird. Das ist manchmal positives Erstaunen und manchmal denke ich: Geht‘s noch?

nordbuzz: Wie nehmen Sie generell Zuschauer-Feedback war, gibt es da nochmal eine Nachbesprechung mit dem Team?

Postel: Es gibt einen Chat, der findet relativ zeitnah nach der Ausstrahlung statt. Außerdem haben wir immer eine Preview für Mitwirkende und Freunde in einem großen Kino in Bremen. Da bekommt man erste Reaktionen. Und dann findet wegen der großen Nachfrage auch immer noch eine Matinee statt, wo ganz normale Zuschauer eingeladen sind. Da gibt es sehr ehrliches Feedback. Insofern kann man schonmal ein bisschen einschätzen, was da auf einen zukommt: Ob es eine große Akzeptanz gibt und ob die Leute es spannend finden.

„Ein gutes Drehbuch ist wirklich die Basis für alles“

nordbuzz: Können Sie das auch schon beim lesen des Drehbuchs abschätzen?

Postel: Ich finde ja. Wir werden ja auch ein bisschen involviert und bekommen mehrere Fassungen geschickt, die sich im Vorfeld noch weiterentwickeln. Da können wir dann auch etwas dazu sagen. Aus einem Nichts kann man allerdings nichts Gutes machen. Ein gutes Drehbuch ist wirklich die Basis für alles und man kann schon beim Lesen sagen: Das ist eine super Geschichte. Wie es sich dann während des Drehs entwickelt, ist nochmal eine andere Sache, weil die Rollen ja dann erst besetzt werden und dadurch eine ganz bestimmte Wertigkeit stattfindet. Bei „Nachtsicht“ ist das Binnenverhältnis in der Familie des Tatverdächtigen sehr, sehr wichtig. Und das ist es auch, was den Film so bedrückend macht: diese Einblick in die Familie, wo eine bestimmte Ordnung über alles gestellt und auch versucht wird, bestimmte Konflikte einfach nicht anzusprechen oder zu vertuschen.

„Heartbreak – ist nicht immer gut für den Schädel, aber gut für die Seele“

nordbuzz: Wohnt Stedefreund eigentlich noch im Viertel? Sie selbst sollen sich dort als Kreuzberg-Fan auch sehr wohl fühlen. Welche Stationen klappern sie ab, wenn Sie zum Dreh in Bremen sind? 

Mommsen: Nächstes Mal hat er eindeutig eine Wohnung im Viertel ... Aber da müssen wir nach dem nächsten Film nochmal telefonieren. Es gibt wahnsinnig viele Punkte, die ich definitiv immer abarbeite, wenn ich in Bremen bin. Das fängt bei Bodes an der Bischofsnadel an, da muss immer ein Matjes gegessen werden. Dann bin ich Stamm­kunde bei Meze bei Evrim am Stern. Und wenn es dann wirklich hoch her geht, ist das Tolle am Viertel – genau wie an Kreuzberg: Irgend­einen zum Quatschmachen fin­dest Du immer. Das ist eine ganz große Qualität, dass du wahnsinnig schnell Anschluss findest. Ich bin auch großer Fan von der Rockwurst und den ganzen Bekloppten, die da rumhängen. Und am Ende des Tages landet man auch gerne mal im Heartbreak. Das ist nicht immer gut für den Schädel, aber gut für die Seele. 

„Als das Viertel auf die Straße gegangen ist, weil die Leute sich über Lautstärke beschwert haben ...“

Also ohne Viertel hätte ich es wahrscheinlich nicht so lange ausgehalten in Bremen. Das ist ein schönes Gemisch an Charakteren, an Ener­gien, mit einer großen Freiheit. Und als das Viertel auf die Straße gegangen ist, weil die Leute sich über Lautstärke be­schwert haben, dachte ich: Boah, das müsste man in Berlin auch sofort machen und sagen: Ja, das ist halt so, hier ist es ein bisschen schriller und bunter! Das ist für mich Kultur und gehört unbedingt dazu. Aber ich bin auch genauso gerne im Bürgerpark. Na gut, nicht genauso gerne, aber auch oft. Oder ich schipper irgendwelche Kanäle entlang neuerdings. Die Mischung macht‘s. Wenn es jetzt nur die Innenstadt gäbe oder nur Oberneuland, dann würde der Stadt etwas fehlen. So wird es bunt und reichhaltig.

„‚Bremer Kohlkönigin‘, das war die letzte Ehrung, die ich sehr genossen habe und die ich sehr lustig fand“

nordbuzz: Die Bremer lieben ihren „Tatort“. In welcher Weise spüren Sie das? 

Postel: Ich kriege das sehr, sehr mit – ich liebe Bremen ja auch. Eigentlich bin ich der Stadt noch viel länger verbunden, angefangen bei „Nicht von schlechten Eltern“. Also arbei­te ich jetzt seit fast 25 Jahren in Bremen. Die Freude, die die Bremer haben, und die Sympathie, die mir da entgegenkommt, sind schon enorm. Das geht über Auszeich­nungen wie „Ehrenkommissarin“, „Mall of Fame“, „Stadtmusikanten-Preis“ und „Bremer Kohlkönigin“ hinaus. Das war die letzte Ehrung, die ich sehr genossen habe und die ich sehr lustig fand. Nun bin ich für ein Jahr „Bremer Kohlkönigin“ und muss mich erst nochmal schlau machen, was diese Regentschaft überhaupt bedeutet – bis auf die Tatsache, dass ich meinem Publikum, als ich die so genannte Kohl-Krone aufgesetzt bekam, versprochen habe für Recht und Ordnung zu sorgen. Allerdings nur im fiktionalen Bereich. Die Ehrung kommt von der Bremer Landesvertretung in Berlin, die sehr hochkarätige Leute nominiert. Sven Regener war mein Vorgänger. Die meisten allerdings waren Politiker, das muss man jetzt mal sagen. Man ist erst in letzter Zeit so mutig geworden, einen Künstler zum Repräsentanten des Bundeslandes Bremen zu machen. Außerdem gab es in diesem Amt nun schon mehrere Frauen, unter anderem Hannelore Kraft. Als Künstlerin und Frau bin ich jetzt ganz weit vorne.

„Nachtsicht“ läuft am 12. März um 20.15 Uhr im Ersten.

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