Zum Start von „Culpa - Niemand ist ohne Schuld“

Stipe Erceg: „Ich hab früh gemerkt, dass ich ein Predigertyp bin“

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Stipe Erceg pflegt seine ganz eigene Beziehung zu Gott.

Der Part als Beichtvater in „Culpa - Niemand ist ohne Schuld“ (ab 12.7. immer mittwochs, 20.13 Uhr, auf 13th Street) ist für Stipe Erceg nicht nur ein Job: Im Interview spricht der gläubige Katholik über eigene Beichten und seine Beziehung zu Gott.

Stipe Erceg sitzt zunächst skeptisch-abwartend in der Mitte eines großen Raumes, der eher einem Verhörzimmer ähnelt. Scheinbar keine geeignete Situation, um über Glaube, Beichte und Gott zu sprechen. Doch im Gegenteil: Das spärlich möblierte Zimmer gehört zum Gemeindehaus der benachbarten St. Elisabeth Kirche in Berlin - und der 42-Jährige verbindet mit seiner aktuellen Priester-Rolle viel mehr als nur einen üblichen Job-Auftrag. In der Miniserie „Culpa - Niemand ist ohne Schuld“ (ab 12.7. immer mittwochs, 20.13 Uhr, beim Pay-Sender 13th Street) nimmt der im heutigen Kroatien geborene Schauspieler die Beichte ab - ein Glaubensakt, dem der überzeugte Katholik in seinem Leben schon oft auf der anderen Seite beiwohnte. Über die Wirkung jener geistlichen Erfahrungen auf die Schauspielerei spricht Stipe Erceg im Interview ebenso wie über Spiritualität, innere Tempel und seine Beziehung zu Gott.

nordbuzz: Wie viel Zeit haben Sie denn zur Vorbereitung im Beichtstuhl verbracht?

Stipe Erceg: Gar nicht so viel. Ich bin direkt von einem anderen Dreh gekommen, dann lag noch mein Geburtstag dazwischen. Und dann war ich sofort drin. Da gab es nicht wirklich eine Vorbereitung.

nordbuzz: Ihre katholische Erziehung hat Sie also genug vorbereitet?

Erceg: Vorbereitung als Schauspieler liegt immer im Leben. Ich bin christlich erzogen, für mich ist Jesus Christus immer ein Mensch gewesen, der mich fasziniert. Der mich oft im Leben tief berührt hat, mir Kraft gegeben hat.

nordbuzz: Macht das so eine Rolle leichter?

Erceg: Möglicherweise. Aber ich glaube auch, dass ein Schauspieler alles leicht spielen kann, wenn er konzentriert ist. Vielleicht ist es sogar schwieriger, wenn mir die Religion im Leben so nahe ist. Schließlich habe ich eine ganz genaue Vorstellung; bin vielen Priestern in meinem Leben begegnet.

nordbuzz: Heißt das, sie hatten einen bestimmten Typus vor Augen?

Erceg: Ich weiß, es gibt nicht den einen Priester-Typen, definitiv nicht. Aber es gibt etwas, das sie alle verbindet.

„Bei meinen Priestern waren schon auch ein paar schräge Vögel dabei"

nordbuzz: Zum Beispiel?

Erceg: Eine enorme Ruhe und Gelassenheit. Ein tiefes Gottvertrauen. Das sind für mich klar definierte Charakterzüge. Das Problem ist, dass natürlich die Drehbücher dramaturgisch oft anders geschrieben sind. Da steht man dann da und denkt: Nee, Moment, das geht nicht!

nordbuzz: Wie lösen Sie solche Situationen?

Erceg: Man versucht einen Kompromiss einzugehen. Es zu lösen, ohne unglaubwürdig zu werden.

nordbuzz: Konnten Sie beim Dreh zu „Culpa“ ihre Bilder von den Ihnen bekannten echten Priestern mit einfließen lassen?

