Matthias Reim

Der Schlager und die Götter

+
Am 15. April veröffentlicht Matthias Reim sein 15. Studioalbum "Phoenix".

Wer sein neues Album "Phoenix" (ab 15. April) nennt, der muss doch fit in griechischer Mythologie sein. Zumindest eignet sich Matthias Reims Leben bestens für eine Gegenüberstellung mit den antiken Sagen.

"Wie Phoenix aus der Asche" - diese bekannte Redewendung gab Matthias Reim Mut, als er im Sommer 2015 am Boden war. Eine Herzmuskelentzündung machte ihm zu schaffen, die Pumpe klopfte nur noch mit einem Fünftel ihrer eigentlichen Kraft. Spätestens mit dem 15. April und der Albumveröffentlichung von "Phoenix" meldet sich der Rock- und Schlagersänger aber wieder zurück - gesundet und wie immer redselig. Wie der Feuervogel aus der griechischen Mythologie feiert der 58-Jährige nun schon sein x-tes Comeback. Im Gespräch über die alten Sagen aus der Antike muss der gebürtige Nordhesse jede Menge Parallelen zum eigenen Leben zugeben.

teleschau: Ihr neues Album ist nach dem Feuervogel "Phoenix" benannt. Was verbinden Sie mit griechischer Mythologie?

Matthias Reim: Nicht wirklich viel. Ich bin aber insgesamt ein extrem geschichtsinteressierter Mensch, vor allem wenn es um Millitärhistorie geht. Das liegt in der Familie. Aber der Albumtitel kam mir und meinen Partnern nach meiner Erkrankung. Ich sagte zu ihnen: "Gebt mir erstmal ein bisschen Ruhe. Dann werde ich aber aufstehen wie Phoenix aus der Asche." Das Bild passte eben.

teleschau: Sie sprechen es an: Ihre Gesundheit war zuletzt ein großes Thema. Hygieia ist die Göttin der Gesundheit. Ist sie Ihnen wieder gewogen?

Reim: Als ich den totalen gesundheitlichen Zusammenbruch hatte und es wirklich schlecht um mich stand, da hat mich diese Göttin schon ganz übel im Stich gelassen. Vielleicht wollte sie mir auch nur einen heilsamen Schock versetzen. Glücklicherweise sind meine Arterien frei und sogar meine Lunge ist in Ordnung - trotz meiner dummen Raucherei. Und seit ich jetzt regelmäßig Sport mache, geht es mir wieder richtig gut. Aber es stimmt schon: Im Sommer letzten Jahres war ich an einem Punkt, an dem nichts mehr ging.

teleschau: Schwierig zu akzeptieren, wenn man gerade auf einen neuen Karrierehöhepunkt zusteuert wie Sie ...

Reim: Das stimmt. Sich das einzugestehen, ist sehr schwer. Aber aus diesem "es ist vorbei" wurde schnell ein "aber ich komme wieder". Die Wiedergeburt des Phoenix eben.

teleschau: Die griechische Mythologie steckt voller Neuanfänge ...

Reim: In den ersten Tagen nach der Diagnose war aber gar nichts möglich. Ich konnte nicht ins Studio, war total durch. Selbst Geräusche aus dem Kopfhörer waren mir ganz schnell zu viel. Es war irre. Eine Burnout-Erkrankung lief noch parallel. Es war keine einfach Zeit. Aber ab dem Moment, an dem es mir nur ein bisschen besser ging, als ich merkte: "Das kriegst du wieder in den Griff. Du gehst nicht unter", da kam dann auch wieder die Freude an der Musik zurück. Langsam, ganz langsam.

teleschau: Auf ihrem Album besingen sie allerdings auch den "Jüngsten Tag". Lag der mit Sicht auf Ihre Karriere schon nahe?

Reim: Es gab etwa eine Woche, in der ich mich damit beschäftigte, dass es vorbei sein könnte mit der Musik. Da konnten die Ärzte noch nicht viel sagen. Auch der Satz fiel: "Ob Sie überhaupt wieder auf die Bühne gehen können, wissen wir noch nicht." Das hat mir ziemlich die Füße weggerissen. Da musste ich mich erstmal beruhigen. Natürlich kam da die Frage auf: "Was machst du denn dann?"

teleschau: Hatten Sie darauf schon eine Antwort?

Reim: Ich habe ja keine Rente, kein Vermögen. Ich hatte noch nicht genügend Zeit, all das, was ich an finanziellen Desastern hinlegte, wieder zu korrigieren. Ich hätte wohl zwei, drei weitere Studios gebaut und hätte mich auf Songschreiben und Produzieren konzentriert. Das kann ich immer. Ich habe zum Glück dieses zweite Standbein. Aber das hätte ich finanziell auch stemmen und dafür vieles umdenken müssen. Dabei handelt es sich aber absolut nur um den Plan B. Mein Ding ist es weiterhin, auf die Bühne zu gehen und meine Musik mit den Menschen zu teilen.

teleschau: Sie tragen stets ein Kreuz um den Hals. Haben Sie zu den Göttern gebetet in dieser Zeit? Kurz: Sind Sie religiös?

