„Oktoberfest 1900“

Verbrechen, Machtkämpfe, Intrigen: So hart ging es auf dem Oktoberfest 1900 zu

Bringt mit seiner gigantischen Bierburg die alteingesessenen Münchner Brauereien ins Schwitzen: der Nürnberger Brauer Curt Prank (Mi?el Mati?evi?).
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Bringt mit seiner gigantischen Bierburg die alteingesessenen Münchner Brauereien ins Schwitzen: der Nürnberger Brauer Curt Prank (Mi?el Mati?evi?).

Das Oktoberfest 2020 fällt aus - nicht aber im Ersten. Die Eventserie „Oktoberfest 1900“ spürt der Vergangenheit der Wiesn nach - mit großen Familiendramen, einem machthungrigen Zuagroasten und beeindruckender Atmosphäre.

Bis das Oktoberfest in München abgesagt wird, muss einiges passieren. In 210 Jahren Historie des Festes, das in der ganzen Welt bekannt ist, taten der Feierlaune einzig Kriege, Cholera und die Inflation in den 1920er-Jahren einen Abbruch - bis das Coronavirus die Welt überrollte und eine Wiesn 2020 unmöglich machte. Ganz ohne ihr geliebtes Oktoberfest müssen aber weder die Münchner noch alle zuageroasten Feierwütigen auch in diesem Jahr nicht auskommen. Die sechsteilige Serie „Oktoberfest 1900“ blickt ab Dienstag, 15. September, nicht nur in die Vergangenheit des Volksfestes, sondern lässt auch das pulsierende München um die Jahrhundertwende aufleben. Bereits ab Dienstag, 8. September, sind die Folgen in der Mediathek zu sehen.

Bis einander jedoch vor dem Fernseher zugeprostet werden darf, um dem historischen Oktoberfest beizuwohnen, geht einige Zeit ins Land. Regisseur Hannu Salonen lässt seinen Drehbuchautoren Ronny Schalk („Dark“) und Christian Limmer viel Raum zur Charakterzeichnung, was sich mit zahlreichen ambivalenten Rollen mit teils imponierender Tiefe bezahlt macht. Besonders Mi?el Mati?evi?, der bereits in „Babylon Berlin“ den charismatischen Bösewicht gab, stiehlt als fränkischer Bierbaron Curt Prank allen die Show. Moralisch korrumpiert, größenwahnsinnig und ohne Rücksicht auf Verluste will sich der Nürnberger Brauer seinen großen Traum erfüllen: eine „Bierburg“ auf der Wiesn mit Platz für 6.000 Gäste.

Großinvestor vs. Traditionsbetrieb

Dafür ist es ihm sogar ein willkommenes Mittel zum Zweck, dem blasierten Widerling Anatol Stifter (Maximilian Brückner) die Hand seiner hübschen Tochter Clara (Mercedes Müller) zu versprechen. Die junge Dame hat jedoch ihren ganz eigenen Kopf - sehr zum Leidwesen Colina Kandels (Brigitte Hobmeier), die auf Geheiß Pranks auf Clara aufpassen soll. Unter der Machtgier des Wiesnvisionärs zu leiden hat aber vor allem die alteingesessene Brauerfamilie Hoflinger um Patriarch Ignatz (Francis Fulton-Smith) und seine Ehefrau Maria (Martina Gedeck).

Wirtschaftlich stehen die Hoflingers mit dem traditionellen Deibel Bräu in Giesing mit dem Rücken zur Wand. Hohe Schulden nehmen der Familie die Luft zum Atmen, einzig der Budenplatz auf der Wiesn gibt Anlass zur Hoffnung. Auch intern kriselt es: Der älteste Sohn der Famlie, Roman (Klaus Steinbacher), will expandieren und auch Bier in Flaschen verkaufen, um mehr Kunden zu erreichen. Für Familienoberhaupt Ignatz kommt dieses Aufbegehren einem Affront gleich. Der sensible Feingeist Ludwig (Markus Krojer) träumt hingegen von einer Ausbildung an der Kunstakademie, statt in der Familienwirtschaft hinter dem Tresen zu stehen - erst recht, nachdem ihm der Schwabinger Maler Gustav Fierment (Vladimir Burlakov) den Kopf verdreht.

