Fünf Jahre „Wir schaffen das“

Schauspieler Lars Eidinger: „Habe den Glauben an die Menschen verloren“

Der Schauspieler Lars Eidinger hat die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als inhuman kritisiert. "Die Leute, die bei uns ankommen sind nicht der Grund dafür, dass es den Leuten hier schlecht geht", sagte er der Nachrichtenseite ntv.de. "So wird es aber verkauft."
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Der Schauspieler Lars Eidinger hat die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als inhuman kritisiert. „Die Leute, die bei uns ankommen sind nicht der Grund dafür, dass es den Leuten hier schlecht geht“, sagte er der Nachrichtenseite ntv.de. „So wird es aber verkauft.“

Ihr weitreichender Ausspruch fiel am 31.

August 2015. In der Bundespressekonferenz sagte Bundeskanzlerin Merkel im Hinblick auf die Flüchtlingskrise in Deutschland verkürzt wiedergegeben: „Wir schaffen das!“ - Ihre drei Worte wurden, ob sie das nun wollte oder nicht, zum Kernsatz einer vermeintlich neuen Willkommenskultur in Deutschland und zum Reizthema in der Flüchtlingspolitik ganz allgemein. Er wurde daraufhin immer wieder wiederholt. Auch von Merkel selbst. Doch was haben „Wir“ hierzulande denn nun „geschafft“? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Auch bei den Prominenten. Das Portal ntv.de hat sich bei ihnen umgehört und ein erstaunliches Mosaik an Stimmen zusammengetragen.

Der Schauspieler Lars Eidinger (unter anderem „Tatort“, „Babylon Berlin“) etwa sieht seinen Glauben an die Menschheit verloren. Zum fünften Jahrestag des Merkel-Zitats sagte er: „Ich glaube nicht, dass 'wir' 'es' geschafft haben oder schaffen werden. Ich habe ehrlich gesagt den Glauben an die Menschen verloren. Die Frage ist doch eher: Wie lange braucht der Mensch noch, um sich selbst zu zerstören?“ Eidinger erklärt in der ntv.de-Umfrage: „Die Leute, die bei uns ankommen, sind nicht der Grund dafür, dass es den Leuten hier schlecht geht. So wird es aber verkauft.“

Eindeutiger auf das Brennpunktthema Integration geht gegenüber ntv.de Margot Käßmann ein. Die evangelische Theologin weiß, dass 2015 zwar eine „humanitäre Tragödie“ verhindert werden konnte. An einem Ziel sieht sie die Gesellschaft jedoch nicht. Käßmann: „Wir haben gelernt, dass es bei Geflüchteten wie bei Einheimischen nicht nur wunderbar friedliche Menschen gibt. Einige schaffen es nicht, sich zu integrieren, sie müssen zurück in ihre Heimat. Einige schon lange hier Lebende haben es nicht geschafft, die eigene Enge zu überwinden. Mein Fazit: Die große Mehrheit der Einheimischen und der Zugewanderten haben es geschafft. Eine Minderheit auf beiden Seiten nicht.“

Zwischen Ja und Jein

Für den Kabarettisten Dieter Nuhr sind nach wie vor entscheidende Fragen nicht geklärt. Er sagt in der ntv.de-Umfrage: „In dem Satz 'Wir schaffen das' waren von Anfang an exakt drei Variablen offen: Wer ist 'wir'? Was ist 'das'? Und was heißt überhaupt 'schaffen'? Diese drei Faktoren sind bis heute unscharf.“ Für Nuhr klang der Satz „einfach beruhigend, wie eine wortgewordene Schlaftablette. Angenehm. Und weit besser als: 'Wir schaffen das nicht“.

Der Politologe Werner Patzelt schlägt in eine ähnliche Kerbe. Angela Merkel jedoch beschreibt er als gewiefte Taktikerin. „Nie hat Kanzlerin Merkel gesagt, was genau 'wir schaffen' würden. Das war geschickt, denn so lässt sich im Nachhinein auch nicht feststellen, was wirklich vom damals selbstgewiss Verheißenen geschafft wäre“, so Patzelt. Kritisch äußert sich Hans-Georg Maaßen: „Fünf Jahre nach Beginn der Flüchtlingskrise ist Deutschland wegen der Zuwanderung gespaltener denn je und die EU ist geschwächt worden; es hat sich gezeigt, dass Parallelgesellschaften durch den Zuzug gestärkt wurden, die Integration vieler junger arabischstämmiger Muslime misslungen ist und dass islamistische Anschläge und Straftaten durch Migranten zugenommen haben“, meint der frühere Verfassungsschutzpräsident.

Michael Naumann, Rektor der Barenboim-Said-Akademie in Berlin und von 1998 bis 2001 erster Kulturstaatsminister der Bundesrepublik, bescheinigte Deutschland, bisher nicht untergegangen zu sein, „weil plötzlich eine Million Flüchtlinge angekommen sind“. Naumann gegenüber ntv.de: „Sarrazin, Kalbitz und seine dicken und hässlichen Kameraden sinken zurück in die Gosse ihrer geistigen Niedertracht, und in zwei bis drei Generationen werden Historiker sich fragen, wie sie das eigentlich geschafft haben - diese Deutschen mit ihrem guten, alten Mannschaftsgeist.“

„Politik des neuen Wir“

Ob wir es nun geschafft haben im Sinne Merkels bleibt auch nach der Umfrage offen. Wohl aber sei noch ein weiter Weg zu gehen. Zumindest nach Meinung Leslis Mandokis. Der Musiker und Produzent war vor 45 Jahren selbst aus der damaligen stalinistisch-kommunistischen Diktatur Ungarns gefahren. Er sieht alle Menschen und vermeintlich unterschiedliche Lager in der Pflicht. Mandoki: Wir müssen vermitteln, dass unsere freiheitliche Demokratie nicht zur Disposition steht. Ob jemand seine wahre Identität zu Protokoll gibt, ist keine kulturelle Frage, sondern eine rechtsstaatliche Angelegenheit. Gleiches Recht für alle, keine Toleranz für Intoleranz. Wir stehen heute mehr denn je vor immensen Herausforderungen, die wir nur dann bewältigen, wenn wir die Spaltung der Gesellschaft überwinden und den Diskurs in unsere Mitte zurückholen. Nur mit einer 'Politik des neuen Wir' und einer Vision für unsere Zukunft können wir 'es' schaffen.

Auch Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, wird neben vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten bei ntv.de zitiert: „Mit dem Satz selbst hat die Bundeskanzlerin etwas Wichtiges geschafft. Sie hat damals zur richtigen Zeit ein wichtiges Zeichen gesetzt: für Humanität und Weltoffenheit, gegen Ignoranz und Abschottung“, erklärt er. „In diesem Geist hat unser Land, auch durch den Einsatz unzähliger ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, die Integration von Flüchtlingen gemeistert.“

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor reagiert in der ntv.de-Umfrage mit einer Gegenfrage: „Was hätte die Kanzlerin in der Ausnahmesituation 2015 sonst sagen sollen? Etwa: 'Deutschland geht unter! Rette sich, wer kann!'?“

teleschau

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