„Tatort: Züri brännt“

Systemkritik und Frauenpower: So furios startete der neue Schweizer „Tatort“

Als neues Schweizer Ermittlerinnen-Team mischen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, links) und Tessa Ott (Carol Schuler) Zürich auf.
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Als neues Schweizer Ermittlerinnen-Team mischen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, links) und Tessa Ott (Carol Schuler) Zürich auf.

Zwei gegensätzliche Ermittlerinnen, zwei rätselhafte Morde und ein Rückblick auf die bewegten 80er-Jahre: Der neu aufgestellte Schweizer „Tatort“ aus Zürich startete hochambitioniert und ereignisreich. Doch wie schlug sich das reine Frauenteam - und was geschah vor 40 Jahren wirklich?

Eine kleine Revolution erlebten die Zuschauer am Sonntagabend nach der „Tagesschau“: Nicht nur, weil der neue Schweizer „Tatort“ Luzern hinter sich gelassen hat und nun in Zürich spielt. Und nicht nur, weil der historisch und politisch aufwühlende Krimi die linken Aufstände in der Metropole am Zürichsee vor 40 Jahren thematisierte. Sondern vor allem, weil erstmals ein dreiköpfiges Frauenteam, bestehend aus zwei gegensätzlichen Ermittlerinnen und einer Staatsanwältin, die Zügel in der Hand hielt. So selbstverständlich dies heutzutage sein sollte: Auch das weiblich geprägte Regie- und Produktionsteam scheint noch immer die Ausnahme zu sein. Doch wie schlugen sich die Neuen in der größten Schweizer Stadt? Und was geschah in Zürich vor 40 Jahren tatsächlich?

Worum ging es?

Von Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher glaubwürdig verkörpert, musste sich das neue Duo gleich unter harten Umständen aneinander gewöhnen: Tessa Ott (Schuler) begann ihren Job als Profilerin direkt mit einer am See entdeckten Brandleiche samt Kopfschuss. Skeptisch beäugt wurde sie dabei von der französisch-schweizerischen Kollegin Isabelle Granjean (Zuercher). Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) vervollständigte das weibliche Trio.

Respekt verschaffte sich Ott, deren Ausbildung zunächst als „Kaffeesatzlesen“ verunglimpft wurde, durch ihr Analysevermögen. Anhand eines Tattoos erkannte sie etwa, dass das Opfer Buddhist war, zudem depressiv und an Lungenkrebs erkrankt. Doch es kam noch dicker: Als beim Apéro zu Ehren des kurz vor der Pension stehenden Polizeikommandanten Peter Herzog (Roland Koch) selbiger ein Paket mit einem Totenkopf überreicht bekam, geriet das Mysterium größer und größer. Es handelte sich um den Kopf einer jungen Frau, Eva (Julia Buchmann), die vor 40 Jahren spurlos verschwunden war und augenscheinlich erschlagen wurde.

Wer sind die beiden neuen Ermittlerinnen?

Wahlberlinerin Carol Schuler, geboren 1987 in Winterthur, ist den Zuschauern in Deutschland bereits bekannt: 2015 spielte sie mit Jürgen Vogel in der Miniserie „Blochin“, seit 2019 ist sie in der deutschen Netflix-Serie „Skylines“ in der Rolle der Zilan zu sehen. Sie mag Lynch- und Hitchcock-Filme; „Der Tatortreiniger“ ist laut Eigenaussage ihre liebste deutsche Serie. Mit ihrer Einstellung hält Schuler nicht hinterm Berg: „In unserer zunehmend konsumorientierten, kapitalistischen Gesellschaft ist es wichtig, Raum zu erhalten für freie Kunst, selbstverwaltete Wohnprojekte und nichtkommerzielle Experimente. Das braucht der Mensch zum Atmen“, wird sie zum politisch sehr expliziten „Tatort“ zitiert. „Bei uns hat von Anfang an die Chemie auf allen Ebenen gepasst“, sagt die 33-Jährige zu ihrer Zusammenarbeit mit Anna Pieri Zuercher.

Für Granjean-Darstellerin Zuercher, 1979 in Bern geboren, ist der „Tatort“ wiederum die erste größere Rolle in einer deutschen Produktion. Zuvor spielte die Tochter eines Deutschschweizers und einer Italienerin viel am Theater, später auch in einigen Fernsehserien. 2019 erhielt sie für ihre Rolle in der Dramaserie „Doppelleben“ den Schweizer Fernsehfilmpreis. Über die Vorbereitung zu „Züri brännt“ berichtet Zuercher: „Wir haben eng mit der Kantonspolizei Zürich zusammengearbeitet und hatten dabei die Gelegenheit, die echten Ermittlerinnen zu treffen. Das war sehr spannend. Wir konnten ein Schießtraining absolvieren und haben den Ermittlerinnen bei der Arbeit über die Schulter geschaut.“

Worauf setzte der neue Schweizer „Tatort“ den Fokus?

Zunächst einmal um die Unterschiede der beiden Ermittlerinnen: Der Klassengegensatz zwischen der unerfahrenen Ott, die scheinbar aufwandslos die besten Positionen ergattert, und der Arbeitertochter Granjean, die sich mühsam hocharbeiten musste, stand beim neuen „Tatort“-Team von Anfang an im Raum. Ein Konflikt, der sich bereits bei der Premiere in expliziten Anschuldigungen entlud: Granjean glaubte insgeheim, dass die Neue aus gutem Zürcher Hause die Stelle nur durch die Kontakte ihrer bekannten Familie erhielt. Harmonisch begann die Arbeit der beiden Frauen keineswegs.

