Mehr als die Russin vom Dienst

spielt in „Mörder auf Amrum“ (Mo., 11.01., 20.15 Uhr, ZDF)

Als ukrainische Prostituierte Tamara brillierte Irina Potapenko im österreichischen Meisterwerk „Revanche“, das für den Oscar nominiert war.
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Als ukrainische Prostituierte Tamara brillierte Irina Potapenko im österreichischen Meisterwerk „Revanche“, das für den Oscar nominiert war.

Die 23-jährige Irina Potapenko hat niemals eine Schauspielschule besucht und spricht mit sanft russischem Akzent. Trotzdem gehört die brünette Schönheit zu den aufregendsten neuen Gesichtern im deutschen Film.

Im Alter von acht Jahren kam Irina Potapenko mit ihrer Mutter aus einem kleinen Dorf auf der Krim nach Berlin. Bis heute hat die 23-Jährige nie eine Schauspielschule besucht, sie spricht nach wie vor mit sanftem russischen Akzent und zählt doch zu den interessantesten deutschen Darstellerinnen ihrer Generation. Nach dem preisgekrönten Mädchengang-Drama „Prinzessin“ und dem oscarnominierten österreichischen Meisterwerk „Revanche“ spielt die brünette Schönheit nun im grotesken ZDF-Landschaftkrimi „Mörder auf Amrum“ an der Seite von Hinnerk Schönemann.

Irina Potapenko fühlt sich wohl als Amateurin. Nach sieben Jahren an der Berliner Volksbühne, an die sie ihr Förderer Frank Castorf holte, hat man sich eigentlich auch ein bisschen Selbstvertrauen verdient. Vor allem, wenn man zudem einigen preisgekrönten Filmprojekten ein Gesicht gab. Doch gibt es ein objektiv gerechtfertigtes Maß an Selbstvertrauen? Natürlich nicht. Gerade Bühnenschauspieler müssen sich das flüchtige Gefühl, ihren Job gut zu machen, jeden Abend neu in den Kopf holen.

Irina Potapenko steht die Ambivalenz zwischen keckem Selbstbewusstsein und den Zweifeln, ob man diesem Beruf gerecht wird, ins Gesicht geschrieben. Eine Nase, die Charakter verheißt. Schöne, mandelförmige Augen. Das sichtbar schnelle Vorüberhuschen abenteuerlich vieler Wahrnehmungen und Empfindungen während des Gesprächs. Kein Zweifel, diese junge Frau ist wach und hungrig. Man findet in ihr eine begnadete Natürlichkeit, die vielleicht einleuchtendste Erklärung für die ungewöhnliche Karriere der ukrainischstämmigen Mimin.

Zur Schauspielerei kam sie durch Zufall, wie könnte es anders sein. „Ich fing bei einer Freundin meiner Mutter an zu spielen. Sie hatte ein kleines russisches Restaurant mit einer Kabarett-Bühne in Berlin und veranstaltete dort kleine Theaterabende. Ich sollte die Rolle der Lolita übernehmen, da war ich zwölf Jahre alt. Eines Abends war die Regieassistentin von Frank Castorf im Publikum und hat mich gesehen. Ich wurde dann zum Casting an die Volksbühne eingeladen. Später haben sie sich gemeldet und gefragt, ob ich Lust hätte, beim Stück “Erniedrigte und Beleidigte„ von Dostojewski mitzumachen.“

Mit 14 Jahren gab Irina Potapenko ihr Debüt an der Volksbühne. Frank Castorf, so vermutet sie, habe damals einen Kontrast zu den anderen Figuren gesucht. Nach einem Kind, russisch, nicht klassisch ausgebildet. „Etwas, das sich natürlich auf die Zuschauer auswirkt.“ Natürlich erntete ihr Auftritt auch Kritik, erinnert sich Irina. „Es haben sich einige unglaublich darüber aufgeregt, wie man ein junges Mädchen auf die Bühne lassen kann, die sich nicht bewegen kann. Eine, die noch keine theatralische Stimme hat. Aber das hatte mich nicht verunsichert. Ich wusste ja, dass ich anders bin.“

