Warum der Krimi nicht in die Gänge kam

Deutsch-polnischer „Polizeiruf 110“: Schräge Story zum „Muttertag“

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Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) und Kollegin Olga Lenski (Maria Simon) inspizieren den Tatort, einen Wald mit bizarr-krummen Bäumen nahe der deutsch-polnischen Grenze.

Im „Krummen Wald“ bei Stettin an der deutsch-polnischen Grenze geschieht ein Mord, zudem verschwindet eine junge Frau. Den dritten Fall für die erste deutsch-polnische Mordkommission wird man schnell vergessen haben.

Zum dritten Mal ermittelten Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) an der deutsch-polnischen Grenze. Die dort vom RBB etablierte „erste deutsch-polnische Mordkommission“ kommt jedoch noch immer nicht so richtig in die Gänge. Der „Polizeiruf 110: Muttertag“ geriet eher zum Zwei-Personen-Psychodrama als zu einem saftigen Grenzland-Thriller.

Was ist passiert?

In einem mystischen Fichtenwald, dessen Stämme krumm wie Fragezeichen gewachsen sind, wurde die Leiche eines Kleinunternehmers und Tischlers gefunden. Zugleich meldete andernorts eine Mutter ihre Tochter als verschollen. Die Kommissare fanden bei allerlei Befragungen alsbald heraus, dass der Unternehmer ein Verhältnis mit der Verschwundenen hatte. Der Mordverdacht fiel dann aber schnell auf einen jungen Arbeitslosen, der mit der Toten befreundet war.

Ergab die Story Sinn?

Es war zu weiten Teilen wieder mal ein Spiel mit Vorurteilen und Klischees, wenn auch nur im Hintergrund. Die Polen sind hier Familienmenschen, die Deutschen nicht. Und fromm sind sie, die Nachbarn. Beten noch beim Verhör den Rosenkranz. Dass in Grenznähe geklaut wird, was nicht niet- und nagelfest ist, auch das wurde nebenbei zitiert. Enrico, der junge Täter, den Anton Spieker überzeugend als hilflosen Outcast spielte, mordet letztlich aus Eifersucht und verletzten Gefühlen. Immerhin schnappte dem Arbeitslosen ein Kleinunternehmer die Freundin weg. Im Hintergrund schien also das soziale Gefälle durch.

Wie realistisch ging es zu?

Den Ermittlern Lenski und Raczek wurde es sehr leicht gemacht. Mal hatte der Freund des Opfers heimlich eine GPS-Kennung am Wagen der verschwundenen jungen Frau angebracht, mal hatten Augenzeugen Nummernschild und Farbe eines verdächtigen Wagens klar erkannt. Und im besagten Wäldchen ging es zum Tatzeitpunkt ja auch sehr lautstark zu.

War das wirklich ein „Polizeiruf“ zum Muttertag, was ja der Titel verspricht?

Eher nicht. Von einem „Polizeiruf“ würde man das ja auch gar nicht erwarten wollen. Aber immerhin: Man wurde Zeuge eines einprägsamen Mutter-Sohn-Dramas. Da waren zwei in starker Liebe miteinander verbunden. Ulrike Krumbiegel, die für ihre Rolle in „Nebel im August“ als Euthanasie-Krankenschwester gerade den Deutschen Filmpreis erhalten hat, spielte sich geradezu einen Wolf, so viel gab sie hier für ihren Film-Sohn. Schützt ihn, der sich als Mörder entpuppt - bis zuletzt.

Wie spannend war der Fall?

Die Spannung war spätestens zur Hälfte raus. Der Zuschauer wusste mehr als die deutsch-polnischen Kommissare von der Oder. Schon bald packten Sohn und Mutter gemeinsam die Leiche einer jungen Frau weg, die vom Sohn im Haus versteckt worden war. Es ist ja immer ein Wagnis, den Zuschauer so viel wissen zu lassen, während die Polizisten lange Zeit im Dunkeln tappen. Da hilft nur viel starker Suspense als Ersatz. Die Kamera müsste sich auf die Seite des Täters schlagen. Wie in „M - eine Stadt sucht ihren Mörder“, um ein Beispiel zu nennen.

Wie gut waren die Kommissare in Form?

An der Oder sind sie nach wie vor vollauf mit der Etablierung ihres deutsch-polnischen Kommissariats und dem Polizistenpärchen Olga Lenski und Adam Raczek beschäftigt, die Maria Simon und Lucas Gregorowicz spielen. Olga trauert auch nach einem Jahr und drei Fällen noch ihrem Geliebten Potsdam nach, den Freunden und der Familie. Außerdem hat sie ein vierjähriges Kind, Alma. Es gibt keinen Babysitter, auch nachts um drei musste sie Alma noch mit zum Tatort schleppen, in den „Krummen Wald“. Kein Wunder, dass die Ermittlerin da nicht in Hochform ist.

Gibt es den „Krummen Wald“ wirklich?

Ja, den gibt es wirklich. Es handelt sich um ein Naturdenkmal in der Nähe von Stettin. 94 krumme Fichten, deren Stämme sich wie Sicheln biegen. Dort geschahen die Morde, obwohl es eigentlich ein Plätzchen für Liebende ist. Es ist eine Art Märchenwald. Man weiß bis heute nicht, woher die Krümmung der Bäume kommt, aber wahrscheinlich hat da einer vor vielen Jahrzehnten seine Christbäume gezüchtet. Im Film war das aber so wichtig wie der berühmte rote Hering oder der gelbe Hund bei Simenon, der den Zuschauer auf eine falsche Fährte führt.

Bleibt ein starker Satz in Erinnerung?

Zweifellos der, den die Mutter am Ende zu ihrem Mörder-Sohn unter Tränen sagt: „Du kannst nicht erwarten, dass ich aufhöre, dich zu lieben!“ - Da hofft man, dass es gute Anwälte vielleicht einigermaßen richten.

Wie gut war die Folge?

Das Mutter-Sohn-Psychodrama war gekonnt gespielt - aber auch etwas behäbig in Szene gesetzt. Überhaupt kommt das Grenzland-Revier auch im dritten Fall noch nicht in die Gänge. Spröde Ermittler, zu viele Länderklischees, mehr Trübsal als Suspense. Man vermisst den alten Krause, Olga Lenskis uniformierten Ex-Partner, damals noch in Potsdam. Wir vergeben eine Vier.

tsch

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