NDR-Reportage erzählt vom Kiez-Comeback

„Sex und Party mit Abstand?“ - So schlimm steht es um die Reeperbahn

Wie alle Wirte auf der Hamburger Reeperbahn versucht Susanna in der "Meuterei" die Hygienevorschriften einzuhalten. Das ist jedoch nicht immer leicht.
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Wie alle Wirte auf der Hamburger Reeperbahn versucht Susanna in der „Meuterei“ die Hygienevorschriften einzuhalten. Das ist jedoch nicht immer leicht.

Seit einigen Wochen dürfen die Kneipen und Bars auf der Hamburger Reeperbahn wieder öffnen. Doch viele Betreiber leiden nach wie vor unter Existenzängsten. Die NDR-Reportage „Sex und Party mit Abstand?“ erklärt, warum.

Sie ist die bekannteste Partymeile Deutschlands: Zu normalen Zeiten hat die Hamburger Reeperbahn Tausende Gäste am Abend empfangen. Doch in der Corona-Pandemie verweilte auch der legendäre Kiez von St. Pauli in einem monatelangen Dornröschenschlaf. Mittlerweile dürfen die Kneipen, Friseure und Tattoo-Studios zwar wieder öffnen, die strengen Auflagen machen vielen Betreibern aber zu schaffen. Wie die Menschen auf der Reeperbahn damit umgehen und welche mitunter kreativen Lösungen Wirte, Etablissementbetreiber oder Theaterintendanten für sich finden, das zeigt die NDR-Reportage „Sex und Party mit Abstand?“ am heutigen Mittwoch, 22. Juli, um 21 Uhr, im NDR-Dritten.

Die Autoren Alexander Cierpka und Tom Häussler haben sich auf dem Kiez umgehört. In der 45-minütigen Reportage treffen sie Kneipenbesitzer ebenso wie Friseure, Veranstaltungstechniker und Prostituierte. Sie alle haben es auch nach den schrittweisen Lockerungen nicht leicht, wie der trefflich menschelnde Film deutlich macht.

Da wären zum Beispiel Daniel und Susanna, die gleich drei Kneipen auf der Reeperbahn betreiben. Während eine davon, die „Meuterei“, dank Biergarten, Desinfektionsmittel und Adresslisten bereits geöffnet ist, wird der „Elbschlosskeller“, „Hamburgs härteste Kneipe“, vermutlich noch lange geschlossen bleiben: Zu viele Betrunkene zählten hier zum Stammpublikum, erklärt Daniel. Stattdessen dienen die Räumlichkeiten nun als Suppenküche und Kleiderkammer für Bedürftige.

Ein kleiner Funke Hoffnung

Auch die Kiez-Friseurin Anke hat „Angst, etwas falsch zu machen“: Natürlich halte sie alle auferlegten Maßnahmen ein. Trotzdem bleiben Zweifel, da die Polizei deutlich strenger als in anderen Teilen Hamburgs kontrolliere. Die Desinfektionspflicht wird für sie zu einem zusätzlichen Problem, denn ihre Arbeitsgeräte und Sitzmöbel gehen dadurch kaputt: „Wenn man sich das wirtschaftlich gesehen ausrechnet, können wir die Läden eigentlich alle zu machen.“ Stolze 70 Euro müsste sie für einen Haarschnitt verlangen, um die Kosten decken zu können. Viel mehr als ihre Kunden in St. Pauli bereit sind zu zahlen,

Noch düsterer sieht es im horizontalen Gewerbe aus: Prostitution ist wegen der Ansteckungsgefahr nach wie vor verboten. Betroffene wie Manuela können diese Entscheidung nicht immer verstehen: „Wir haben Gummihandschuhe, wir haben Sterillium, wir haben Sagrotan. Die Sagrotanflasche schleppen wir sowieso überall mit, wenn wir was mit Gästen machen. Also ich weiß nicht, was sonst noch gemacht werden soll.“ Seit 30 Jahren arbeitet Manuela als Prostituierte auf der Reeperbahn.

Thorsten, ein Bordellbetreiber, fürchtet sogar, dass viele Prostituierte nun in den Untergrund gehen, um weiter ihre Familien ernähren zu können. Um dem entgegenzuwirken hat das Gewerbe eine Demonstration veranstaltet, zu deren Unterstützern auch Olivia Jones gehört.

Der Film zeigt Menschen, die sich der Lage stellen wollen, die bereit sind, zu kämpfen. Aber es sind düstere Aussichten für die Hamburger Reeperbahn und ihre zahlreichen Beschäftigten. Irgendwie, so erfährt der Zuschauer am Ende, hängt jede Branche mehr oder weniger von einer anderen ab.

Und dennoch gibt es Grund zur Hoffnung: Das Schmidt Tivoli Theater durfte als eines der ersten in Deutschland wieder öffnen. Um den Abstand zu gewährleisten, schmücken hunderte von Pflanzen den reduzierten Zuschauerraum. Auch der Techno-Club „Baalsaal“ probiert ein neues Konzept aus: Der DJ ist von Plexiglasscheiben umgeben, die Gäste dürfen ohnehin nicht tanzen. Und die „Night of Light“, ein bildgewaltiger Hilferuf der Veranstaltungsbranche, scheint erste Wirkung zu zeigen. Bleibt zu hoffen, dass zumindest ein Teil der Branche die wirtschaftliche Krise überlebt.

teleschau

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