Internet, kaputt

Wie gut war der „Tatort: Level X“ aus Dresden?

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„Tatort: Level X“ über Internet-Gurus: Henni Sieland (Alwara Höfels, links) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) befragten Social Media-Unternehmer Magnus Cord (Daniel Wagner, rechts) in seinen heiligen Hallen.

Taugt die Ersatzreligion Social Media dazu, junges Lebensglück herzustellen? Der „Tatort: Level X“ zur ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“ wollte dies feststellen. Die Antwort geriet etwas plump.

In Dresden spielt das Internet verrückt. Ein junger Social-Media-Aktivist wird vor laufender Kamera ermordet. In ihrem dritten Fall, der im Rahmen der ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“ lief, machte sich das Sachsen-Trio an ein interessantes Sujet heran - und scheiterte damit. Die Kommissarinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) sowie ihr Chef Schnabel (Martin Brambach) erreichten bestenfalls Level 5 von 10.

Was ist passiert?

Der 17-jährige Simson (Merlin Rose) ist „Prankster“: Er spielt Leuten Streiche, filmt diese und überträgt sie via eigenem Kanal ins Internet. So sahen Tausende, wie das Internet-Idol vor laufender Drohnen-Kamera starb. Die Kommissarinnen Sieland und Gorniak recherchierten mit ihrem Chef Schnabel in der ihnen kaum vertrauten Welt der Social-Media-Gurus und ihrer Jünger. Als Täter kamen unter anderem in Frage: ein diabolischer Internet-Unternehmer, ein Prankster-Konkurrent und ein geschändeter weiblicher Fan. Alle wirkten ein wenig ausgedacht.

Ergab die Story Sinn?

Nicht so richtig. Auch wenn es eine gute Idee war, die kommerzielle Social-Media-Szene wie eine Sekte um den in gestelzten Anglizismen redenden Guru Magnus Cord (Daniel Wagner) zu inszenieren - wenn das Böse so einfach zu detektieren wäre, würden ihm nicht so viele Menschen auf der Welt hinterherrennen. Auch dass gestandene Kommissarinnen einem tot in seinem Kunstblut liegenden Prankster (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) auf den Leim gehen, scheint ebenso unrealistisch wie ihre generelle Netz-Unkenntnis.

Wie spannend war der Fall?

Leidlich spannend. So modern Drehbuchautor Richard Kropf, auch Schöpfer der gefeierten deutschen Gangster-Serie „4 Blocks“ auf TNT Serie, seine Welt der Internet-Verführungen anlegen wollte, am Ende war es dann doch wieder ein Krimi aus der Kategorie „Cluedo“. Jenem Brettspiel, bei dem Tatwaffen, Verdächtige und Mordwerkzeuge in alter Agatha-Christie-Manier wie bei einem Rätsel-Baukasten hin- und hergeschoben werden. Der Täter wurde spät eingeführt, was meist nichts Gutes heißen will. Sein Motiv: eine geplante Beziehungstat, um den Nebenbuhler auszuschalten.

Wie blutig war die Folge?

Nicht besonders. Und wenn, dann kam Kunstblut zum Einsatz. Im „Tatort: Level X“ ging es um virtuelle Welten und eher seelische Grausamkeiten, die bekanntlich im Netz ein neues, jugendliches Epizentrum haben. Leider konnte das Böse in diesem Krimi nicht wirklich dingfest gemacht werden. Bis auf den unrealistisch fiesen Internetunternehmer waren ja alle ganz lieb. So zum Beispiel die jugendliche Internetgemeinde. Jenes Netzwerk, das beim wohl viel gravierenderen Problem des Cyber-Mobbings die Schwarmintelligenz des Bösen verkörpert. Okay, da gab es schon ein paar Fernsehspiele zum Thema. Bei „Level X“ waren am Ende jedoch realweltliche Rache und Eifersucht für den Tod des Internetstars verantwortlich.

Wo war Ralf Husmann?

Ralf Husmanm, Autor von „Stromberg“ oder „Vorsicht vor Leuten“, der wohl besten deutschen TV-Satire der letzten Jahre, ist normalerweise ein Garant dafür, dass man einen sehr guten bis exzellenten Film zu sehen bekommt. Was für ein Glück, dass der in Köln lebende Dortmunder als Headautor des neuen Dresdner „Tatort“ verpflichtet werden konnte. Vor allem beim in der Schlagerszene spielenden Sachsen-Team-Debüt „Auf einen Schlag“ lieferte Husmann ein Meisterstück ab. Auch Folge zwei „Der König der Gosse“ stammte aus seiner Feder. Mit „Level X“ sorgte nun erstmals ein anderer Autor für die Buchvorlage. Für den nächsten Dresden-„Tatort“, so heißt es, wäre der vielbeschäftigte Autor Ralf Husmann jedoch wieder mit an Bord.

Wie religiös war der „Tatort“?

„Level X“, man glaubt es kaum, war tatsächlich eine Auftragsarbeit des MDR zur ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“. Neben zahlreichen Dokus, die nach der schwindenden Rolle der Kirchen in der deutschen Gesellschaft fahnden, hat der „Tatort“ nicht so viel mit Kirche zu tun. Kann man so machen - schließlich geht es im Titel um Glauben und nicht um Kirche als solche. Leider arbeitete „Level X“ die religiösen Aspekte an der Verehrung von Internet-Stars kaum heraus. Gibt vielleicht auch nicht so viel her. Die Beziehungsstruktur zwischen Star und Fan haben sich im Virtuellen ja kaum verändert. Und Glauben ist mehr als nur Götzenverehrung.

Wie gut war der „Tatort“?

Die Darstellung der Social-Media-Szene geriet dem Kreativteam aus Autor Richard Kropf und Regisseur Gregor Schnitzler („Tatort: Der treue Roy“) eher künstlich. Die Spannungselemente wirkten willkürlich, die Tätersuche lief schematisch ab. Aus einer guten Grundidee wurde hier recht wenig gemacht. Auch der Humor, bei Ralf-Husmann-Folgen immer eine Bank, war beim dritten Streich des eigentlich gut funktionierenden Sachsen-Trios kaum vorhanden. Wir vergeben eine drei minus für das eigentlich spannend erdachte Thema, das an einer Ausarbeitung auf durchschnittlichem Level scheiterte.

tsch

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