„Ich erlebe unsere Demokratie gerade sehr vital“

Jo Schück im Interview zum Social Factual-Format „Volksvertreter“ im ZDF

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Ein spannendes TV-Experiment: Jo Schück bringt in einer neuen Sendung Politiker und Wahl-Bürger zusammen.

Kenne deinen Kandidaten! - Das ist natürlich oberste Wählerpflicht. Aber kennt der Kandidat eigentlich auch seine Wähler? Moderator Jo Schück bringt jetzt in einer neuartigen Polit-Sendung wahlberechtigte Bürger und Kandidaten für die kommende Bundestagswahl zusammen.

Der 1980 im fränkischen Fürth geborene, im hessischen Lorsch aufgewachsene Jo Schück moderiert für das ZDF seit 2011 „zdf@bauhaus“ (3sat / ZDFKultur) und seit Februar 2014 das renommierte Magazin „aspekte“. Im Sommer vor der anstehenden Bundestagswahl (im September) bringt er eine erfrischend neuartige Politik-Sendung ins Programm. Im siebenteiligen Social Factual-Format „Volksvertreter“ (ab Donnerstag, 29. Juni, 22.15 Uhr, auf ZDFneo) holt Schück Politiker der sieben großen Parteien und deren Wähler zusammen. Die Grundaufgabe der Politiker: Innerhalb von 24 Stunden, soll und kann er Menschen, die ihn nicht wählen würden, von seiner Partei und sich überzeugen. Im Interview spricht Schück (36) über die Besonderheiten des Experiments, psychische Komponenten und den Zustand der Demokratie.

nordbuzz: Herr Schück, es soll junge Menschen geben, die annehmen, dass nur Frau Merkel Kanzlerin von Deutschland sein kann. Was sagt das über unsere Demokratie?

Jo Schück: Man darf nicht vergessen, dass Frau Merkel nun schon seit über einem Jahrzehnt unser Land regiert. Viele sind, wie ich auch, mit Helmut Kohl aufgewachsen. Auch ich dachte lange Zeit, dass „Kohl gleich Kanzler“ eine unumstößliche Gleichung sei. Das sagt uns, dass die Menschen für Politik begeistert werden müssen, damit sie sehen, dass es außerhalb von Merkel noch mehr gibt im politischen System.

nordbuzz: Wie erinnern Sie Kohl und seine Regierungszeit?

Schück: Ich war damals noch Kind, war neun Jahre alt, als die Mauer fiel. Da waren Politiker wie Kohl, Genscher oder Blüm omnipräsent. Als ich in die Pubertät kam, begegnete mir der alte Song „Helmut K“ von Die Ärzte. Ich habe alles hinterfragt, und auf einmal merkte ich, dass Kohl eben nicht auf einem Denkmal steht und nicht auf einem Denkmal stehen muss. Das musste ja irgendwann mal vorbeigehen.

nordbuzz: Wie verhält es sich bei Frau Merkel?

Schück: Das sehe ich bei Angela Merkel, der ich mit Respekt für ihre Regierungszeit begegne, genauso. Es tut dem System als solchem wirklich gut, wenn neuer Wein in die alten Schläuche kommt. Das hat man bei Kohl gesehen. Das kann gerne wieder jemand von der CDU sein, ich gebe keine Wahlempfehlung ab. Es wird Zeit, sich über das Gedanken zu machen, was nach Merkel kommt.

nordbuzz: Vielleicht auch systemisch?

Schück: Es gibt gute Gründe dafür, dass gewisse Legislaturen begrenzt sind. Der amerikanische Präsident darf auch keine 40 Jahre durchregieren.

nordbuzz: Die Leitfrage Ihrer Sendung „Volksvertreter“ lautet: Wie lebendig ist eine Demokratie? Unsere Frage an Sie lautet: Wann ist eine Demokratie lebendig?

Schück: Ich erlebe unsere Demokratie gerade sehr vital. Die Leute gehen auf die Straße, engagieren sich in Vereinen, sind in Kulturinitiativen aktiv. Ich habe den Eindruck, wir leben in einer wackligen Welt, in die sich aber viele einbringen wollen. Daher sehe ich eine vitale Demokratie, deren Grundpfeiler es immer wieder zu verteidigen gilt. Mancher will an denen kratzen. Das müssen wir verhindern. Wie wir in der Sendung sehen, wollen die Leute miteinander streiten und sich auseinandersetzen. Das sieht man ja auch an dem enormen Zulauf für #deutschlandspricht von ZeitOnline. Das lässt mich positiv in die Zukunft blicken.

nordbuzz: „Volksvertreter“ läuft im Sommer vor der Wahl im Herbst und bringt Wähler mit Kandidaten zusammen, die diese von sich und den Programmen ihrer Parteien überzeugen wollen. Worauf dürfen sich die Zuschauer freuen?