Erceg: Ich glaube, ich besitze die Ruhe und Gelassenheit - das floss definitiv mit rein. Bei meinen Priestern waren schon auch ein paar schräge Vögel dabei. Aber ich bin ja auch ein schräger Vogel. Der Priester ist auch nur ein Mensch. Aber einer, der eingeweiht ist. Wir sollen ja für die Priester beten. Das vergisst der Mensch immer. Die brauchen schon auch unsere Hilfe.

nordbuzz: Doch gerade in TV und Film gibt es bestimmte klischeehafte Bilder vom Priester ...

Erceg: Es ist falsch, sich immer auf bestimmte Charaktertypen festzulegen: Das ist der Kriminelle, das ist die Prostituierte, das ist der Priester. Wenn schon, sollte man sich Archetypen annähern. Aber selbst das ist schon schwierig, selbst das ist heute schon ein Bild, eine Kopie.

nordbuzz: Das halten Sie für problematisch?

Erceg: Ich verstehe das schon. Man versucht in dieser Industrie heute ein Bild herzustellen, mit dem der Zuschauer sich sehr schnell identifizieren kann. Da gibt es bestimmte Komponenten, bestimmte Muster, die zeigen sollen: Das entspricht dem oder jenem. Aber das ist komplett verkehrt.

„Als Schauspieler verstehe ich meinen Beruf, so wie er ist“

nordbuzz: Inwiefern?

Erceg: Filmische Fiktion ist schon so in unsere Realität eingedrungen, dass unsere Wirklichkeit keine mehr ist. Sondern wir spielen die Ärzte aus irgendwelchen Arztserien - so erlebe ich das.

nordbuzz: Wurmt Sie das vor allem als Schauspieler?

Erceg: Nein, als Schauspieler verstehe ich meinen Beruf, so wie er ist. Ich verstehe das Prinzip, nach dem er funktioniert. Und ich verstehe, dass es eine enorme Industrie ist. Es wurmt mich eher privat. Denn darauf beruht unsere Wahrnehmung, und ich weiß, dass diese Wahrnehmung falsch ist. Oder zumindest nur eine mögliche Beschreibung einer Realität. Aber deshalb noch lang keine Wirklichkeit.

nordbuzz: Das heißt, das Leben in Bildern überdeckt die Wirklichkeit?

Erceg: Ich kann definitiv sagen, dass die Welt nicht so ist, wie sie scheint. Überhaupt nicht. Wir sind von allem getrennt - die Menschen untereinander, die Menschen von einer Art Quelle. Und es ist nicht der Sinn meines Lebens, in dieser Trennung weiter zu leben und dann zu sterben. Ich hab' viele Menschen sterben sehen; meine Mutter ist in meinen Armen gestorben.

nordbuzz: Wie kann man diese Trennung Ihrer Meinung nach überwinden?

Erceg: Es ist enorme Arbeit an sich selbst. Die dauert ein ganzes Leben an. In diesem Geist kannst du erst frei werden. Dann kann dein Wille geschehen, weil Sein Wille geschieht. Das wäre sozusagen der christliche Vorschlag. Aber diesen Vorschlag findest du im Buddhismus genauso, überall. Und dieser Vorschlag lautet, selbstlos zu leben.

nordbuzz: Im Katholizismus gehört die Beichte essenziell dazu. Waren Sie selbst oft beichten?

Erceg: Ja, sehr oft. Meine letzte Beichte liegt gar nicht so lange zurück. Da war ich Trauzeuge in Kroatien. Davor war ich aber lang nicht mehr. Ich dachte, was kann der mir schon erzählen? Du hast das Leben doch begriffen und gehst doch ganz integer durchs Leben. Und plötzlich wurde ich sehr nervös. Der hatte so eine Kraft. Das hat mich sehr tief berührt.

nordbuzz: Was genau?

