„Brennpunkt Migration - Das große Missverständnis“

Vom Scheitern im Paradies: TV-Doku wirft neues Licht auf das Thema Migration

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In Ghana wurde Prince Kwakye Afriyie zum Arzt ausgebildet. Danach ging er nach Deutschland, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nun ist er wieder zurück in seiner afrikanischen Heimat, um die dortigen Zustände zu verbessern.

Eine gut recherchierte und absolut sehenswerte Doku betrachtet das Thema Migration aus einem oft vernachlässigten Blickwinkel - und erklärt, weswegen Menschen ihr Glück in Europa zu finden versuchen.

Vor rund vier Jahren nahm die sogenannte Flüchtlingskrise ihren Anfang - und noch immer wird das Thema kontrovers diskutiert. Eine aufwendig recherchierte Dokumentation auf ZDFinfo beleuchtet am Donnerstag, 5. September, 20.15 Uhr, unter dem Titel „Brennpunkt Migration - Das große Missverständnis“ einen essenziellen Bestandteil der Debatte, der in der Vergangenheit zumeist stiefmütterlich behandelt wird. Mit diesem neuen Blickwinkel wird einmal mehr klar: Das Thema Migration ist weitaus komplexer als viele annehmen.

Zunächst sollte man als Zuschauer wissen, dass es sich bei der Dokumentation von Rainer Fromm und Galina Dick nicht um einen Film zum Thema Kriegsflüchtlinge handelt. Daher wird auch gleich zu Beginn ein gängiges Missverständnis adressiert. Thomas Liebig, Migrationsexperte der OECD, erklärt, dass man zwischen Flüchtlingen und Migranten differenzieren müsse. Nur bei einem geringen Teil geflüchteter Menschen handele es sich demnach um „Real-Flüchtlinge“. Sie stammen beispielsweise aus Bürgerkriegsländern wie dem Jemen, Libyen und Syrien und suchen Schutz vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Terror.

Ein wesentlich größerer Anteil komme jedoch aus wirtschaftlichen Gründen ins vermeintlich „gelobte Land“ Europa. Warum das so ist, und weswegen die Träume dieser Menschen oftmals an der harten Wirklichkeit zerschellen, erläutert die Doku in verständlicher Art und Weise, ohne dabei ins Tendenziöse abzudriften. Stammtischparolen werden durch das Format entkräftet und nicht bestärkt.

Fakt ist, dass Emigranten, die aufgrund wirtschaftlicher Interessen nach Deutschland kommen, hierzulande kein Asyl erhalten. Die Doku zeigt, dass es derzeit häufig Menschen aus Ghana sind, die ihrer Heimat trotz wirtschaftlichen Aufschwungs den Rücken kehren und ihr Glück vor allem in Deutschland suchen. Die Gründe dafür werden offengelegt: Ihnen wird über andere Migranten und über die Medien ein völlig falsches Bild der Bundesrepublik vorgegaukelt. Kojo Wilmot, der für die Internationale Organisation für Migration (IOM) arbeitet, erläutert dieses Zerrbild der Realität: „Ihr Traum ist, dass Europa mit Gold gepflastert ist, und es einfach ist, einen Job zu bekommen, mit dem man ganz einfach 6.000 Euro im Monat verdienen kann.“

Im Kampf gegen Korruption

Anhand berührender Einzelschicksale wird illustriert, wie es Menschen aus Ghana in Deutschland nicht oder nur schwer gelingt, eine neue Existenz aufzubauen. Auch ihre schwere Rückkehr in die ehemalige Heimat als Gebrandmarkte wird thematisiert: Kojo Wilmot hilft den Gescheiterten bei der Reintegration in die ghanaische Gesellschaft und das dortige Berufsleben. Einfach ist das nicht - auch psychologische Betreuung ist dafür notwendig.

Bei einem Gespräch mit dem Ökonomie-Professor Bernd Raffelhüschen wird in dem Film ein weiteres großes Problem ersichtlich: Menschen, die es irgendwie schaffen, sich in der neuen ausländischen Heimat zu behaupten und zu integrieren, überweisen enorme Geldsummen zurück an ihre Verwandten im Herkunftsland. In einer herangezogenen Statistik ist von rund 4,9 Milliarden US-Dollar die Rede, die Ghanaer und Ghanaerinnen allein im Jahr 2015 nach Hause zurücküberwiesen haben. Das große Problem dabei: Diese hohen Beträge sind für allem für autokratische afrikanische Staatsoberhäupter interessant.

Auch der ghanaische Migrationsforscher Professor Joseph Kofi Teye ist sich dieser Problematik bewusst. Er sieht die zunehmende Abwanderung daher als hausgemachtes Problem und übt harsche Kritik an den afrikanischen Regierungen. Emigration erfolge seiner Meinung nach vor allem aus Frust über Korruption sowie aus Ärger über die marode nationale Infrastruktur. Man könne es den Menschen also nicht verübeln, wenn sie hoffen, dass es ihnen in einem anderen Land besser ergeht - auch wenn sie nicht zwangsläufig in der Heimat um ihr Leben fürchten müssen. Eine in dem Beitrag angeführte Statistik der UN bestätigt zudem die Korruptionsskandale: 148 Milliarden US-Dollar gehen dadurch jährlich in Afrika verloren.

Ein Hoffnungsschimmer

Ein weiteres Missverständnis steht im Fokus der TV-Doku: Die Ärmsten der Armen sind finanziell gar nicht dazu in der Lage zu emigrieren. Professor Teye erklärt, dass die meisten Vertriebenen innerhalb Afrikas in Flüchtlingslagern auf dem afrikanischen Kontinent untergebracht seien. Das bedeutet wiederum, dass wirtschaftlich eher stabile Nationen wie Ghana hauptsächlich Fachkräfte verlieren - in der Doku selbst wird dieser oft nur schwer kompensierbare Verlust als „Aderlass“ bezeichnet.

Doch es besteht Hoffnung, so eine der Kernaussagen der Doku. Am Beispiel von Prince Kwakye Afriyie wird dies ersichtlich. Er ließ sich zunächst über ein staatlich subventioniertes Studium zum Arzt in Ghana ausbilden, verdiente sich dann seine weiteren Praxis-Sporen als Chefarzt in Deutschland und emigrierte schlussendlich wieder zurück in die alte Heimat. In Ghana versucht er nun das Gesundheitssystem und die medizinische Versorgung als Arzt und Politiker zu verbessern.

Wer emigriert - und warum? Unter dem Motto „Falsche Hoffnungen und dreiste Lügen“ zeigte der Film von Rainer Fromm und Galina Dick, dass wir längst noch nicht alles über das große Thema Migration wissen, wie wir gerne glauben wollen. In der Doku steht die Auswanderung aus wirtschaftlichen Gründen im Fokus. Doch was genau heißt das? Die Hintergründe und Ursachen sind vielfältig. Menschen, die im Ausland ihr Glück suchen, werden in dem Beitrag nicht von vornherein als illegale Einwanderer, sondern als Menschen betrachtet: als Menschen, die alles für ihren Traum von einer besseren Zukunft geben - und das kann schließlich nicht falsch sein.

teleschau

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