Sperriger Sommer

Fürs Heimkino: Die schönen Tage von Aranjuez

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Ein Film als purer Dialog: „Die schönen Tage von Aranjuez“ inszenierte Wim Wenders nach einer französischen Original-Vorlage seines Freundes Peter Handke.

Wer sich auf die Filmversion des 2012 von Peter Handke verfassten Theaterstücks einlassen möchte, braucht viel Liebe für komplexe Sprache. Wim Wenders verfilmte den Text des Freundes ohne Kürzungen. Dafür aber wahlweise mit einem Garten in 3D.

Wim Wenders verfilmt ein Theaterstück seines Freundes Peter Handke: In dem auf Französisch gedrehten 98-Minuten-Dialog zwischen einem Mann und einer Frau geht es um das Wesen der Liebe und die Unterschiedlichkeit, wie sie aus männlicher beziehungsweise weiblicher Perspektive gesehen wird. Doch Vorsicht! Wer glaubt, „Die schönen Tage von Aranjuez“ (2016, nun fürs Heimkino erhältlich) wäre eine Art „Romantic Dramedy“ mit Hochkultursiegel, wird sich wundern. Wenders inszenierte in nur zehn Tagen unter freiem Himmel den ungekürzten Originaltext Handkes, weshalb sich der Zuschauer auf dessen hochpräzise, aber auch sperrige Sprache einlassen muss.

Handkes Frau, die französische Schauspielerin Sophie Semin, und ihr Landsmann Reda Kateb („Zero Dark Thirty“) spielen die Hauptrollen. Die beiden, vielleicht ein ehemaliges Liebespaar mittleren Alters, geben sich auf der Terrasse des Hauses, das auf einem Hügel gelegen den Blick auf ein Paris in der Ferne freigibt, einem reinen Dialog hin. Meistens stellt der Mann Fragen, die Frau antwortet. Wie war deine erste Liebe? Wie dein erstes Mal?

Wer nun auf tiefenpsychoanalytische Erkenntnisse im Stil der amerikanischen Therapieserie „In Treatment“ hofft, dem muss man leider sagen: Peter Handke ist ein Dichter, kein Therapeut und schon gar kein Drehbuchautor. Die Sprache, die er seinen Protagonisten in den Mund legt, ist eine lange Exegese über die Unmöglichkeit einer andauernden, paradiesisch-naiven Liebe.

Film ist eben auch Aktion, nicht nur Sprache

Damals war Peter Handke 70 Jahre alt, der behutsame Regisseur seiner Zeilen, Wim Wenders ist nun 71. Man kann ihr aus jeglicher Zeit gefallenes Kinowerk als sprachlich brillantes, philosophisch-lyrisches Extrakt der Melancholie aus der Summe eines satten Lebens begreifen. Oder aber als realitätsfernes Philosophiegeschwafel von der Kanzel der Hochkultur abtun, weil es ohne Ende nervt.

Beide Sichtweisen werden Befürworter finden. Wenn am Ende eine nicht näher erläuterte Apokalypse über den friedlich melancholischen Sommergarten hereinbricht, ist der Zuschauer dann doch berührt. Kurz zuvor springt Reda Kateb von seinem Gartenstuhl auf, um auf dem Rasen mit fast kindlichem Enthusiasmus ein paar Kreise zu laufen. „Hey, eine Aktion! Hatten wir denn nicht vereinbart: keine Handlung, nichts als Dialog?“, ermahnt ihn die Frau. Gut, dass der Kerl einmal vom Vereinbarten abgewichen ist. Denn es wird klar: Film ist eben auch Aktion, nicht nur Sprache.

Erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc, Blu-ray 3D und als Video-on-Demand.

tsch

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