Reim: Bin ich nicht. Im Jahr 2001 zog ich mich nach Ibiza zurück, um mit meiner Crew an einem Comeback zu arbeiten. Damals ging gerade auch eine weitere Beziehung kaputt, kein Erfolg - mich hielt nichts mehr in Deutschland. Auf der Insel stieß ich bei einem Straßenhändler auf das Kreuz. Ich kaufte es ihm ab und sagte: "Du bist jetzt mein Glücksbringer. In zehn Jahren stehe ich hier wieder am Yachthafen, allerdings als Bootsbesitzer." Das wurde wahr. Zumindest zum Schlauchboot hat's zehn Jahre später gereicht. (lacht)

telschau: Eine der bekanntesten Geschichten der griechischen Mythologie ist die "Odyssee" ...

Reim: ... ja, die hab ich hinter mir. Musikalisch erlebte ich spätestens ab Ende der 90-er eine echte Irrfahrt. Keiner wollte mich mehr hören. Ich musste mich selbst fragen, ob ich radikal etwas falsch mache. Und: Muss der riesige "Verdammt, ich lieb' dich"-Schatten erst endgültig verschwinden, um weitermachen zu können? Das war sicherlich eine kreative Odyssee. Und man weiß nie, wann eine solche zu Ende ist.

teleschau: Bei Homer dauert sie zehn Jahre an.

Reim: Aber sie ist nicht sinnlos. Jede Odyssee hat einen tieferen Grund. Auch bei mir war das der Fall.

teleschau: Also glauben Sie an Schicksal.

Reim: Ja. Ich glaube, dass alles seine Zeit hat, dass man Geduld haben muss. Man darf nur nie aufhören und sagen: "Das wird schon kommen." Dann ist's vorbei. Da ist die Odyssee ein wunderbares Beispiel. Dort wo man landet, schaut man sich erstmal um und fragt sich: "Warum bin ich hier?" Dann muss aber die Entscheidung kommen: weiter! Stillstand ist definitiv der Tod, aber alles hat seine Zeit.

teleschau: Befinden Sie sich nun auf einer Fahrt mit klarem Start und Ziel?

Reim: Es ist alles wesentlich stabiler als noch vor ein paar Jahren. Ich habe eine sehr feste Basis an Menschen, die meine Musik hören. Und sie scheint, wie ich fasziniert feststelle, immer größer zu werden. Das mag auch daran liegen, dass ich diese Odyssee gegangen bin und von ihr erzählen kann. Ich bin nicht der einzige Odysseus! Und ich erzähle in meinen Songs von Fehlschlägen, vom Scheitern, von der Sehnsucht nach Glück, von der Irrationalität von Emotionen. All diese Themen resultieren aus dieser jahrelangen Irrfahrt.

teleschau: Auch Ihr Privatleben hat etwas von einer Irrfahrt. Mit sechs Kindern von fünf Frauen stehen Sie Zeus in fast nichts nach ...

Reim: (lacht) Ja, der Vergleich passt.

teleschau: Der Göttervater verwandelte sich in verschiedene Gestalten. Ist das auch Ihr Mittel, um Frauen zu verführen?

Reim: Nein, ich kann mich nicht verstellen. Ich bin so leicht zu durchschauen. Wie ich gerne sein würde, kann ich nicht mal ansatzweise spielen. Das funktioniert nicht.

teleschau: Wenn Sie kein Aufreißer sind, wie erklären Sie dann die vielen Partnerinnen?

Reim: Da geht es einfach nur um das hehre Ziel, das große Glück zu finden. Ich wollte immer sein wie meine Eltern. Dieses: "Ich hab Dich gesehen, ich hab mich in Dich verliebt, und das hat für das ganze Leben gereicht." Meine Eltern haben das bis zum Tod meiner Mutter durchgezogen. Wir Kinder waren immer so gerne da, weil es nicht gelogen war. Einfach toll. Das ist mir nicht gelungen. Und ich habe mich stets geweigert, einen Kompromiss zu leben.

teleschau: Sie gelten als die Vorzeigefigur in Sachen Patchwork-Familie.

Reim: Was aber alles andere als einfach und unkompliziert ist. Morgen etwa habe ich fast den ganzen Tag frei. Also was mache ich: Ich rufe meine Ex an und sage ihr, dass ich unsere kleine Tochter von der Schule abholen werde, um mit ihr den Nachmittag zu verbringen. Obwohl ich dringend eine Pause bräuchte. Mal aufs Sofa legen, Fernsehen, runter damit! Aber das krieg' ich nicht hin, Sehnsucht und schlechtes Gewissen sind größer.

teleschau: Musen sind in der griechischen Mythologie die Schutzgöttinnen der Kunst. Waren Frauen für Sie immer auch Musen?

