„Wir müssen reden, auch wenn das anstrengend ist“

Silbermond im Interview

Zu Beginn ihrer Karriere hießen sie noch Exakt, seit 2002 sind sie als Silbermond unterwegs - und höchst erfolgreich: Etwa sechs Millionen Tonträger konnten Stefanie Kloß und ihre Mitstreiter bereits unters Volk bringen.
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Zu Beginn ihrer Karriere hießen sie noch Exakt, seit 2002 sind sie als Silbermond unterwegs - und höchst erfolgreich: Etwa sechs Millionen Tonträger konnten Stefanie Kloß und ihre Mitstreiter bereits unters Volk bringen.

Beim Fußballschauen kommen alle zusammen, aber die „Tagesschau“ in der Halbzeitpause wird lieber ausgespart: Den gesellschaftlichen Riss, der bisweilen sogar durch die Familien geht, spürt Stefanie Kloß auch in im privaten Umfeld. Umso mehr plädiert die Silbermond-Sängerin im Interview für den offenen Dialog.

Vor gut 20 Jahren gründeten Stefanie Kloß, Johannes Stolle, sein Bruder Thomas Stolle und Andreas Nowak aus dem sächsischen Bautzen ihre erste Schülerband. Heute gehören Silbermond mit rund sechs Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Bands Deutschlands. Und sie gehören zu jenen Künstlern, die nicht davor zurückschrecken, Haltung zu zeigen: In dem Song „Mein Osten“, mit dem die Band sich im Mai aus der Elternpause von Sängerin Stefanie Kloß zurückmeldete, geht es um das politische und emotionale Auseinanderdriften der Menschen in Ostdeutschland. Auch auf ihrem sechsten Album „Schritte“ (erhältlich ab 15. November) gehen Silbermond unbequeme Themen an. Im Interview sprechen Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak über ihren CO2-Abdruck, Selbstzweifel und Kinder.

nordbuzz: Im Mai meldeten Sie sich mit dem Song „Mein Osten“ aus einer längeren Pause zurück. Warum ausgerechnet mit einem so politischen Titel?

Stefanie Kloß: Uns bewegte einfach, was in Deutschland gerade los ist. Was da für eine Bewegung durchs Land geht und natürlich auch, was im Osten und unserer Heimatstadt Bautzen passiert ist. Wir haben immer gesagt: Wenn wir es irgendwann schaffen sollten, etwas Gesellschaftspolitisches, das uns am Herzen liegt, treffend in einem Song auszudrücken, dann bringen wir ihn heraus - auch unabhängig von einem Album. Und unserer Meinung nach ist uns das mit „Mein Osten“ (nicht auf „Schritte“ enthalten, d. Red.) gelungen.

nordbuzz: Was genau inspirierte Sie zu dem Song?

Kloß: In Bautzen gibt es die sogenannte Platte, das ist ein öffentlicher Platz vor dem Reichenturm. 2016 gab es dort Auseinandersetzungen zwischen rechten Jugendlichen und Geflüchteten. Wir haben nach wie vor ein enges Verhältnis zu Bautzen. Unsere Familien leben dort, unsere Freunde. Und dann liest du plötzlich den Namen deiner Heimatstadt, der sonst nie erwähnt wird, außer beim Bautzener Senf, in allen Nachrichtensendungen. Wir fühlten uns ohnmächtig und geschockt. Zumal wir wissen, dass die Stadt auch andere Seiten hat. Das gab den Anstoß zu dem Song.

nordbuzz: Wie fielen die Reaktionen aus?

Andreas Nowak: Wir rechneten natürlich mit extremen Hasskommentaren, aber es waren weniger als gedacht. Viele reagierten sogar sehr positiv, gerade in unserer Heimatstadt. Es ist schon schade, dass bei Bautzen immer nur von dem braunen Nest geschrieben wird, denn das ist es eben nicht nur. Da leben auch Menschen, die total offen sind und die Stadt wunderbar bunt gestalten. Diese Menschen haben sich über das Lied total gefreut.

„Leben in einer Zeit, in der es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt“

nordbuzz: In dem Song singen Sie von einem Riss, der durch Familien geht. Kennen Sie das auch?

