Der Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ spiegelt das Nachkriegsfernsehen am deutschen Kriegstrauma

„Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben“

+
Der Quizmaster, Schauspieler und Conferencier Hans Joachim Kulenkampff in seiner erfolgreichen Quiz-Sendung „Einer wird gewinnnen“. Kandidaten aus acht Ländern beschworen eine neue Zeit herauf.

Der Dokumentarfilm von Regina Schilling („Titos Brille“) zieht Parallelen zwischen der Verdrängungslust der Nachkriegsdeutschen und ihren geliebten Samstagabendshows.

Die Schuhe des Showmasters waren das Letzte, auf das man geachtet hätte. Wer wusste auch, dass sich darin Hans-Joachim Kulenkampffs Füße ohne vier im Krieg selbst abgeschnittene Zehen verbargen? Er hatte seine Füße auf diese Weise an der russischen Ostfront vor dem Frostbrand geschützt. Nur die Mutter der Autorin des Dokumentarfilms „Kulenkampffs Schuhe“ (Mittwoch, 8. August, 22.30 Uhr, ARD) achtete beim Quiz „Einer wird gewinnen“ auf die Kleidung. Regina, ihre jüngste Tochter, liebte vor allem die Spiele, durch die sich die Kandidaten aus acht Ländern schlugen: Stoffe erraten, Hochprozentiges den dazugehörigen Ländern zuordnen, solche Sachen. Am Ende kam immer Martin Jente als Butler, der „Kuli“ Hut und Mantel reichte. Dass Jente mal SS-Hauptscharführer war, kam erst viel später ans Licht. - Regina Schillings aufwendig recherchierter, jedoch mit leichter Hand servierter Kompilationsfilm bringt die Erkenntnis, dass die Fernsehunterhaltung der Nachkriegsära auf rührende Weise darum bemüht war, die Deutschen von ihrem Kriegstrauma zu befreien.

Kuli mit seinem Quiz „Einer wird gewinnen“ (ab 1964, dann noch einmal in den 80-ern) gilt dabei die meiste Aufmerksamkeit. Er war ja auch der Beste in all seiner Lässigkeit und seiner Unverdrossenheit, wenn es darum ging, spitzzüngig und ein wenig schräg an die Greuel des Krieges zu erinnern und alles Militärische auf die Schippe zu nehmen. Längst nach dem Ende von „EWG“ zeigte er sich in Talkshows noch darüber beglückt, dass er als Theatermensch nur noch ein Tourneewägelchen und keine Kanone mehr wie im Krieg hinter sich herziehen musste.

Doch im Kern geht es im Film, der fast ausschließlich aus privatem und international zusammengetragenem Archivmaterial besteht, um das unglückliche Leben des Vaters der 1962 geborenen Autorin. Nie hatte er nach dem Krieg über seine offensichtlich traumatischen Kriegserlebnisse gesprochen. Nicht mit den Kindern, aber auch nicht mit der Mutter. Immer wieder fragt sich Regina Schilling, die Autorin, im Film: Was hatte er damals gemacht, was dachte er, wenn sie an Samstagabenden in der Familienrunde „frisch gebadet“ vor dem Fernseher saßen bei „Einer wird gewinnen“, bei der „Peter-Alexander-Show“ oder, später, bei Hans Rosenthals „Dalli Dalli“? Er bei Bier und Zigaretten, die Mutter bei einem Gläschen „süßen Mosels“.

Indem sie sich an ihre glücklichen Samstagabende und die gewissermaßen zur Familie gehörigen Showmaster erinnert - Kulenkampff wurde 1921, der Vater 1925 geboren, wie Hans Rosenthal, der als Jude in einer Berliner Laube überlebte -, erzählt die Autorin zugleich viel vom eigenen Familienleben. Der Vater ist als Drogist in eine Nachkriegskarriere verstrickt, risikoverhaftet und nun noch einmal höchst gestresst im Hamsterrad des Wirtschaftswunders. Gestresst fast so wie im Krieg, in dem er zuletzt in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet.

Ein seltsamer Zufall will es, dass es ein Fernsehspiel aus dem Jahr 1970 gibt (von Eugen Monk), in dem Horst Tappert einen Drogisten im weißen Mantel spielt, der in der freien Marktwirtschaft im Kampf gegen neue Konzerne untergeht. Tappert spricht seinen Text, als wäre er von Schiller. Absolut sensationell, dass es mal sowas gab. Und welche Parallele.

Früh wird preisgegeben, dass der Vater in einem Sanatorium einem Herzinfarkt erlag. Folgen eines posttraumatischen Belastungssyndroms? Der Film legt es jedenfalls nahe. Wie sollte auch das HB-Männchen aus der Fernsehwerbung vor Ungemach schützen, oder gar Persil, das alles immer so weiß machte, im Fernsehen von flotter Marschmusik grundiert. Aufstieg und Fall einer Familie, stets von Unterhaltungsshows und Werbung indirekt kommentiert. Maria Schrader vereint im etwas zu überbordenden Kommentar die Zeiten und die Perspektiven mit ihrer jugendlich wirkenden Stimme. Und hinter allem der bedauernde Vorwurf des Verschweigens.

Trotz allen Archivmaterials aus verschiedenen Fernsehzeiten liefert die Autorin eine sehr persönliche Sicht auf die Dinge. Am Ende, wenn Kuli seinen von Martin Jente gereichten Mantel überstreift und von dannen geht, zitiert Maria Schraders Stimme einen der schrecklichsten Texte in deutscher Sprache: Hitlers Rede an Hitlerjugend-Leiter, gehalten im Dezember 1938, in der er die fortdauernde Umerziehung Unwilliger proklamiert - kulminierend in der Drohung: „Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ Der Satz wird zum nachdenklichen Nachruf auf den Vater. Kein Zweifel, dass er für eine ganze Generation von Showmastern und deren Zuschauer gelten kann.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare