„Türkisch für Anfänger“-Schauspieler

Adnan Maral im Interview: „Türken und Deutsche sind beide Spießer“

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Deutscher als die Deutschen? In seiner ersten selbstproduzierten TV-Komödie „Zaun an Zaun“ spielt Adnan Maral den ordnungsliebenden Bauleiter Kenan (Adnan Maral), der sich akribisch auf ein deutsches Grillfest vorbereitet.

Adnan Maral, der Vater aus „Türkisch für Anfänger“, produziert ab sofort Culture Clash-Komödien. Kann man so das Verständnis zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und „Biodeutschen“ wirklich verbessern?

Culture Clash-Filme sind angesagt in Deutschland. Kein Wunder, spiegeln sie doch eines der großen Themen unserer Zeit wider: Wie wollen wir, mit unterschiedlichen Wurzeln ausgestattet, gemeinsam leben? Schauspieler und Politaktivist Adnan Maral gründete nun eine Produktionsfirma, um Filme mit „Migrationsvordergrund“ zu drehen. In seiner ersten Komödie „Zaun an Zaun“ (Freitag, 19. Mai, 20.15 Uhr, ARD) spielt der 1968 geborene Deutsch-Türke seine Paraderolle aus „Türkisch für Anfänger“ fast noch einmal: Jenen türkischen Vater, der deutscher sein will als die Deutschen selbst. Ganz im Gegensatz zu seiner Nachbarin, der von Esther Schweins verkörperten „Biodeutschen“, die von südländischem Temperament geprägt ist. Maral, der mit seiner Schweizer Frau Franziska drei Kinder hat, ist allerdings überzeugt, dass sich gerade Türken und Deutsche viel ähnlicher sind, als beide glauben.

nordbuzz: Was wollen Sie als Schauspieler, der seine Filme auch selbst produziert, anders machen?

Adnan Maral: Wir wollen bei Yalla Productions Filme mit Migrationsvordergrund produzieren. Wir haben selbst einen Hintergrund mit Migration, holen den aber nach vorne.

nordbuzz: Was heißt für Sie Migrationsvordergrund?

Maral: Dass wir uns mit dem, was da im Hintergrund an Kultur, Prägung, Klischees und Konflikten mitschwingt, in den Filmen auseinandersetzen. Nehmen wir die Komödie „Zaun an Zaun“. Da spiele ich einen verwitweten türkischstämmigen Typen, der sich total deutsch fühlt. Dem aber alle sagen, dass er eine türkische Frau finden soll ...

nordbuzz: Sogar seine erwachsenen Kinder wollen das!

Maral: Ja, auch das ist ein kleiner, humoristischer Wink mit wahrem Hintergrund. Viele Deutschtürken der dritten und vierten Generation sind türkischer als ihre Eltern.

nordbuzz: Warum?

Maral: Weil junge Deutschtürken oft das Gefühl haben, von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden. Anders als vielleicht ihre Eltern fordern sie diese Akzeptanz jedoch ein. Unsere Gesellschaft redet viel vom Tolerieren. Tolerare ist Latein und heißt erdulden. Es ist ein komischer Begriff für etwas, wo es doch darum geht, dass man andere Menschen so wie sie sind akzeptiert: mit türkischen Wurzeln, aber hier geboren. Wer sich erduldet fühlt, in einem Land, in dem man geboren und aufgewachsen ist, fühlt sich nicht richtig zugehörig. Dann sucht man sich eine neue Identität.

nordbuzz: Die dann vielleicht an etwas Altes anknüpft. Das gleiche Prinzip, das in einer radikalen Form, für Islamismus aus Deutschland sorgt?

Maral: Mangelnde Akzeptanz setzt immer negative Energie frei. Ob sie nun mit Religion zu tun hat oder nicht. Ich glaube sogar, dass die Bedeutung des Islam bei der ganzen Integrationsdebatte überschätzt wird.

nordbuzz: In diesem Jahr liefen zur besten Sendezeit TV-Komödien wie „Kommissar Pascha“ oder „Dimitrios Schulze“, die sich ebenfalls mit Migrationshintergrund auseinandersetzten. Macht Ihnen das Hoffnung?

Maral: Durchaus, es tut sich im Fernsehen gerade eine Menge. Früher spielte man mit türkischem Aussehen und Namen fast immer einen Klischee-Türken. Mittlerweile wird es besser, wobei ich sagen muss, dass gerade „biodeutsche“ Autoren solchen Charakteren immer noch zu viel Rechtfertigungsdialoge ins Drehbuch schreiben. Jeder Mensch ist einzigartig und mit einer tollen Geschichte ausgestattet. Keiner ist ein Klischee. Ich finde es rassistisch und dumm, wenn Charaktere oder auch echte Menschen vor allem nach ihrer Herkunft eingeschätzt und wegsortiert werden.

nordbuzz: Stoßen Sie mit Ihrer Produktionsfirma auf offene Ohren, wenn Sie sagen, Sie wollen Filme mit Migrationsvordergrund drehen?