Erceg: Dass er mich für nichts verurteilt hat. Dass er mir auch keine Absolution gegeben hat. Dass er mir die Möglichkeit gab, zu reflektieren. Selbst zu entscheiden, wohin ich in meinem Leben gehen möchte.

„Ich genieße es, Teil einer Familie zu sein“

nordbuzz: Erlebten Sie die Beichte in Kroatien anders als in Deutschland?

Erceg: Das gibt es hier schon auch, ich gehe hier in Berlin oft in die katholische Kirche. Nur in der Kultur ist es nicht so präsent. Gerade in Berlin sind die Kirchen auch oft eingepfercht. Es fehlt das Monumentale, Großzügige, Festliche. In Süddeutschland sieht das schon wieder anders aus. Aber davon abgesehen: Der Tempel ist sowieso in dir.

nordbuzz: Eine innere Kirche also?

Erceg: Da musst du deine Kirche bauen. In dir. Wenn du diesen Tempel in dir nicht gebaut hast, dann bleibt es nur ein hohler Raum ohne Bedeutung. Schon als junger Mensch hab ich begriffen, dass Gott in mir ist. Er ist überall.

nordbuzz: Tragen Sie das auch nach außen?

Erceg: Ich hab früh gemerkt, dass ich ein Predigertyp bin. Wenn ich den Motor anschmeiße, ins Laufen komme, und das Gefühl habe, da will auch jemand etwas hören. Ich muss das aber nicht um jeden Preis machen. Manchmal ist es besser, zu schweigen.

nordbuzz: Gab es Phasen in Ihrem Leben, in denen auch ein Leben als Geistlicher eine Option gewesen wäre?

Erceg: Vielleicht mal ins Kloster zu gehen! Aber ich glaube, das ist eine romantische Vorstellung. Hey, ich leb klösterlich. Aber ich hab Frau und Kinder, hab ein ganz normales gesellschaftliches Leben. Auch das Kloster ist in dir. Man stellt sich Aufgaben im Leben: Heute ess ich das nicht und so weiter. Wie ein Wegweiser. Wir müssen nicht mehr in die Einsiedelei gehen. Ich sowieso nicht, ich bin einfach ein Familienmensch. Ich genieße es, Teil einer Familie zu sein. Kinder zu sehen, wie sie groß werden. Das hab ich mir immer gewünscht.

nordbuzz: Das wird durch die Schauspielerei nicht eingeschränkt?

Erceg: Ich verbringe sehr viel Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern. In unserem Beruf hat man sehr viel Zeit. Wirklich. Meine Eltern haben mehr gearbeitet als ich. Wenn man die Zeit nutzt, versteht man, dass man unendlich viel Zeit hat.

nordbuzz: Machen Sie dafür auch Abstriche, was bestimmte Rollenangebote angeht?

Erceg: Ich arbeite gern. Und ich muss auch arbeiten, weil ich Geld verdienen muss. Ich hab bestimmte Sachen nicht gemacht, weil sie sich zeitlich überschnitten haben. Aber auch weil ich manche Sachen komplett dumm fand - mit denen ich auch schon hätte Geld verdienen können. Bei anderen Dingen wiederum war ich auch einfach faul; da wollte ich Monate nur am Meer genießen. Da war mir dann die Zeit wertvoller. Es gibt so viele Wege, ich kann nur sagen: Ich nehm dieses Leben absolut nicht ernst (lacht).

nordbuzz: Eine Serie ist ja immer viel zeitaufwendiger. Wäre die Priester-Rolle in „Culpa“ Ihnen denn weitere Staffeln wert?

Erceg: Das ist ein gutes Format, das kann man ausbauen. Ich könnte jetzt eigentlich bis an mein Lebensende „Culpa“-Priester bleiben. Das wäre doch geil! In so eine Priester-Rolle hineinzuwachsen, darin älter zu werden. Dann würde meine Wirklichkeit zu einer filmischen Wirklichkeit.

tsch

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