Kloß: Eine Freundin meinte neulich, bei ihr zu Hause gäbe es seit zwei oder drei Jahren das Gesetz, dass nicht über Politik geredet wird. Von meiner Familie kenne ich das auch: Die Fußballspiele vereinen alle Generationen, aber man versucht in der Halbzeit, nicht die „Tagesschau“ mitzunehmen. Es ist schwer, es ist aufgeheizt und vor allem auch emotional aufgeladen. Aber was wir mit dem Song auch erreichen wollten ist, die anderen eben nicht bloß zu verurteilen, sondern sich wieder zuzuhören. Ich merke an mir selber, wie schwer es fällt, andere Meinungen zuzulassen. Aber wir leben in einer Zeit, in der es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, und was die Situation im Osten angeht, muss man gucken, woher diese Emotionen kommen. Warum fühlen sich die Menschen überfordert und haben Angst? Manchmal glaube ich auch, die Politik agiert da etwas unglücklich. Aber wenn diese Angst in Wut und Hass umschlägt, müssen wir da ran, und zwar zusammen. Wir müssen reden, auch wenn das anstrengend ist.

nordbuzz: Silbermond engagieren sich schon seit vielen Jahren für Initiativen wie „Laut gegen Nazis“. Mit Blick auf die gesamte Szene: Sollte Musik mehr Haltung zeigen?

Nowak: Das muss jeder Künstler selber entscheiden. Ich glaube, es gibt viele Popmusiker, die in der Öffentlichkeit nicht viel machen, aber privat. Aber für uns ist es ja das sechste Album, und diese Themen lagen einfach auf der Hand. Man will sich ja thematisch nicht wiederholen, und das sind eben Dinge, die uns beschäftigen.

nordbuzz: Tatsächlich sprechen Sie auch auf Ihrem Album „Schritte“ unbequeme Themen an. Bei dem Vorgänger „Leichtes Gepäck“ ging es darum, sein eigenes Ding zu machen. Gab der Erfolg Ihnen das Selbstvertrauen, diesmal noch konsequenter den eigenen Weg zu gehen?

Kloß: Das hat auf jeden Fall den Weg geebnet. Was wir uns bei „Leichtes Gepäck“ erst wieder holen mussten - die Leichtigkeit, das Selbstbewusstsein, den geraden Rücken -, wollten wir dieses Mal weiterführen. Wir wollten nah an uns bleiben, den Band-Sound verfolgen und das machen, was sich gut anfühlt. Deswegen sind diesmal auch Ukulelen und Mandolinen zu hören. Wir hatten einfach Spaß am Musikmachen.

„Das ist das Leben“

nordbuzz: Die Texte sind sehr persönlich und Sie blicken auf dem Album viel zurück, zum Beispiel auf Ihre eigene Kindheit. Liegt das auch daran, Frau Kloß, dass Sie im April 2018 Mutter wurden?

Kloß: Zu einem Teil sicherlich. Ein Kind zu bekommen, macht einfach etwas mit dir. Das ist mit Abstand das Krasseste, was ich bis jetzt erlebt habe. Einmal Schleuderwaschgang, aber über eine echt lange Zeit. Das ist etwas, das dir vorher tausend Leute beschreiben können, aber du selbst empfindest es sowieso ganz anders. Auf einmal befindest du dich in einer Abhängigkeit ... das ist eine Verpflichtung, die du eingegangen bist, aus der kommst du nicht mehr heraus. Von jetzt bis immer. Am Anfang konnte ich damit gar nicht umgehen, und es hat mir unglaublich Angst gemacht. Es war gleichzeitig die schlimmste und schönste Situation. Und ja, diese Platte schaut viel zurück, aber sie schaut auch viel nach vorne. Mit „In meiner Erinnerung“ zum Beispiel.

nordbuzz: Der Song handelt vom Tod ...

Kloß: Der Tod meines Vaters ist jetzt 15 Jahre her, und ich dachte, ich hätte einen Platz in mir gefunden, wo das bleiben kann. Aber jetzt ist dieser Song passiert und ich merke: Das arbeitet einfach in mir. Fragen wie: Was wollen wir denn eigentlich alle hinterlassen mit dem, was wir tun? Wenn wir irgendwann weg sind, wird es dann jemanden geben, der sich an uns erinnert? Oder in „Hand aufs Herz“: Was gebe ich selbst weiter? Wie will ich eigentlich sein? Deswegen heißt das Album auch „Schritte“. Du kommst irgendwo her, du bist irgendwo und gehst weiter. Das hat jeder Song auf ganz unterschiedliche Weise in sich.

nordbuzz: Also im Grunde geht es um den Kreislauf des Lebens?