Seit ihrem Debüt hat Irina Potapenko in zahlreichen Castorf-Stücken gespielt. Seit sieben Jahren reiht sich ein Gastspiel-Vertrag an den anderen. Mit kluger Hand ausgesuchte Filmrollen kamen hinzu: die junge Spätaussiedlerin im realitätsnahen Vorstadtdrama „Prinzessin“ (2006) von Birgit Großkopf. Eine ukrainische Prostituierte im herausragenden österreichischen Oscar-Beitrag „Revanche“ (2008) von Götz Spielmann. Auch in „Mörder auf Amrum“, einer vor Filmzitaten wimmelnden grotesken Mischung aus „Zwölf Uhr mittags“ und Cohen-Brüder-Filmen wie „No Country For Old Men“, gibt Irina Potapenko mal wieder eine Russin. Diesmal muss die schöne Exotin vom hasenfüßigen, aber großherzigen Dorfbullen Hinnerk Schönemann zwischen friesischen Dünen vor der Russenmafia beschützt werden.

Nervt es nicht langsam, wenn man immer nur die Russin geben muss? „Momentan habe ich keine Angst davor. Die Filme, die entstanden sind, gefielen mir. Trotzdem entwickelt sich alles weiter. Momentan sind es noch Kurzfilme oder Theaterrollen, in denen ich keine Russin spiele. Ich glaube, dass man nicht in einer Schublade landet, wenn man zeigt, dass man sich ausprobieren will. Andere Schauspieler sprechen perfekt deutsch, sind klassisch ausgebildet und spielen doch meist immer denselben Charakter, zum Beispiel den melancholischen Typen.“

Irina Potapenko lebt heute mit einem „anderen russischen Mädchen“ in einer Berliner-WG. Ihre deutsch-russische Schule brach sie ein halbes Jahr vor dem Abitur ab, weil sie sich damals in einer Krise befand. Verpflichtungen als Schauspielerin, die Trennung von einem Freund, der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung - etwas zu viel, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Vielleicht will Irina das Abi später einmal nachholen, weil es doch schön wäre, eines Tages vielleicht studieren zu können. Derweil lebt sie aber gut gelaunt ohne Netz und doppelten Boden. Den Verzicht auf eine Schauspielschule begründet sie pragmatisch mit der Angst vorm Verlust ihrer derzeitig verheißungsvollen Jobsituation. Doch auch emotionales Gespür spielt beim Klammern an den Amateur-Status eines Rolle.

Auf dem einzigen Schauspiel-Workshop, den sie bisher besuchte, fühlte sie, wie die vermittelte Technik ihr die Natürlichkeit raubte. Wurzeln findet Irina Potapenko stattdessen auch 15 Jahre nach dem Umzug von der Krim nach Berlin in der russisch und ukrainisch-stämmigen Szene der deutschen Hauptstadt. „Es stimmt, dass meine engsten Freunde bislang immer die waren, die russische Wurzeln haben. Vielleicht weil man dasselbe teilt, die Mentalität übereinstimmt und man den Wandel zusammen durchgemacht hat. Wir leben hier jetzt so eine Mischkultur - man ist nicht so richtig Russe und auch nicht richtig Deutscher - man versteht sich deshalb irgendwie unterbewusst.“

Derzeit ist Irina Potapenko wieder in „Medea“ an der Berliner Volksbühne zu sehen - übrigens nicht als Russin. Castings für mehrere Filmprojekte sind im Gange. In naher Zukunft möchte Irina vor allem an ihrem sprachlichen Ausdruck feilen, sodass sie ihren charmanten Akzent bei Belieben auch ausschalten kann. Der Entwicklung ihrer Rollen in breitere Register wird das sicher zuträglich sein. Dass sie den Sprechlehrer nach neun Jahren professioneller Schauspielerei bis heute noch nicht aufgesucht hat, zeigt jedoch den unabhängigen Charakter dieser aufregenden jungen Frau, von der man noch einiges erwarten darf.

teleschau

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