Reim: Natürlich. Wenn man sich kennenlernt ... all die Hoffnungen, die da entstehen, spielen im Denken eine große Rolle. Wenn ich zurückdenke, habe ich das immer thematisiert. Meine zweite Single überhaupt, "Ich hab' geträumt von Dir", habe ich nur geschrieben, um meiner damaligen Chorsängerin eine Kassette in die Hand drücken zu können. Ich geh' da ja nicht hin und sag: "Boah, ich hab' mich total in dich verballert." Das Risiko wollte ich nicht eingehen, sondern einfach abwarten, ob sie es mit dem Lied versteht.

teleschau: Mit Erfolg.

Reim: Es hat geklappt, ja. Das 19-jährige Resultat lebt mit mir jetzt unter einem Dach. (lacht)

teleschau: ... ihr Sohn Julian, selbst Musiker, wie man hört und als Texter auch am Album beteiligt. Treiben Sie seine Karriere in Zukunft voran?

Reim: Das würde ich niemals tun. Da halte ich mich raus. Er hat ein Studio bei uns im Haus und macht die Musik, die ein 19-Jähriger machen muss. Mit Schlager hat Julian nichts an der Mütze und macht englische Musik, entwickelt da sein ganz eigenes Ding. Er träumt im Hinterkopf davon, Musiker zu sein. Das war bei mir in dem Alter ja nicht anders. Aber ich sagte nur zu ihm: "Mach' dein Abitur, studiere Philosophie, mach' was du willst. Aber lerne weiter, während du dich musikalisch entwickelst." Das hat mein Vater mit mir auch gemacht, und es hat mir gutgetan.

teleschau: Obwohl jetzt die beste Zeit wäre, ihn zum Nachfolger zu ernennen. Der Schlager boomt.

Reim: Das interessiert meinen Sohn aber nicht (lacht). Er hat Respekt vor meiner Arbeit, liebt meine Songs. Aber das ist doch nicht das, was ein 19-Jähriger im Netz runterladen würde. Der hört Nine Inch Nails und weiß der Teufel was. Ich kenn' das nicht, was ich alles bezahle. Aber er ist kreativ und bringt mich auf Melodie-Ideen, auf die ich gar nicht kommen würde.

teleschau: Ein Einfluss wird auch Ihre aktuelle Muse sein, Ihre Freundin, die von Ihnen auch produzierte Schlagersängerin Christin Stark.

Reim: Ja, und wir haben schon eine schwierige Zeit hinter uns. Zweifel, Rückzüge. Als wir uns erstmals wieder trennten, versuchte ich wieder das mit meiner vorherigen Frau und den Kids zu retten. Da hatten Christin und ich nur die Musik, um uns zu zeigen, was wir füreinander empfinden. Das hat schon etwas Musenhaftes.

teleschau: Was ist ihre Achillesferse, also Ihre größte Schwachstelle?

Reim: Meine Schwäche ist meine Gutmütigkeit, die Bereitschaft, Probleme anderer zu meinen zu machen. Ich kann keine Verantwortung abgeben. Nach einer Trennung etwa. Ich versuche immer noch das Leben der Ex zu erleichtern. Dann richte ich im Geiste plötzlich zwei Häuser ein - was ja eigentlich gar nicht in meiner Verantwortung liegt. Ich kann aber nicht abschalten.

teleschau: So etwas dürfte die jeweils neue Beziehung aber immer schwer belasten.

Reim: Klar. Aber gerade Christin macht das toll. Sie kennt ja auch meine - in Anführungsstrichen - seelischen Qualen. Und sie weiß natürlich, dass sie die Liebe zu meinen Kindern und mein Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihnen respektieren muss. Das tut sie. Als wir uns kennenlernten, war ich 55, hatte fünf und dann plötzlich sechs Kinder. Da weiß man ja schon, auf was man sich einlässt.

teleschau: Mit dem Lied "Asyl im Paradies" fällt auf "Phoenix" ein weiterer, aktuell sehr prominenter griechischer Begriff. Wie blicken Sie auf die Diskussion um Einwanderung?

Reim: Ich beobachte das, mache mir meine Gedanken und weiß, dass es eine historisch komplizierte Situation für alle Beteiligten ist. Ich habe aber überhaupt keine Lösung parat. Natürlich berührt es mich, wenn man die Bilder aus solchen Auffanglagern sieht. Das zerreißt einem das Herz. Viele Menschen hierzulande sind aber scheinbar überfordert damit. Es liegt wohl in der menschlichen Natur, bei Fremdem vorsichtig zu sein, sich sogar unwohl zu fühlen. Deswegen wurden eben auch mal Grenzen gezogen. Und die lösen sich nun in einer extrem kurzen Zeit einfach auf. Das ist eben kompliziert.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare