„Pop. Nation. Deutschland“

„Scheiß auf deutsche Texte“? - Doku beleuchtet das komplizierte Verhältnis deutschprachiger Musiker zu ihrem Land

Die 3sat-Dokumentation "Pop. Nation. Deutschland" zeigt das schwierige, teils gebrochene Verhältnis deutscher Musiker zu ihrem Land. Unter anderem kommt Frank Spilker von der Indie-Band Die Sterne zu Wort.
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Die 3sat-Dokumentation „Pop. Nation. Deutschland“ zeigt das schwierige, teils gebrochene Verhältnis deutscher Musiker zu ihrem Land. Unter anderem kommt Frank Spilker von der Indie-Band Die Sterne zu Wort.

Deutsche Texte stehen hoch im Kurs: 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, waren lediglich 18 der 100 erfolgreichsten Alben deutschsprachig - 2017 waren es bereits 68.

Seit der Wende hat sich das Verhältnis hiesiger Musiker zur deutschen Sprache verändert, teilweise auch das Verhältnis zu ihrem Land. Diesem ambivalenten Gefühl gegenüber Deutschland widmet sich die 3sat-„Kulturzeit“-Dokumentation „Pop. Nation. Deutschland“ (Samstag, 17. Oktober, 19.20 Uhr, 3sat), in der Musiker verschiedener Genres, verschiedenen Alters und sozialer Hintergründe das ambivalente Verhältnis zu dem Land, in dem sie aufwuchsen, und dessen Sprache beleuchten. In dem erstmals gezeigten Zusammenschnitt kommen von Kölschrocker Wolfgang Niedecken bis zum Berliner Rap-Duo Zugezogen Maskulin in erster Linie Künstler zu Wort, die als reflektiert und gesellschaftskritisch gelten.

Manche Musiker tun sich heute noch schwer mit damit, ihre Alltagssprache in Liedform zu gießen: „Wenn Tausende Menschen unseren Song 'Scheiß auf deutsche Texte' mitsingen, dann finde ich das erst mal gut. Weil viel zu oft das Gegenteil - 'Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein' - gegrölt wird“, weist etwa Frank Spilker auf deutschen Nationalismus hin. Der Frontmann der Hamburger Indie-Band Die Sterne wünscht sich eine Welt, in dem man sich Idealen verpflichtet fühlt, aber niemand nach der Herkunft fragt.

Das Gefühl, hier geboren zu sein, und dennoch aufgrund diverser Formen von Rassismus außen vor zu sein, kennt Samy Deluxe nur zu gut. Der Hamburger Rap-Veteran kannte nach eigener Aussage keinen einzigen schwarzen Menschen bis ins Teenager-Alter. „In den Augen einzelner Menschen aber auch systematisch vorgeprägt“ hätten seine Mitmenschen ihn als anders wahrgenommen und diskriminiert - diese Erfahrungen verarbeitet er auch in seiner Musik.

„Ich kann nicht schon wieder über dieselben Themen schreiben“

Anhand zweier Beispiele macht die Doku deutlich, was für einen großen Einfluss Sprache und kulturelle Einflüsse auf Musik haben können. „Ich höre manchmal türkische Lieder und versuche sie irgendwie auf Deutsch zu übersetzen“, beschreibt die türkisch-stämmige Pop-Sängerin Elif ihre Vorliebe für Schmachtfetzen aus dem Heimatland ihrer Eltern. Besonders Liebeskummer wird in türkischsprachigen Songs gerne äußerst pathetisch behandelt. „Ich liebe es, wenn man so für etwas sterben würde“, erklärt die Berlinerin. Der zweisprachig aufgewachsene HipHopper und politische Aktivist Mal Élevé vertritt die Meinung, mit der französischen Sprache ließe sich besser spielen als mit der deutschen - erkennt allerdings einen Trend hin zu mehr Vielfalt in der deutschsprachigen Musik.

Der gesellschaftliche Trend der vergangenen zehn Jahre ist nach Meinung von Zugezogen Maskulin hingegen verheerend - und geht klar in Richtung Rechtsruck. Punkrocker Sammy Amara von den Broilers ist die Entwicklungen der letzten Jahre um Pegda, AfD und Co. ebenfalls Leid: „Ich kann irgendwie nicht schon wieder über dieselben Themen schreiben“, gibt er zu Protokoll. Das Verhältnis zwischen Deutschland und seinen Musikern bleibt auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung kompliziert.

teleschau

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