Packende Reise in die Vergangenheit

Von der ARD als „High-End-Serie auf internationalem Niveau“ angepriesen, wird „Oktoberfest 1900“ den hohen Erwartungen in der Tat gerecht. Dank großartiger Kulissen - die Wiesn wurde auf einem alten Prager Güterbahnhof nachgestellt - und einem stimmigen Kostümbild fühlt man sich in die Zeit um die Jahrhundertwende zurückversetzt. Dann kontrastieren pompöse Stadtvillen mit Springbrunnen im Garten, dekadenter Empfangshalle und brav arbeitendem Hauspersonal mit den schmutzigen Gassen des Arbeiterviertels Giesing und dem avantgardistischen Gebaren der Schwabinger Bohème bei ihren Partys in schmucken Altbauwohnungen.

Aufgebrochen werden die Rollenbilder der bodenständigen Giesinger und exaltierten Schwabinger schließlich durch die Hoflinger-Brüder: Während sich Roman ganz in der Tradition von „Romeo und Julia“ in die scheinbar unerreichbare Clara verliebt, entdeckt Ludwig sich und seine Sexualität in der Kunstszene Schwabings. „Wir haben alles, was damals politisch oder im Kunstbereich Münchens interessant war oder die Großfamilien, das Magistrat und das liberal-republikanische Dasein anging, recherchiert und daraus unsere Geschichte entwickelt“, beschrieb Drehbuchautor Ronny Schalk die Genese der Serie bei einem Settermin im vergangenen Jahr.

Auch in der Figurenzeichnung ließ man sich von realen Vorbildern inspirieren. Als Vorlage für Curt Prank diente der Nürnberger Wiesnwirt Georg Lang, der 1898 das erste Mega-Bierzelt errichtete und mit dem „Prosit der Gemütlichkeit“ auch musikalisch seine Spuren hinterließ. Das Biermadl Colina Kandl, überzeugend verkörpert von der Münchner Schauspielerin Brigitte Hobmeier, ist angelehnt an das Leben von Coletta Mörlitz, die anno dazumal als erstes bayerisches Pin-up-Girl von sich reden machte.

Gangsterdrama trifft Historienstück

Dieses Zusammenspiel aus historischer Genauigkeit, künstlerischer Freiheit und einem Füllhorn an gesellschaftlichen Reizthemen der damaligen Zeit zeichnet „Oktoberfest 1900“ aus. Sein Übriges tut der gekonnt getimte Wechsel zwischen Genreelementen: Neben klassischem Familien- und Historiendrama finden sich mit zahlreichen Aufnahmen nebelverhangener Gassen auch Kennzeichen des Film noir. Hinzukommen explizite Gewaltexzesse in der Tradition des Gangsterdramas, die trotz ihrer Drastik die Handlung vorantreiben und nicht nur zum Selbstzweck inszeniert sind. „Der Film muss nach etwas schmecken, nach etwas riechen, man muss das Derbe spüren“, betonte Hannu Salonen. Ziel erfüllt.

Zu wütenden Protesten führte die Darstellung in der Serie hingegen bei den heutigen Wiesnwirten. Dem Bierkrieg, den Prank in der Inszenierung gegen die alteingesessenen Münchner Brauer führt - samt Intrigen und ohne moralischen Skrupel, schrieb Christian Schottenhamel gegenüber der „Bild“ „rufschädigendes“ Verhalten zu. Ähnlich sieht es Wiesn-Chef Clemens Baumgartner, der urteilte: „Ein Oktoberfest nur auf ein machtbesessenes Milieu zurückzudrehen, um Publikum zu generieren, ist total daneben und unverfroren.“

Das Erste zeigt „Oktoberfest 1900“ in Doppelfolgen am Dienstag, 15. September, Mittwoch, 16. September, und Mittwoch, 23. September, jeweils ab 20.15 Uhr. Bereits ab Dienstag, 8. September, gibt es alle Episoden in der ARD Mediathek zu sehen.

teleschau

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