Hollywoodstar auf den zweiten Blick

20. Todestag: Erinnerung an James Stewart

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James Stewart spielte in mehreren Hitchcock-Filmen, darunter „Cocktail für eine Leiche“ (1948).

Sein Gesicht vergisst man nie: James Stewart ist vor 20 Jahren verstorben.

„For he shall give his angels charge over thee to keep thee in all thy ways - Gott hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten, wohin du auch gehst.“ Die Inschrift auf James Stewarts Grab auf dem privaten Friedhof Forest Lawn Memorial Park Cemetery in Glendale, Kalifornien, entstammt dem Psalm 91 und ist einer der am häufigsten zitierten Bibelsprüche überhaupt. James, „Jimmy“, Stewart hätte das sicherlich so gefallen. Das Exaltierte und Außergewöhnliche war nie die Sache des Schauspielers, der in seiner Karriere immer wieder den typischen Durchschnittsamerikaner verkörperte und dabei eher widerwillig in die Rolle des Weltstars geriet. James Stewart ist vor genau 20 Jahren, am 2. Juli 1997, im Alter von 89 Jahren in seiner Wahlheimat Beverly Hills an einer Lungenembolie und einem damit einhergehende Herz-Kreislauf-Versagen verstorben. Sein Name, sein ehrliches Gesicht und die meisten seiner Filme werden den Filmfans für immer unvergessen bleiben.

Eigentlich entsprach er so gar nicht dem geschmeidigen Gentlemen-Typus, der Mitte der 30er-Jahre die großen Leinwände dominierte. James Stewart war kein cooler Held und Herzensbrecher wie etwa Errol Flynn, Gary Cooper und Clark Gable. Stattdessen überzeugte er durch ein bescheidenes Auftreten und sein überragendes Spiel. Genau diese Attribute waren es auch, die „Jimmy“ zu einer glanzvollen Karriere verhalfen. Bis zu seinem Tod 1997 wirkte Stewart in 70 Hollywoodproduktionen mit und blieb stets seinem Image als aufrechter, untadeliger Amerikaner treu.

„Halt den Mund und hau ab!“, forderte das Publikum den Sohn eines Eisenwarenhändlers an einer Studentenbühne in Princeton auf. Aber wohin? Natürlich hätte sich der am 20. Mai 1908 in Indiana, Pennsylvania, geborene Stewart gerne in den Architektenberuf gestürzt, doch sein Studium fiel schließlich den mangelnden Leistungen im Fach Mathematik zum Opfer. So kehrte der 1,92-Meter-Schlaks der Elite-Uni den Rücken und versuchte am Broadway Fuß zu fassen. Doch dem dürren, jungenhaft wirkenden Stewart wurden aufgrund seiner kargen Gestik und seiner schleppenden Sprache eher Trottel- denn Traumrollen zugeteilt.

Nach seiner Entdeckung durch den Regisseur Frank Capra, der 1938 keinen anderen für die Hauptrolle in „Lebenskünstler“ wollte - er erkannte sofort den hintergründigen Charme des bodenständigen Schauspielers - fasste James Stewart in Hollywood Fuß. Bald schon erhielt er für seine Darstellung in Capras Gesellschaftssatire „Mr. Smith geht nach Washington“ seine erste Oscar-Nominierung. Er spielt einen naiven, unbescholtenen Bürger, der plötzlich in den Senat berufen wird und dort der allgegenwärtigen Korruption begegnet. Eine Rolle, wie für ihn geschaffen.

Einstreichen konnte er den Goldjungen schließlich 1941 als bester Schauspieler in „Die Nacht vor der Hochzeit“, so überzeugend hatte er den aufdringlichen Reporter Macaulay Connor verkörpert. Besonders oft wurde Stewart in dieser Zeit für pfiffige Screwball-Komödien wie „Rendezvous nach Ladenschluss“ engagiert, die 1998 mit Tom Hanks und Meg Ryan neu verfilmt wurde. Mit dem Zweiten Weltkrieg erfuhr seine Traumkarriere allerdings eine jähe Zäsur - der patriotische Stewart wurde in die Armee berufen und stieg sogar bis zum Brigade-General der United States Air Force auf.

Obwohl die Hollywoodlegende daran zweifelte, nahm ihre Karriere nach dem Krieg wieder volle Fahrt auf. Vielmehr sollten die Höhepunkte seines Schauspieler-Daseins in diesen Jahren erst noch folgen, wenn Stewart in harten Western und düsteren Suspense-Thrillern seinen Mann stand. Die Bescheidenheit blieb ihm ein Leben lang erhalten. „Ich denke, die Leute können sich gut mit mir identifizieren - während sie davon träumen, John Wayne zu sein“, pflegte er zu scherzen.

Den zweifelnden Blick in die Ferne gerichtet, die Stirn in Falten gezogen: Man sah James Stewart seine Besorgnis an, wenn er als Anwalt „Hawkins“ der Wahrheit auf der Spur war, man spürte seine moralische Integrität, wenn er als schüchterner Liebhaber die (Film)-Frauen in seine Arme schloss. Alfred Hitchcock blieb einer der wenigen, die Stewarts darstellerische Klasse ausschöpften. In „Fenster zum Hof“ lässt er ihn einen Voyeur im Rollstuhl spielen, in „Vertigo“ mutiert er vom anständigen Durchschnittsbürger zum todesmutigen Desperado. „Es ist viel einfacher, einen Heroinsüchtigen zu spielen, der auf Entzug ist, als jemanden, der ein Zimmer betritt und 'Hallo' oder 'Ich liebe dich' sagt“, offenbarte Stewart einst.

Das Privatleben des Multimillionärs, der seinen Reichtum eher Aktien und Wertanlagen verdankte als der Schauspielerei, ging als eines der unspektakulärsten und ausgeglichensten in die Geschichte Hollywoods ein. 1949 heiratete er das ehemalige Fotomodell Gloria, das bereits zwei kleine Söhne aus erster Ehe hatte. Selbst der Tod seines erst 24-jährigen Adoptivsohnes Ronald im Vietnamkrieg ließ den erzkonservativen Republikaner nicht an seinen Grundwerten zweifeln. „Ich glaube an die Sache, für die er gestorben ist“, verkündete der anti-kommunistisch eingestellte Stewart. Trotz dieses Verlusts sah der seit den 50er-Jahren Toupet tragende Hollywoodstar am Ende auf ein langes und erfülltes Leben zurück. Einmal bekannte er: „Ich fände es schön, wenn die Leute mich als jemanden in Erinnerung behalten, der gut in seinem Job war und zu dem stand, was er sagte.“

ARTE wiederholt anlässlich des Todestages von James Stewart zwei klassische Western von von Anthony Mann zur besten Sendezeit: Am Montag, 3. Juli, 20.15 Uhr, ist „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952) zu sehen, am Sonntag, 9. Juli, 20.15 Uhr, folgt „Über den Todespass“ (1954).

tsch

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