Schück: Wir sprechen eben nicht mit Spitzenkandidaten und Amtsträgern, sondern mit Leuten aus der zweiten Reihe, die noch etwas werden wollen. Die stellen die Zukunft des deutschen Politbetriebes dar. Das sind also gerade nicht die immergleichen Nasen aus den Talkshows, die ihre Medienprofi-Schablonen absondern und das sagen, was man sich schon vorher denken konnte.

nordbuzz: Klassische Newcomer sind die Politiker aber auch nicht ...

Schück: Nein, aber auch nicht die üblichen Gäste von Anne Will, Maybrit Illner oder „Hart aber Fair“. Markus Frohnmaier ist Mitte 20, Paul Ziemiak Anfang 30, und jemand wie Tim Renner, der etwas älter ist, ist ein Newcomer im Politbetrieb. Vielleicht werden solche Quereinsteiger, die wir auch aus anderen Ländern kennen, in Zukunft eine Rolle spielen.

nordbuzz: Tim Renner, der schon eine andere Karriere als Musikmanager hatte, durfte als Kulturstaatssekretär die geballte Ladung Unmut bis Hass der Kulturszene erleben. Hat diese Negativ-Erfahrung etwas mit ihm gemacht?

Schück: Das spannende an der Person Renner ist, dass der für die SPD antritt, auch etwas Ahnung von Polit-Shitstorms hat, aber er nicht zu 110 Prozent der SPD-Parteilinie entspricht. Seine Aussagen überraschen nicht nur mich als Moderator, sondern auch die, die ihn wählen sollen. Das ist eine Qualität dieser Sendung.

nordbuzz: Wie bringt das Format die Menschen, die Politiker ja sind, an die Grenzen dieser Parteilinien?

Schück: Das gibt es ja normalerweise im Fernsehen nicht, dass ein Politiker 24 Stunden mit einem Wähler verbringen muss. „Volksvertreter“ zwingt die Politiker, von ihrem Parteisprech abzuweichen. Auch weil die Wähler sie irgendwann dazu auffordern. Die sagten: „Hör' bitte auf, so zu sprechen. Ich bin kein Politiker, bin kein Politjournalist. Ich verstehe nicht, was du sagst.“ Das zwingt die Politiker, neu denken zu müssen. Das ist eine schöne Erkenntnis - für den Politiker und für den Zuschauer. Die Politiker nehmen für ihren Wahlkampf sicher das ein oder andere mit, wenn sie merken, dass das Volk diese Parteisprache nicht versteht.

nordbuzz: Ist das Hauptproblem der Politik ein Kommunikationsproblem?

Schück: Ein großer Bestandteil politischer Probleme ist sicher, dass die Bürger sie nicht verstehen - und wenn sie verstehen, trauen sie den Politikern nicht. Deshalb ist es wichtig, in diese anstrengenden Dialoge zu gehen.

nordbuzz: Anstrengend?

SchücK: Ja, in der Sendung sehen wir Diskussionen, die total anstrengend sind, und zwar nicht, weil die Leute doof sind, sondern weil manche Sachverhalte nun mal kompliziert sind und Menschen sind es auch. Politiker müssen also viel mit Leuten reden, die nicht auf ihrer Seite sind. Am Ende wird der CSU'ler den Linken-Wähler nicht auf seine Seite ziehen können, das ist unrealistisch. Aber er versteht Standpunkte und warum der Mensch so tickt und so argumentiert. Wähler nehmen Politiker oft nicht mehr als Mensch wahr. Diese persönliche Seite und die Beweggründe, warum man in einer Partei ist, muss man deutlicher machen. Da kommen wir auf Kommunikationsprobleme und landen bei Problemen der Medien. Man muss sich aber auch auseinandersetzen wollen, sonst hat man als Bürger keine Chance hinter die Fassade zu blicken.

nordbuzz: Wählen die Bürger Menschen oder eher Parteien? Wurden die Wähler in „Volksvertreter“ von Positionen oder doch eher vom Menschen überzeugt?

Schück: Es gab beides. Es gab am Ende den Fall, dass Wähler von Argumenten und vom Menschen überzeugt waren. Wäre der noch in einer anderen Partei, würden sie die Partei wählen. Könnten sie den Menschen alleine wählen, bekäme er die Stimme. Das ist ein kleines „Ja, aber“. Überrascht hat uns, dass in einem Fall sogar gesagt wurde, dass man eine Partei wählen würde, eben weil da auch solche Typen dabei sind. Es ist möglich, Leute mit Argumenten zu überzeugen, wenn man die Zeit dazu hat.

nordbuzz: Gab es Faktoren, die das begünstigten?

Schück: Der große Vorteil unserer Versuchsanordnung ist, dass wir darauf geachtet haben, dass sich die Menschen erst mal tagsüber sehr persönlich begegnen. Die gehen zusammen zur Fußmassage, im Supermarkt Essen einkaufen oder zum Minigolf. Die lernen sich privat und persönlich kennen, jenseits politischer Diskussion. Erst am Abend, wenn alle wieder zusammentreffen, kommt es zum harten politischen Schlagabtausch.

nordbuzz: Verändert das diesen Schlagabtausch?