Zum anderen stand das Zürich der ereignisreichen 80er-Jahre im Mittelpunkt: Mit Originalaufnahmen jener bewegten Zeit begann die „Züri brännt“ betitelte Auftaktepisode. Alle Verbindungen beider Opfer führten zurück in die anarchischen Jahre des Aufstandes, in denen sich die Jugend gegen das Leben der Alten in Angepasstheit auflehnte. Illustriert wurde diese zweite Zeitebene immer wieder mit bemerkenswertem Archivmaterial und bisweilen horroresk anmutenden Einbrüchen der Vergangenheit in die Gegenwart - etwa in Gestalt des blutüberströmten Opfers.

Und was geschah nun im Zürich der 80er-Jahre?

Der Titel sagte - zumindest den Schweizern - schon viel: „Züri brännt“ lautet ein bis heute gängiger Slogan, der die Stimmung in der Stadt vor 40 Jahren wohl treffend beschreibt. Damals, 1980, zeigte sich Zürich weitaus weniger gediegen als heute. Bei den berühmten Opernhauskrawallen gerieten Jugendliche und die Polizei brutal aneinander; es folgte ein Jahrzehnt des Aufruhrs und des Kampfes für mehr Freiräume und Solidarität. Immer wieder forderten linke Gruppen zu diesem Zweck das staatliche Gewaltmonopol heraus, es flogen Pflastersteine, Autos brannten, Razzien folgten.

Kennern werden auch andeutungsreiche Details aufgefallen sein, etwa Manni Manners kritischer Songklassiker „Dene wos guet geit“ und Fritz Zorns autobiografischer Roman „Mars“, der zum Kultbuch der damaligen Bewegung avancierte, weil der früh verstorbene Autor darin die Belastung der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft als Auslöser für seine Krebserkrankung beschrieb.

Aktuell sind die Themen von damals der Regisseurin zufolge auch heute noch: „Da sich Geschichte wiederholt, wiederholen sich auch die Themen aus den 80-ern. Die Forderungen nach günstigerem Wohn- und Freiraum, Kritik am Überwachungsstaat etc, haben weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren“, merkt Viviane Andereggen an, die auch den zweiten Fall der Zürcherinnen inszeniert.

Wurde das Ganze ausgewogen und realistisch gezeigt?

„Was ist das für eine Zeit gewesen?“, fragte Ermittlerin Ott an einer Stelle verwundert. Dargestellt wurde der Rückblick anhand der Erinnerungen der alternden Protagonisten der Bewegung, die historisch-politisch informativ, bisweilen aber auch recht klischeehaft daherkamen. Etwa die „frech“ ins Drehbuch geschriebene Punklady Barbara Dietschi (Karin Pfammatter), die mit den Details zur RAF-nahen „Aktionsgruppe Rote Fabrik“ zwar hinterm Berg hielt, der Kommissarin aber von der Bühne Falcos „Drah di ned um“ entgegenschleuderte. Oder Otts heroinsüchtiger Freund Charlie (Peter Jecklin), der sich als „Chronist der Bewegung“ bezeichnete, die Kommissarin als „Bullenschwein“ beschimpfte und - wie der „Tatort“ überhaupt - zeigte, dass alte Wunden das gegenwärtige Privatleben gehörig aufwühlen können.

Auf der Gegenseite näherte sich der Krimi immer wieder den Berichten des scheidenden Polizeichefs: „Gewalt und Misstrauen auf beiden Seiten“, analysierte er, der damals viele Razzien und Einsätze geleitet hatte. „Pflastersteine auf Bullenschweine“, habe es damals geheißen, aber auch die Staatsseite sei nicht gewappnet gewesen: „Wir wurden von einem Tag auf den anderen in eine Kampfmontur gesteckt. Schon möglich, dass der ein oder andere ein bisschen überfordert war.“ Überfordert war er von der Situation offensichtlich auch in der Gegenwart, wie das gewagte hammerharte Ende zeigte: der Polizeiboss als Täter, der sich deshalb erschießt!

Wie schlug sich das neue Schweizer Team denn nun?

Für den ersten Fall sehr gut. Auch wenn - oder weil - sich die Ermittlerinnen erst aneinander gewöhnen mussten, spielten sie sich gekonnt die Bälle zu. Selbst wenn es an manchen Stellen hakte: Diese weibliche Konstellation hat in all ihren Ambivalenzen und Konflikten großes Potenzial. Zudem schaffte es die junge Regisseurin Viviane Andereggen, das ermittlerische Chaos in außergewöhnlichen Kameraeinstellungen und unkonventioneller Bildsprache zu inszenieren, Auch davon gerne mehr. Vielleicht war der erste neue Schweizer „Tatort“ jedoch thematisch etwas zu vollgepackt: Es ging um linken Protest und soziale Kämpfe, um Polizeigewalt und Vertuschung, um das Erbe einer Generation und Klassengegensätze, aber auch darum, dass in der Schweiz Mord tatsächlich verjähren kann.

Der zweite „Tatort“ mit Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher soll den Titel „Schoggiläbe“ - etwa: „Schokoladenleben“ - tragen und dreht sich um den ermordeten Patron einer Schokoladenfabrik. Die Ausstrahlung ist für Frühjahr 2021 geplant.

teleschau

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