ZDF-Talkshow

Theo Waigel bei „Markus Lanz: “Ich war die Nummer eins im Fadenkreuz der RAF"

"Selbst wenn ich mich umbringt, bringt ihr die Demokratie und die Staatsordnung nicht um": Theo Waigel erzählte von seiner Zeit im Fadenkreuz der RAF.
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„Selbst wenn ich mich umbringt, bringt ihr die Demokratie und die Staatsordnung nicht um“: Theo Waigel erzählte von seiner Zeit im Fadenkreuz der RAF.

Von 1989 bis 1998 war Theo Waigel Bundesfinanzminister.

In diese Zeit fiel auch die Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder durch die RAF. Wie der CSU-Politiker noch heute damit zu kämpfen hat und wie er mit der ständigen Bedrohung seiner eigenen Person umging, darüber sprach der 81-Jährige am Mittwochabend in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“.

„Sie waren auf der Gefährdungsliste der RAF ganz weit oben“, begann Gastgeber Markus Lanz das Gespräch. Dieser fing daraufhin an zu erzählen: Klaus Kinkel (FDP), der ehemalige Justizminister, habe ihn mehrmals nach Kabinettssitzungen zur Seite genommen und vor einem möglichen Angriff der RAF gewarnt. „Ich war die Nummer eins im Fadenkreuz der RAF“, stellte Waigel klar. Da die RAF aber nicht an ihn herangekommen sei, sei schließlich der Treuhand-Chef Detlev Rohwedder (SPD) 1991 erschossen worden. Auch wenn diese These bis heute nie eindeutig bestätigt wurde, belastet Waigel allein die Vorstellung bis heute sichtbar: „Das ist etwas, was mich zutiefst berührt, was ich mit seiner Frau und seinen Kindern besprochen habe, die mich da getröstet haben.“

„Wir hätten eine Mauer wiedererrichten müssen“

Doch warum schlug dem Treuhand-Chef und seiner Behörde überhaupt so viel Hass entgegen? Auch dieser Frage widmeten sich Lanz und sein prominenter Gast. Am Anfang, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, sei man nicht vollständig informiert gewesen über den wirklichen Zustand der Volkswirtschaft der DDR, erklärte Waigel. Das letzte Gutachten von Gerhard Schürer, dem letzten Chefvolkswirt der DDR, hätten Waigel und seine Kollegen, im Gegensatz zu Erich Honecker und Egon Krenz nicht gekannt. „Da hieß es, dass die DDR in einem Jahr pleite sein werde“, erinnerte sich Waigel.

Rohwedder sei anfangs davon ausgegangen, dass das Vermögen der DDR 500 Milliarden betrage und privatisiert werden könne. Tatsächlich seien aber 250 bis 300 Milliarden Deutsche Mark benötigt worden, um die Betriebe der DDR zu retten. Und um die Wettbewerbsfähigkeit der Produkte sicherzustellen, wäre es nötig gewesen, dass die Löhne im Osten nur etwa 30 Prozent der Löhne im Westen betragen.

„Völlig unmöglich!“, bekundete Waigel. „Wir hätten eine Mauer wiedererrichten müssen, um den Menschen den Weg von West nach Ost wieder zu versperren.“ Diese Voraussetzungen hätten natürlich eine ungeheure Wut bei den Menschen in der DDR verursacht. „Unser Fehler war vielleicht, dass wir den Menschen der DDR den Zustand der Volkswirtschaft, für den sie nichts konnten, nicht genügend erklärt haben“, überlegte Waigel weiter. Rohwedder jedenfalls habe versucht, alle Betriebe, die sanierungsfähig waren, mit so viel Kapital zu versorgen, dass sie existieren und saniert werden konnten.

„Wenn du weitermachen willst, dann darfst du keine Angst zeigen.“

Zuletzt sprach der Moderator mit seinem Gast über dessen Umgang mit der ständigen Bedrohung: „Kommt irgendwann die Leichtigkeit des Seins sozusagen wieder zurück?“, wollte Lanz wissen. Leichtigkeit sei es nicht, antwortete der Bayer, aber man könne damit umgehen. Man müsse sich selbst schlüssig sein: „Hast du Angst, dann musst du aufhören. Wenn du weitermachen willst, dann darfst du keine Angst zeigen.“ Die Leute, die ihn überwacht haben, hätten das großartig gemacht und er sei ihnen unendlich dankbar. Dasselbe gilt auch für seine Frau und seine Kinder, die die schwierige Situation über Jahre mitgetragen hätten. Man dürfe den Anarchisten nicht das Feld überlassen, erklärte Waigel zum Schluss. Man müsse ihnen entgegentreten und sagen: „Selbst wenn ich mich umbringt, bringt ihr die Demokratie und die Staatsordnung nicht um.“

Neben der Vergangenheit ging es bei „Lanz“ natürlich auch erneut um die Sorgen der Gegenwart: Gleich zu Beginn stellte Waigel die derzeitigen Coronahilfen ins Verhältnis. Für die deutsche Einheit habe man jährlich vier bis fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufgewendet und das über den Zeitraum eines Jahrzehnts, allein im Haushalt seien das 100 bis 150 Milliarden pro Jahr gewesen. „Die jetzige Krise wird nicht so lange dauern“, erklärte Waigel.

teleschau

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