Schück: Wir haben das Gefühl, wenn man weiß, wo der andere herkommt, aus welcher Familie und warum er die Karriere eingeschlagen hat, wird die politische Diskussion konstruktiver. Wenigstens fällt es einem leichter, mal die Perspektive des anderen einzunehmen.

nordbuzz: Was bringt „Volksvertreter“ in den Diskurs ein?

Schück: In unserer Sendung wurde nicht nur über Parteiprogramme gestritten, sondern man konnte nachvollziehen, warum ein Politiker Dinge tut und unter welchen Zwängen er steht, was es bedeutet, Mandatsträger im Bundestag zu sein, wie so ein Alltag aussieht und wie ein Wahlkampf aussieht. Das wissen ja nur wenige, und das erklärt einem auch niemand. Es war eine Gelegenheit für alle Beteiligten, über das Politiksystem als solches zu sprechen und wie man es verbessern kann. Über die Demokratisierung der Demokratie - wie kann man das Volk mehr beteiligen, ohne gleich Volksentscheide über Todesstrafen einzuführen. Einige hatten gute Ideen - andere gar nicht.

nordbuzz: Wie verändert ein Populist wie US-Präsident Donald Trump unsere Politik?

Schück: Der Riesenvorteil an Trump ist die Politisierung der Gesellschaft. Die Leute setzen sich mit Politik auseinander. Aus Mediensicht erfreulich ist, dass die Menschen wieder Vertrauen in seriöse Medien gewinnen. Jeder mit klarem Menschenverstand merkt, der Typ erzählt so viele Lügen und Quatsch. Wir müssen also eine seriöse Quelle finden, der wir mehr vertrauen können als dem amerikanischen Präsidenten. Er ist ja fast eine Karikatur der Populisten. Trump hat viele Menschen dazu gebracht, darüber nachzudenken, ob Wahrhaftigkeit und Wahrheitsgehalt nicht doch ernstzunehmende Qualitäten im politischen Diskurs sind.

nordbuzz: Für die Politik wie für den Journalismus ist Trump eine Aufgabe, da er daran erinnert, wie beide mit Fakten umgehen müssen ...

Schück: Ich bin da selbstkritisch, wie auch viele andere Journalisten, die sich in den letzten Jahren überlegt haben, wie können wir unsere Arbeit so verbessern, dass sie vertrauenswürdig ist. Im privaten Umfeld muss ich immer wieder erklären, wie Fernsehen funktioniert. Nach welchen Auswahlkriterien Beitrag X in der Sendung landet, während Y nicht drin ist. Das ist eine Chance für die Wahrhaftigkeit, für Transparenz, im besten Sinn aufklärerisch in die Zukunft zu gehen. Von daher sind diese Radikalisierungen und Popularisierungstendenzen unterm Strich eher eine Chance für die Gesellschaft.

nordbuzz: Gibt es charakterliche Grunddispositionen, die sich die sieben Politiker teilen?

Schück: Ich als Hobby-Psychologe konnte keine Disposition erkennen, die einen Menschen eher zum Politiker werden lässt als andere Leute. Wir haben den urbanen Quereinsteiger Tim Renner, die CSU'lerin Silke Launert, die eher aus der Provinz kommt und das auch gut findet. Haben die, wenigstens oberflächlich, Klischee-FDP'lerin Lencke Steiner und haben Markus Frohnmaier, der jünger ist als die anderen. Aber auch Paul Ziemiak, ein Jungpolitiker, der bald bei den Großen mitspielen will - das meine ich wertfrei. Sie alle sind sehr verschieden.

nordbuzz: Gab es bei den Bürgern eine große Sorge, die die eint?

Schück: Ein gesundes Misstrauen gegenüber dem Politikbetrieb. Auch ein Misstrauen gegenüber dem, was die Politiker von sich geben. Nicht, dass die alles ablehnen würden. Es ist eher eine gesunde Skepsis.

nordbuzz: Wie zeigte sich das?

Schück: Eher herausfordernd im Sinne von: „Versuch du doch mal, mich zu überzeugen.“ Wir wussten ja auch nicht, was da passiert, je nach Konstellation sind Diskussionen mal konstruktiver verlaufen und mal weniger. Manche springen von einem Thema zum nächsten. Das sind aber genau die Menschen, mit denen sich Politiker im normalen Leben auch auseinandersetzen müssen. Das ist exemplarisch für unsere Gesellschaft. Aus psychologischer Sicht, war jede Diskussion spannend. Man wunderte sich inhaltlich, warum klappt das eine besser und das andere weniger gut. Obwohl doch die Leute nicht blöder oder verbohrter sind. Es ist spannend das zu beobachten, auch fernab der Parteiprogramme.

tsch

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