„Winnetou - Der deutsche Indianer“

Auf den Spuren von Winnetou: Die Wahrheit über den Indianer-Kult in Deutschland

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In „Winnetou - Der deutsche Indianer“ begibt sich Drew Hayden Taylor auf eine Reise nach Deutschland. Er will herausfinden, warum Karl Mays „Winnetou“ in Deutschland so erfolgreich ist.

Was steckt eigentlich hinter der Faszination an amerikanischen Indigenen? Die TV-Doku „Winnetou - Der deutsche Indianer“ begibt sich auf eine spannende Spurensuche.

Seit über 100 Jahren sind die Menschen in Deutschland fasziniert von der Welt der Indianer, ohne dass die allermeisten von ihnen je Berührung mit amerikanischen Indigenen gehabt hätten. Die Begeisterung fußt nicht zuletzt auf einer ganz besonderen Schlüsselfigur: Natürlich geht es hier um „Winnetou“, den ewigen Apachen-Häuptling. Die berühmte Trilogie von Karl May erschien 1893 - vor über 125 Jahren. Wer an „Winnetou“ denkt, der denkt heute sicherlich zuerst an die Filme oder die diversen Festspiel-Interpretationen. Aber wem ist schon bewusst, dass „Winnetou“ sogar die Nazi-Zeit sehr geprägt hat? Im sogenannten Dritten Reich hat Adolf Hitler höchstpersönlich den „Winnetou“-Mythos ins Absurde verklärt: Die literarische Figur des tapferen Apachen-Häuptlings wurde als Vorbild missbraucht, um eine eine möglichst kampflustige Jugend heranzuziehen. Eine neue TV-Doku versucht sich nun einmal mehr an einer Ergründung des Mythos und macht dabei auch vor den dunklen Kapiteln nicht Halt.

Der kanadische Autor Drew Hayden Taylor, der selbst ein Angehöriger der sogenannten „First Nations“ ist, begibt sich in seinem 45-minütigen Beitrag „Winnetou - Der deutsche Indianer“, der am Montag, 2. September, 19.20 Uhr, beim Pay-Sender History gezeigt wird, auf eine sehenswerte Spurensuche. Denn „Winnetou“ ist gefühlt überall: Neben den immer gut besuchten Karl-May-Festspielen, die überall in Deutschland stattfinden, und den Karl-May-Museen gibt es viele Städte und Freizeitparks zum Thema Wilden Westen. Dort versammeln sich „Winnetou“-Fans, um sich zu verkleiden, sich auszutauschen und die Traditionen der amerikanischen Ureinwohner auszuleben. Doch warum ist der Hype um den legendären „Häuptling der Apachen“ in Deutschland eigentlich so groß? Taylor besucht die Freilichtbühne in Bad Segeberg, die Westernstadt Pullman City im bayerischen Eging am See oder auch das Karl-May-Museum in Radebeul, um dieser und vielen anderen Frage auf den Grund zu gehen.

Auf seiner in erster Linie äußerst unterhaltsamen Reise kommt er mit Menschen ins Gespräch, die sich ganz unterschiedlich mit der indigenen Kultur auseinandersetzen: Wissenschaftler, Schauspieler, Hobbyisten, Museumskuratoren, Indianer-Enthusiasten oder auch Native Americans. Mit viel Witz geht er vielen interessanten Fragen auf den Grund: Wie viel „Winnetou“ steckt tatsächlich in den Ureinwohnern Nordamerikas? Und warum fühlen sich die Deutschen mit den Indianern so verbunden?

Zwiespältige Meinungen zu Hobbyisten

„Old Shatterhand und Winnetou sind deshalb so beliebt, weil sie Werte der Mittelschicht vertreten, mit denen sich fast jeder identifizieren kann“, erklärt etwa Prof. Dr. Hartmut Lutz (Universität Greifswald) den aktuellen Bezug: Die Indianer weckten in den Deutschen den Wunsch nach Freiheit, ursprünglicher Wildnis und Einklang mit der Natur - ganz gegensätzlich zu der strengen Ordnung in dem regulierten Deutschland. Verkleidete Prärieindianer und Hobbyisten sehnen sich nach dieser Naturverbundenheit. Und das Erstaunlich ist: Auch Native Americans mischen sich gerne unter die Indianer-Begeisterten, da sie so die Möglichkeit haben, ihre Traditionen und ihre Kultur zu vermitteln.

Doch schnell stellt Taylor fest, dass es auch Menschen gibt, die diese Szene eher kritisch sehen, denn das Problem ist: „Die sind alle weiß. Kein einziger Indigener macht da mit“, merkt der indigene Aktivist Red Haircrow, der seit über zehn Jahren in Berlin lebt, an. „Die hiesige Sichtweise auf Indigene ist extrem eurozentrisch. Indigene Traditionen und Menschen werden falsch dargestellt und verniedlicht.“ Er wirft eine interessante Frage auf, die Taylor nachdenken lässt: Wie viel Rassismus steckt eigentlich hinter den Nachahmungen? Wird eine fremde Kulturgeschichte nur auf ihre Modeartikel reduziert?

Aufgepeppt mit ein paar Filmausschnitten bastelte Drew Hayden Taylor eine Dokumentation, die mit einem Augenzwinkern etwas mehr Klarheit in die Faszination „Winnetou“ bringt. Die deutsche TV-Premiere ist übrigens nicht zufällig am 2. September: An diesem Datum soll der 145. Todestag von „Winnetou“ sein. Einer Leserin soll Karl May jedenfalls einmal geschrieben haben: „Winnetou war geboren 1840 und wurde erschossen am 2. September 1874.“

teleschau

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