Maral: Durchaus, das Thema interessiert die Fernsehmacher. Es ist einfach eines der wichtigen Themen dieser Zeit. Zumindest die ARD Degeto sieht das so. Wir haben mit unserer Firma das Alleinstellungsmerkmal, dass wir uns speziell dieses Thema auf die Fahnen geschrieben haben. Derzeit haben wir noch einen Kinofilm und zwei TV Movies in der Entwicklung.

nordbuzz: Und Sie spielen in allen Filmen mit?

Maral: (lacht) Nein, das muss nicht sein. Mal so, mal so. Wobei es natürlich Vorteile bietet und Spaß bringt, einen Stoff, den man entwickelt, gleich im Spiel ausprobieren zu können.

nordbuzz: Nun erinnert Ihre Rolle in „Zaun an Zaun“ an „Türkisch für Anfänger“, wo sie ebenfalls einen türkischen Spießer spielten, der im Prinzip deutscher ist als die Deutschen. Sicher kein Zufall, oder?

Maral: Es gibt eine Erkenntnis, die sich bei mir immer mehr durchsetzt. Türken und Deutsche haben eine große Sache gemeinsam, sie sind beide Spießer. Sie lieben zum Beispiel beide Marken wie Mercedes. Weil sie denken, dass sich dahinter gute Qualität und Zuverlässigkeit verbirgt. Derlei Werte sind Deutschen und Türken viel wichtiger als einer Menge anderen Nationen. Viele Deutsche wissen nicht, dass Türken wahnsinnig fleißig und rechtschaffen sind. Viele entsprechen dem Klischee, das die Schwaben in Deutschland haben: Sie arbeiten gern, sie sind sparsam, prinzipientreu und konservativ. Türken tendieren gar dazu, ziemlich bürokratisch zu sein. Es gibt unfassbar viele Gemeinsamkeiten, glauben Sie mir das.

nordbuzz: Ein dankbarer Stoff für Komödien!

Maral: Ja, deshalb finde ich auch den Begriff Culture-Clash-Komödie nicht passend. Wir machen eher Cross-Culture-Filme. Culture-Clash suggeriert, dass da zwei Welten aufeinanderprallen. Im wirklichen Leben prallen wir aber in den seltensten Fällen aufeinander. Wenn sich zwei Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund unterhalten, befruchten sie sich doch gegenseitig. Wenn man mir als Kenan im Film unterstellt, dass ich Tee trinken und eine türkische Frau finden muss, und ich dann sage: „Ich hasse Tee!“ und „Warum muss ich eine Türkin heiraten?“, dann setzt man sich mich mit diesen Bemerkungen auseinander. Da knallt nichts! Wir reden nur und lernen voneinander.

nordbuzz: Hinkt die alte Idee, dass türkische und deutsche Kultur unvereinbar sind, der Gegenwart hinterher?

Maral: Ich finde, ja. Bei den meisten Deutschtürken clasht nichts. Die fühlen sich in ihrem Selbstverständnis angekommen und wohl. Integrieren müssen wir die Flüchtlinge, die neu in unser Land gekommen sind. Die, die hier geboren wurden und schon immer hier leben, müssen nicht integriert werden. Die wünschen sich nur Akzeptanz.

nordbuzz: Sie arbeiten nicht nur als Schauspieler und Produzent, sondern sind auch ein politischer Botschafter. Mit dem ehemaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier reisten sie mehrmals in die Türkei. Die politische Entwicklung dort muss Sie ungemein frustrieren.

Maral: Unsere Mission des Werbens füreinander geht trotzdem weiter. Momentan eben ein bisschen einseitiger. Die Ernst-Reuter-Initiative des Auswärtigen Amtes, die deutsch-türkische Zusammenarbeit in Kunst und Kultur fördert, ruht gegenwärtig. Natürlich finde ich das schade, denn wir hatten einen tollen Anfang. Es gibt zum Beispiel am Bosporus eine Universität, an der Deutsche und Türken gemeinsam studieren. Teilweise mit Stipendien, die man von beiden Ländern erhalten kann.

nordbuzz: Kann man sagen, dass Sie mit Frank-Walter Steinmeier befreundet sind?

Maral: Ja, das kann man sagen. Ich habe ihn auch bei seiner Kandidatur für das Bundespräsidentenamt unterstützt. Ich glaube, dass er der richtige Mann dafür ist. Er ist auch ein guter Typ, ich kenne ihn und seine Familie auch privat. Wir schreiben uns öfter. Nun hoffe ich, dass er mit seiner Erfahrung und der ruhigen, beharrlichen, ostwestfälischen Art auch die deutsch-türkische Sache wieder ein bisschen voranbringt.

nordbuzz: Aber machen es Ihnen Erdogan und seine Politik nicht unendlich schwer, für das Türkische in Deutschland zu werben?

Maral: Ich will ja gar nicht für das Türkische werben, ich bin ja Deutscher. Natürlich tut es mir auch weh und es behindert unsere Arbeit, dass sich die Gesellschaft dort in zwei Gruppen gespalten hat. Jene, die Erdogans Weg unterstützt, und jene, die ihn kritisiert. Ich würde mir das ganz anders wünschen. In der Weltpolitik sind gegenwärtig viele Spalter unterwegs, es wird viel Aggression geschürt. Auf Dauer gibt es zum Weg des Ausgleiches aber keine Alternative.

tsch

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