Kloß: Ja. Während der Albumproduktion haben wir in unserem Umkreis einige Leute verloren, auf der anderen Seite kam neues Leben in die Welt. Und irgendwo dazwischen sind wir alle. Manchmal gehen wir Schritte nach vorne, manchmal zurück. Manche Schritte tun weh, andere machen glücklich. Aber das alles hat etwas mit Bewegung, mit Weiterentwicklung zu tun. Das ist das Leben.

nordbuzz: In dem Stück „Silbermond“ singen Sie von brennenden Wäldern und Plastikoasen. Haben Sie Angst um die Zukunft unseres Planeten?

Kloß: Ich sag mal so: Ich hatte die letzten Jahre hier und da viel mit mir selber zu tun, mit den eigenen Zweifeln und Ängsten. Für mich war das Thema Umwelt immer ... Vielleicht geht es anderen Leuten auch so, aber man sieht es halt nicht richtig. Klar, wenn man ehrlich ist, dann schon. Wann hatten wir das letzte Mal Schnee zu Weihnachten? Trotzdem ist das irgendwie schwer greifbar. Aber mein Bewusstsein hat sich da verändert - weil ich diese innere Verpflichtung spüre, diesen kleinen Mann, den ich in die Welt gesetzt habe, ohne dass er danach gefragt hat, zu beschützen. Ich bin die Letzte, die sagt, dass ihre CO2-Bilanz geil ist. Das geht echt tausendmal besser. Aber ich will anfangen!

„Realistische Optimisten“

nordbuzz: In „Träum ja nur (Hippies)“ geht es darum, den Wunsch nach einer besseren Welt nicht aufzugeben. Sind Sie Optimisten?

Nowak: Realistische Optimisten - kann man das so sagen? Es gibt viele Menschen, die wirklich alles schwarzmalen. Das macht mich ganz wahnsinnig. Es ist schließlich nicht alles schlecht. Es gibt so viele schöne Sachen. Und es kommt ja auch immer darauf an, was man aus dem Schicksal macht. Du kannst gewisse Dinge nicht ändern, aber du kannst ändern, wie du damit umgehst. Und ich mag Menschen, die eine positive Aura haben.

nordbuzz: Verraten Sie uns zum Schluss noch, wer Amy ist, der Sie in dem Stück „Für Amy“ Mut zusprechen?

Kloß: Ich gebe zu: Wir haben den Namen geändert. Amy ist ein Mädchen, welches ich einmal nach einem Konzert von uns kennenlernte und das mir danach einen Brief schrieb. Darin stand, dass es ihr gerade nicht gut geht, unsere Musik ihr aber unglaublich viel gibt und ich ein Vorbild für sie sei, weil ich so selbstbewusst bin und so toll mit allem umgehe. Das hat mich in einem Moment erreicht, in dem es mir gar nicht gut ging und ich alles andere als stark war. Ich musste richtig weinen, als ich den Brief las, weil ich dachte, dass ich das nicht verdient habe. Es erinnerte mich auch an meine eigene Jugend.

nordbuzz: Inwiefern?

Kloß: In der Schule gab es ja immer die Coolen, die Mittelfraktion und die, die nur gelernt haben. Ich war irgendwo im unteren Mittelsektor. Ich habe mich nicht geschminkt, bis ich 16 war, und hatte kein besonderes Interesse an Style. Irgendwann bekam ich mit, wie eines der coolen Mädchen sagte, ich müsste mal mehr auf mein Äußeres achten. Das hat mich damals so getroffen, dass ein großes Stück meines Selbstbewusstseins flöten ging. Ich würde Amy wünschen, dass sie das nicht erleben muss. Dass sie erkennt: Die größte Stärke ist, dass man ist, wie man ist. Ich weiß, das sagt sich leicht. Ich spüre ja selber, wie ich daran zu knabbern habe, mir nicht von Instagram sagen zu lassen, wie man aussehen oder sein soll ...

Nowak: Das passt jetzt vielleicht nicht, aber nur mal so: Es sind ja 300 Millionen Samenzellen unterwegs, um die Eizelle zu befruchten. Das heißt, wir alle haben uns aus 300 Millionen durchgesetzt. Das ist eine Leistung, da kann man doch mal stolz sein.

teleschau

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