Tatort: Kartenhaus - So. 28.02 - ARD: 20.15 Uhr

Wichtig ist auf der Mattscheibe

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Die Kölner Ermittler verschlägt es diesmal in ein unwirtliches Ambiente, von links: Freddy Schenk (Dietmar Bär), Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen).

Eine Grußbotschaft an Til Schweiger: Die vermeintlichen "Moppel-Kommissare" aus Köln beeindrucken in einer "Bonnie and Clyde"-Geschichte mit Verve und Appeal.

Sag mir, welche Filme du liebst, und ich sag dir, wie du stirbst. Er will mit dem Cabrio in den Sonnenuntergang fahren wie Mickey und Mallory aus "Natural Born Killers". Sie kennt leider nur Bonnie und Clyde und bemerkt mit Recht, die würden doch am Ende erschossen. Es lässt sich auch an Sailor und Lula aus David Lynchs "Wild at Heart" denken, wie das unverschämt attraktive Pärchen Adrian (Rick Okon) und Laura (Ruby O. Fee) vögelnd und mordend durch Köln und Umgebung zieht. Ein bisschen zumindest. Aber das ist für einen Kölner "Tatort" ja trotzdem eine beachtliche Feststellung. "Kartenhaus" ist ein Krimi mit Appeal und Verve, mit tollen Bildern, fokussierten Kommissaren und zwei jungen Gesichtern, die sich ins Gedächtnis brennen. The world is on fire.

Ironischerweise beginnt dieser aufregende Film wie Legionen an "Derrick" und "Der Alte"-Folgen vor gefühlten hundert Jahren: mit einem Mord im Villenvorort. Aber schon der ist hässlich und aufwühlend in Szene gesetzt. Ein junger Mann mit schnittiger Frisur, frisch gebügeltem Hemd und gefährlichem Nackentattoo rammt dem Herrn des Hauses völlig unvermittelt ein Küchenmesser in den Bauch. Erst mit Wucht und dann noch einmal quälend langsam. Dann holt der junge Mann seine Freundin aus deren Zimmer im ersten Stock. Die hat schon ihre Koffer gepackt, aber vom Blutbad in der Küche gar nichts mitbekommen. Gemeinsam wollten sie wohl durchbrennen, und das machen sie dann auch.

Für Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ist die Frage nach dem Täter fast genauso schnell klar wie für den Zuschauer. Schließlich gibt der sich wenig Mühe, seine Spuren zu verwischen. Nach der Tatortbesichtigung im Reichenviertel geht es für die Kommissare in ein ganz anderes Ambiente: eine Hochhaussiedlung in Köln-Chorweiler. Ein in Beton gegossener Schandfleck verfehlter Städteplanung aus dem letzten Jahrhundert. Hier wohnte Adrian bis zuletzt bei seiner pflegebedürftigen Mutter (ziemlich beeindruckend: Bettina Stucky). Prekär, wie man so sagt.

"Hier leben 4.000 Leute, 60 Nationen. Mein Auto mittendrin", sorgt sich Freddy um sein liebstes Stück, einen Ami-Straßenkreuzer. Mickey und Mallory alias Adrian und Laura (Ruby O. Fee) verlängern auf ihrer Flucht derweil die Blutspur. Ein grobschlächtiger Diskobetreiber muss sterben. Der Tod ist immer ganz nah. "Ich würde sterben für dich", bekräftigt Adrian, der seiner Freundin sogar einen Heiratsantrag mit Ring macht. Der Mord am Stiefvater: Der war für sie, weil der sie angeblich missbraucht hat. Aber ist den Worten der 17-jährigen Lolita-Erscheinung überhaupt zu trauen?

Eine packende Geschichte (Buch: Jürgen Werner), brillant fotografiert, knackig geschnitten und mit prägnanten Popsongs unterlegt. Sebastian Ko heißt der junge, bislang wenig renommierte Regisseur, dem man eine schöne Erkenntnis zu verdanken hat: dass nämlich ein "Tatort" auch ohne gesellschaftspolitischen Auftrag, ohne horizontale Erzählstränge und ohne zeitgemäß kaputte Psychoermittler immer noch ganz gut funktionieren und sogar überraschen kann.

Das auch als kleine Grußbotschaft an den Kollegen Til Schweiger, der unlängst mit Blick Richtung Rheinland ätzte, andere "Tatort"-Macher verschwendeten ihr Budget für "zwei moppelige Kommissare, die ne Currywurst verspeisen". Die vermeintlichen Moppel-Kommissare haben die passende Antwort selbst gegeben. Klugerweise nicht auf Facebook. Wichtig ist auf der Mattscheibe.

Name der Sendung Tatort: Kartenhaus
Sendedatum 28.02.2016
Sender ARD
Sendezeit 20:15:00
produzierender Sender WDR
Genre Kriminalfilm
Filmbewertung ausgezeichnet
Genre Kriminalfilm
Filmname Tatort: Kartenhaus
Originaltitel
Regisseur Sebastian Ko
Schauspieler Klaus J. Behrendt
Schauspieler Dietmar Bär
Schauspieler Patrick Abozen
Entstehungszeitraum 2016
Land D

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