„Greyhound“

Tom Hanks jagt deutsche U-Boote und hat keine Zeit für Zweifel

Als U-Boot-Kapitän Ernest Krause soll Tom Hanks in "Greyhound" während des Zweiten Weltkriegs in den rauen Gewässern des Atlantiks Handelsschiffe vor den Angriffen deutscher U-Boote schützen.
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Als U-Boot-Kapitän Ernest Krause soll Tom Hanks in „Greyhound“ während des Zweiten Weltkriegs in den rauen Gewässern des Atlantiks Handelsschiffe vor den Angriffen deutscher U-Boote schützen.

Tom Hanks soll im Zweiten Weltkrieg für sicheres Geleit über den Atlantik sorgen. Doch nicht nur deutsche U-Boote torpedieren seine Mission bei Apple TV+.

Der Ozean ist groß, die Explosionen sind meistens weit weg. Und dennoch treffen sie Ernest Krause ins Mark. Der Kapitän der US-Navy soll auf seiner ersten Mission dafür sorgen, dass ein Konvoi aus 37 Handelsschiffen unbeschadet den Nordatlantik überquert. Das ist im Februar 1942 alles andere als einfach: Deutsche U-Boote warten darauf, die alliierte Versorgungslinie zwischen den USA und Großbritannien zu torpedieren. Die Schlacht ist unvermeidlich.

Zweiter Weltkrieg, eine Fahrt ins Ungewisse, die Schlacht um den Atlantik, Entbehrungen auf hoher See - Potenzial für einen Kinofilm hat der Stoff allemal. „Greyhound“ sollte auch im Kino laufen, doch die Corona-Pandemie hat den Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle zu Apple TV+ gespült, wo er ab 10. Juli zu sehen ist. Der iPhone-Konzern ließ sich das Spektakel angeblich rund 70 Millionen US-Dollar kosten.

„Greyhound“ beruht auf einem überaus erfolgreichen Roman, den der britische Schriftsteller C. S. Forester in den 1950er-Jahren unter dem Originaltitel „The Good Shepherd“ („Der gute Hirte“) verfasste. Im Buch ist Krause hin- und hergerissen zwischen Pflichtbewusstsein und Müdigkeit, zwischen äußerer Stärke und inneren Zweifeln, zwischen Menschlichkeit und Überlebensinstinkt. Er will ein guter Hirte sein für seine Männer, droht aber an den eigenen Ängsten zu scheitern.

„Was Sie gestern entschieden haben, hat uns das Heute geschenkt“, versucht Navigator Charlie Cole (Stephen Graham) seinen Kapitän aufzumuntern. Da hat Ernest Krause zwar schon ein deutsches U-Boot versenkt, aber auch eine Handvoll eigene Schiffe verloren.

Tom Hanks ist überall

Der Kapitän ist ein Zweifler, er weiß nicht, ob er seiner Aufgabe gewachsen. Schließlich hat ihm die Navy jahrelang kein Kommando überlassen. Erst der Krieg brachte den altgedienten Offizier als Chef auf die Brücke. Und dann ist seine erste Mission auch noch eine ausgesprochen heikle.

Fünf Tage lang ist der Konvoi auf dem Atlantik auf sich selbst gestellt, Unterstützung aus der Luft kann es nur in Küstennähe geben. Das wissen die Deutschen natürlich, auch wo sie ihre U-Boote zum Rudel formieren müssen, um anzugreifen. Sie fackeln nicht lange.

Dass Krause selbst nicht vollends überzeugt ist, der richtige Mann auf dem richtigen Posten zu sein, bleibt auch der Crew nicht verborgen. Dass sich Tom Hanks den Film selbst auf den Leib geschrieben hat, das sieht man in jeder Einstellung. Der Kapitän ist allgegenwärtig, er funktioniert wie ferngesteuert, manchmal kann man ahnen, dass er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen fühlt. Der Mann kann trotz Übermüdung nicht schlafen, sein Essen rührt er nicht an, alle Entscheidung trifft er mit zweifelnden Blicken.

Wenn schon der Chef kein Selbstbewusstsein hat, wie soll dann die Crew ans Überleben glauben? Seine Anweisungen führen die Männer trotzdem aus, Befehle sind Befehle. Krauses taktische Manöver führen in der ersten Feindbegegnung tatsächlich zum Erfolg. In einer spannenden Jagdszene wagt er die Flucht nach vorne, stellt ein U-Boot mit unkonventionellen Methoden und versenkt es.

Triage auf hoher See

Krieg ist ein tödliches Geschäft, das wird Krause in diesem Moment das erste Mal richtig bewusst. Und auch wie wichtig es ihm ist, seinem moralischen Kompass zu folgen. Während die Mannschaft 50 tote „Krauts“ bejubelt, hat Krause Mitleid mit 50 verlorenen Seelen. Aber nur kurz, denn eine Verschnaufpause haben weder die deutschen U-Boote noch Regisseur Aaron Schneider vorgesehen, der „Greyhound“ mit voller Kraft vorausfahren lässt. Er hat ja auch nur 90 Minuten zur Verfügung, da bleibt nicht viel Raum für innere und äußere Konflikte.

Die meiste Zeit, das muss man dem durchaus ansehnlichen Schlachtspektakel vorwerfen, werden Kommandos gebrüllt und wiederholt: „Steuer hart links“, „volle Kraft voraus“, „Feuern auf Sicht“. Was soll man auch machen, wenn immer irgendwo ein U-Boot auftaucht oder ein Torpedo heranrauscht und zwar nicht die „Greyhound“, aber die wenigen nachdenklichen Momente versenkt.

Etwa wenn Ernest Krause entscheiden muss, ob er eine Handvoll Männer aus dem Ozean retten oder den nächsten Angriff abwehren soll. Oder Tom Hanks etwas ins Drehbuch geschrieben hat, was heutzutage als Fake News gilt: Nämlich dass ein US-amerikanisches Schlachtschiff nur dann nicht sinkt, wenn der Kapitän etwas von internationaler Zusammenarbeit versteht.

teleschau

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